Viele Antikörper und jede Menge „zähe“ Ischgler

Corona-Hotspot Ischgl: Trotz Antikörpern bei über 42 Prozent der Bevölkerung gab es wenige Todesfälle und Krankenhausaufenthalte, wie die Antikörperstudie der Medizinischen Universität Innsbruck ergab.

Ende Februar dürfte das Virus „unter dem Radar“ gewütet haben. Das Schließen der Après-Ski-Lokale ließ die Zahlen dann sinken.
© zeitungsfoto.at

Von Marco Witting

Innsbruck – Es schwang Anerkennung mit. „Zäh“ seien die Ischgler gewesen, merkte Studienleiterin Dorothee von Laer vom Institut für Virologie an der Med-Uni Innsbruck anerkennend an. Wo andernorts Krankenhausaufenthalte angestanden wären, hätte man viele Krankheiten im Paznaun daheim überstanden. Irgendwie belegen das auch die Zahlen. 42,4 Prozent der Bevölkerung im Wintersport-Hotspot dürften laut der Studie der Med-Uni eine Corona-Infektion gehabt haben. Sehr viele unbemerkt.

Trotzdem blieb die Anzahl der Krankenhausaufenthalte und Todesfälle niedrig. Neun Ischgler mussten ins Krankenhaus, eine Frau auf die Intensivstation. Zwei Todesfälle gab es zu beklagen. Doch von einer Herdenimmunität (laut Experten ab etwa 70 Prozent mit Antikörpern), der Hoffnung, dass das Virus nicht wieder zurückkommt, und dem Ausgangspunkt der Infektionen im Skiort ist man weiterhin weit entfernt.

📽 Video | So lief die Antikörper-Studie in Ischgl

Rückschlüsse für ganz Tirol lassen die Zahlen aus Ischgl eigentlich auch keine zu. Bemerkenswert ist doch vieles. Und aus einigen Studienergebnissen kann man wohl auch im Einzelfall etwas lernen. Auffällig war etwa, dass Kinder weitaus seltener Antikörper in sich tragen. Diese wiesen nur etwa 27 Prozent auf. Das könnte entweder daran liegen, dass Kinder weniger Kontakt zu Infizierten hatten oder dass das kindliche Immunsystem anders auf das Virus reagiert, erklärte Epidemiologe Peter Willeit. Im Tourismusort war übrigens die Gruppe der 18- bis 60-Jährigen am stärksten von der Infizierung betroffen. Ein mögliches Indiz, warum die Verläufe milder waren.

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Wie ist es den Infizierten ergangen? Der Großteil der Studienteilnehmer (79 Prozent der örtlichen Bevölkerung inkl. der Saisonarbeiter nahmen teil, insgesamt 1500 Menschen) berichtete von Geschmacks- und Geruchsstörungen. „Das ist nicht so, als wenn die Nase verstopft ist. Sondern dass man einfach gar nichts mehr schmeckt. Auch keinen Kaffee beispielsweise“, sagte von Laer bei der Präsentation der Ergebnisse. Fieber und Husten folgten oft auf diesen Zustand. Das dürfte laut der Befragung, die Ende April durchgeführt wurde, bei den ersten Betroffenen schon Ende Februar der Fall gewesen sein.

📽 Video | Talk zur Studie in Ischgl

Trotz der hohen so genannten Seroprävalenz kann in Ischgl nicht von einer Herdenimmunität ausgegangen werden. Die Bevölkerung dürfte aber doch zu einem Gutteil geschützt sein, sagte die Medizinerin. Die Konzentration der Antikörper sei zum Teil sehr hoch gewesen. „Man muss nach menschlichem Ermessen davon ausgehen, dass, wenn Antikörper vorhanden sind, auch eine Immunität vorliegt“, meinte von Laer. Durch ein dreistufiges Verfahren liege die Spezifität der Tests bei 100 Prozent.

Zum Rückgang der Infektionszahlen hätten letztlich die Schließungen von „Superspreading-Events“ wie dem Feiern in Après-Ski-Lokalen geführt. Die Abreise von Touristen hätte keine Auswirkungen auf die Infektionszahlen gehabt. Dies sei auch eine der Lehren für die Zukunft. Solche Events zu schließen und sofort zu reagieren. Schließlich gingen auf Ischgl knapp 40 Prozent der Fälle allein in Österreich zurück.

Von Laers Rat für die Zukunft? „Testen. Testen. Testen.“ Das will man auch im Paznaun weiter tun. Und hofft dabei auf die Zähigkeit und Bereitschaft der Ischgler.


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