Ein Land im Umbruch: Die USA einen Monat nach George Floyds Tod

"Ich kann nicht atmen" – die Aufnahmen von George Floyds qualvollem Tod haben die USA verändert. Es wird über Rassismus und Polizeigewalt debattiert. Unternehmen, Sportverbände und Politik bewegen sich. Das dürfte auch Auswirkungen auf die Präsidentenwahl haben.

Der gewaltsame Tod des Afroamerikaners George Floyd am 25. Mai hat in den USA Veränderungen angestoßen.
© KEREM YUCEL

Von Jürgen Bätz, dpa

Washington – "Papa hat die Welt verändert" – das sagte George Floyds sechsjährige Tochter Gianna schon kurz nach dem Tod ihres Vaters bei einem brutalen Polizeieinsatz. Einen Monat später ist klar, dass der Tod des Afroamerikaners in den USA tatsächlich Veränderungen angestoßen hat.

Im ganzen Land haben sich Menschen aller Hautfarben an Massenprotesten beteiligt, die eine Debatte über systematischen Rassismus und Polizeigewalt angestoßen haben. Im Sport, in der Politik, Wirtschaft und bei der Polizei hat sich mehr verändert als in vielen Jahren zuvor. Aber es gibt auch Widerstand.

Wandel in den Köpfen

Nach Floyds Tod am 25. Mai haben in zahlreichen Städten Amerikas an vielen Tagen jeweils Tausende Menschen demonstriert – und das trotz Corona-Beschränkungen. Langjährigen Beobachtern zufolge, darunter etwa Ex-Präsident Barack Obama, hatten sich zuvor noch nie so viele Weiße an solchen Protesten beteiligt. Millionen Menschen äußerten sich zudem in sozialen Medien und solidarisierten sich mit der Bewegung "Black Lives Matter". Mehrere Umfragen haben gezeigt, dass inzwischen eine Mehrheit der Amerikaner Rassismus für ein großes Problem hält und die Proteste dagegen unterstützt.

"Black Lives Matter"-Großdemonstration in New York.
© JOHANNES EISELE

Symbole der Unterdrückung

Plötzlich werden Statuen von Persönlichkeiten, denen Sklavenhaltung oder die Unterdrückung von Schwarzen oder Ureinwohnern vorgeworfen wird, infrage gestellt. Im Bundesstaat Virginia soll eine Statue des einstigen Südstaaten-Generals Robert E. Lee abgebaut werden, in San Francisco und Boston geht es um den Kolonialisten Christopher Kolumbus. Im Kapitol in Washington wurden historische Porträts abgehängt, weil es dort keinen Platz für den "brutalen Fanatismus und grotesken Rassismus der Konföderierten" gebe, hieß es. Ein Gedenktag zum Ende der Sklaverei soll nun in vielen Bundesstaaten ein Feiertag werden. Filmklassiker wie "Vom Winde verweht" sollen künftig nur noch mit Erklärungen zu deren rassistischen Vorurteilen gezeigt werden.

Im Bundesstaat Virginia soll eine Statue des einstigen Südstaaten-Generals Robert E. Lee abgebaut werden.
© RYAN M. KELLY

Polizeireformen

Minutenlang drückte ein weißer Polizist sein Knie in Floyds Nacken. Mehrere Bundesstaaten und Städte – darunter Minneapolis, Atlanta, New York und Washington – brachten als Konsequenz Polizeireformen auf den Weg, um exzessive Gewaltanwendung zu unterbinden. Sie haben Polizisten zum Beispiel Würgegriffe und Halsfixierungen verboten. Auch auf nationaler Ebene gibt es Bewegung. US-Präsident Donald Trump unterschrieb eine Verfügung mit ersten Polizeireformen. Die Demokraten schlugen im Kongress sehr weitgehende Reformen vor, die Republikaner wollen ein weniger ambitioniertes Gesetz.

Unternehmen wollen Wandel

Einer Analyse der Online-Plattform Axios zufolge haben Amerikas größte Unternehmen seit Floyds Tod versprochen, zusammengenommen rund zwei Milliarden Dollar (rund 1,77 Milliarden Euro) für den Kampf gegen Rassismus und Ungleichheit zu spenden. Darunter waren Banken, Tech-Firmen und Einzelhändler. Viele Firmen sagten auch zu, Angehörige von Minderheiten gezielt zu fördern. Der deutsche Sportartikelhersteller Adidas will bei den Marken Adidas und Reebok in den USA künftig mindestens 30 Prozent aller neuen Stellen mit Schwarzen oder Latinos besetzen. "Wir müssen und werden besser sein", hieß es. Luft nach oben gibt es reichlich: Obwohl Schwarze 13 Prozent der US-Bevölkerung ausmachen, haben nur vier der 500 umsatzstärksten Firmen einen afroamerikanischen Geschäftsführer.

Veränderungen am Frühstückstisch

Etablierte Marken beleuchten, inwieweit ihre Namen und Logos rassistische Stereotypen bedienen. Der US-Getränke- und Lebensmittelmulti Pepsi etwa gibt seiner 130 Jahren alten Frühstücksmarke "Aunt Jemima", die vor allem Backmischungen für Pfannkuchen und Sirup umfasst, nun einen neuen Anstrich. Kritiker stören sich vor allem am Logo, das in ihren Augen klischeehaft eine schwarze Frau als Maskottchen im Stil einer freundlichen Dienerin abbildet. Der US-Lebensmittelkonzern Mars kündigte an, seine Reismarke Uncle Ben's "weiterzuentwickeln". Das Produkt zeigt den Kopf eines älteren schwarzen Mannes mit weißen Haaren. Mars wolle helfen, rassistische Vorurteile zu bekämpfen. "Es gibt in der Gesellschaft keinen Platz für Rassismus", erklärte der Hersteller.

Die verstaubte "Aunt Jemima" soll einen neuen Anstrich bekommen.
© EVA HAMBACH

Auswirkungen auf die Präsidentenwahl

Floyds Tod hat wenige Monate vor der Präsidentenwahl auch die Politik verändert. Experten gehen davon aus, dass sich Schwarze und Angehörige anderer Minderheiten infolge der Massenproteste verstärkt politisch engagieren werden - und dann im November auch tatsächlich abstimmen werden. Eine höhere Wahlbeteiligung dieser Gruppen dürfte dem designierten demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden in die Hände spielen. Barack Obamas früherer Vizepräsident erfreut sich bei Minderheiten größerer Beliebtheit als Trump. Zudem haben sich seit Floyds Tod die Anzeichen vermehrt, dass er eine nicht-weiße Frau als Kandidatin für die Vizepräsidentschaft auswählen könnte.

Trump redet Rassismus klein

Vor allem einer tritt bei den Veränderungen auf die Bremse: Präsident Trump. Er hat das brutale Vorgehen gegen Floyd als Einzelfall verurteilt, erkennt jedoch weder Polizeigewalt gegen Schwarze noch systematischen Rassismus als großes Problem an. Die Proteste nahm er als Kampfansage wahr und drohte Demonstranten mit dem Einsatz "bösartiger Hunde" und den Streitkräften - anstatt Verständnis zu zeigen und das Land zu einen. Eingriffe in die Erinnerungskultur verbittet er sich, wofür er Beifall von seinen konservativen Anhängern bekommt. "Unsere Helden sind keine Quelle der Schande", sagte Trump am Dienstag in Arizona. "Wir müssen unsere Vergangenheit wertschätzen, wir müssen gut oder schlecht wertschätzen."

Präsident Trump gießt Öl ins Feuer.
© SAUL LOEB

Sport im Wandel

Der Sport hat in den USA großen Einfluss, sowohl die Stars einzelner Sportarten als auch deren Verbände. Die National Football League (NFL) vollzog nach Floyds Tod eine Kehrtwende. NFL-Boss Roger Goodell gestand Fehler ein, positionierte sich so deutlich wie noch nie gegen Rassismus und "die systematische Unterdrückung schwarzer Menschen". Er ermunterte alle, friedlich zu protestieren. Goodell hatte 2016 den schwarzen Quarterback Colin Kaepernick kritisiert, der aus Protest gegen Polizeigewalt während des Abspielens der Nationalhymne gekniet hatte. Der US-Fußballverband kippte eine seiner Regeln und entschuldigte sich für das Verbot zu knien und die Ignoranz gegenüber seinen schwarzen Spielerinnen und Spielern. Und die populärste und vor allem im Süden der USA beliebte Motorsportserie Nascar hat inzwischen die Kriegsflagge der Konföderierten bei ihren Rennen verboten.

2016 wurde Quarterback Colin Kaepernick von NFL-Boss Roger Goodell für sein Verhalten kritisiert. Nun gestand Goodell einen Fehler ein.
© imago/ZUMA Press

Der Hintergrund: Floyd und Rassismus

Der unbewaffnete Floyd (46) war bei einer Festnahme in Minneapolis im Bundesstaat Minnesota getötet worden. Ein Polizist kniete rund acht Minuten auf seinem Hals. Floyd war wegen des Verdachts festgenommen worden, mit einem falschen 20-Dollar-Schein bezahlt zu haben.

Mit "systematischem Rassismus" ist die strukturelle Benachteiligung Schwarzer gemeint. Schwarze in den USA leben im Durchschnitt weniger lang, sind weniger gesund und weniger gebildet als Weiße. Schwarze werden bei gleichen Verbrechen zu längeren Haftstrafen verurteilt als Weiße. Das durchschnittliche Vermögen einer schwarzen Familie entspricht einem Zehntel des Vermögens einer weißen Familie - ein Verhältnis, das sich seit Jahrzehnten kaum verändert hat.


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