Talsohle geschafft, "Konjunktur-Babyelefant" aufgepäppelt"

Im zweiten Quartal gabe es ein BIP-Minus von zehn Prozent. Im dritten Quartal soll es beireits wieder ein Plus gebeen. Die Lage am Arbeitsmarktist dramatisch. Kein Problem haben die Wirtschaftsforscher vom Wifo und dem IHS mit dem Budgetdefizit.

Da sei aktive Arbeitsmarktpolitik nötig, um möglichst wenig Langzeitarbeitslosigkeit entstehen zu lassen.
© APA

Wien – Die Geld- und Konjunkturhilfen der Regierung gegen die Coronaviruskrise waren absolut notwendig und richtig, auch wenn dies das Budgetdefizit enorm hochtreibt, betonten am Freitag die Chefs von Wifo und IHS. Als besonders dramatisch skizzierten die Experten den massiven Anstieg der Arbeitslosigkeit durch die Coronakrise und forderten spezielle Maßnahmen bei Bildung und Qualifizierung.

Durch die Hilfsprogramme sei die Konjunktur "ein Babyelefant, der genährt und hoffentlich aufgepäppelt wird", meinte der Leiter des Instituts für Höhere Studien (IHS), Martin Kocher. Die Talsohle sei nun im zweiten Quartal durchschritten worden, waren er und der Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts, Christoph Badelt, sich einig. Den Umbau einer Nothilfe zu einer Konjunkturstützung begrüßten beide Experten. Wie viel von den zunächst 38 Milliarden und nun insgesamt 50 Milliarden Euro fürs Budget schlagend würden, wisse man noch nicht, wohl aber ein großer Teil.

📽| Video: WIFO und IHS prognostizieren heftigen Wirtschaftseinbruch

"Seit Mitte Mai geht es wieder aufwärts"

Nach noch 1,6 Prozent realem Wirtschaftswachstum 2019 rechnen Wifo und IHS für heuer mit einem massiven Einbruch des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von sieben bzw. 7,3 Prozent, für 2021 mit einem Anstieg von 4,3 bzw. 5,8 Prozent. Im ersten Halbjahr allein dürfte das BIP rund ein Zehntel geschrumpft sein, "seit Mitte Mai geht es wieder aufwärts, das zeigen auch die teils wöchentlichen Frühindikatoren", so Kocher. Das dritte Quartal werde bereits wieder ein positives Wachstum haben, wenn auch von tieferem Niveau aus, meinte der Wifo-Prognoseverantwortliche Christian Glocker.

Die Stärke der Erholung hänge von der Entwicklung der Pandemie auch in anderen Ländern ab, etwa Österreichs Haupthandelspartnern, so Kocher. Von den Regierungsmaßnahmen dürften heuer 31 Mrd. Euro Impuls ausgehen, 2021 dann 8 Mrd. Euro, meinte Glocker. Die EZB-"Bazooka" von 1,700 Milliarden Euro entspreche 14 Prozent des nominellen BIP der Euroländer – das sei ein massiver geldpolitischer Impuls der Eurohüter, viel größer als seinerzeit in der Finanzkrise.

An der Coronakrise ist für den Wifo-Chef der Arbeitsmarkt " das sozialpolitisch dramatischste Kapitel". Die Arbeitslosenrate, 2019 nach nationaler Rechnung 7,4 Prozent, dürfte laut neuen Konjunkturprognosen von Freitag heuer auf 9,7 (Wifo) bis 10,2 (IHS) Prozent klettern und auch 2021 mit 8,9 bzw. 9,2 Prozent recht hoch bleiben.

Prognose 2020 und 2021 - BIP-Wachstum, Privater Konsum, Arbeitslose, Inflation
© APA-Grafik

Bildung und Qualifizierung notwendig

Da sei aktive Arbeitsmarktpolitik nötig, um möglichst wenig Langzeitarbeitslosigkeit entstehen zu lassen, sagte Kocher vor Journalisten. Bei den Berufseinsteigern müsse man eine "verlorene Generation" vermeiden. Für den Herbst bedürfe es eines großen Maßnahmenpakets. Die Sozialpartner würden das schon verhandeln, Klarheit sollte es schon im Juli gebe, denn möglichst wenig Menschen sollten aus der Kurzarbeit in die Arbeitslosigkeit kommen.

IHS-Arbeitsmarktexperte Helmut Hofer und bedingt auch der Wifo-Chef können sich eine Verlängerung der Corona-Kurzarbeit für bestimmte besonders belastete Branchen vorstellen, etwa den Tourismus. Ansonsten würde man zur normalen Kurzarbeit zurückkehren, wie sie seit 1968 besteht, so Hofer. Badelt warnte davor, die jetzigen Sonder-Alimentierungen zu lange, in eine bessere Konjunktur hinein zu geben. Wenn das Einkommen gleich hoch sei ob man arbeite oder nicht, sei das kein guter Anreiz, betonte der Wifo-Chef. Bei kleinen Selbstständigen müsse man trachten, "eine neue Form des Proletariats" zu verhindern, die drohten gleich in die Mindestsicherung zu fallen.

"Das regt uns nicht wahnsinnig auf"

Dass das Budgetdefizit heuer durch die "wichtigen Nothilfen" der Regierung auf zehn oder elf Prozent des BIP steigt, "regt uns nicht wahnsinnig auf", meinte Badelt: "Hätten wir diese Rosskur nicht gehabt, hätte es eine Katastrophe gegeben." Auch Kocher begrüßt das rasche Handeln: "Die Maßnahmen waren zur Bewältigung der Krise notwendig, auch wenn sie den Staatshaushalt belasten." Bei der Defizitquote werde Österreich "bis 2024 nicht unter die drei Prozent kommen", so Badelt: "Das 2021er Budget steht noch im Schatten von Corona, da wird man jedes Defizit akzeptieren." Für 2021 gehen die Institute lediglich von einem Rückgang des Defizits auf sechs (Wifo) bzw. vier (IHS) Prozent aus.

Nach Abflauen der Krise werde man Klein- und Mittelbetrieben eine bessere Kapitalausstattung ermöglichen müssen - viele KMU hätten nämlich zu wenig oder gar ein negatives Eigenkapital, so Badelt. Es gebe derzeit viele Firmen, "die es eigentlich nicht mehr geben sollte". Im Konjunkturprogramm der Regierung stehe zum Eigenkapital derzeit nicht mehr als die "Überschrift"; es gelte privates Kapital, Risikokapital "herauszulocken", auch aus den Stiftungen. Und wenn der fiskalpolitische Konjunktureffekt der "Rosskur" einmal ausläuft, bedürfe es anderer Nachfragestimuli, bei klassischen Investitionen etwa bei den Gemeinden, aber auch zu Verkehrsinfrastruktur und Klima, so der Wifo-Chef.

Stärkster Einbruch seit 1930

Heuer stürzt die Konjunktur auch global ab – das IHS spricht vom stärksten Einbruch der Weltwirtschaft seit den 1930er Jahren. Es dürfte aber "im zweiten Quartal der Tiefpunkt der weltweiten Rezession erreicht worden sein, und die Weltwirtschaft sollte ab der Jahresmitte wieder expandieren", so das IHS. Aus dessen Sicht dürfte der Euroraum heuer um 8,5 Prozent schrumpfen, stärker als Österreich, und dann 2021 um 6,3 Prozent zulegen. Die Weltwirtschaft sieht man heuer um 4,8 Prozent zurückgehen, 2021 sollte sie dann um 5,3 Prozent wachsen. Stärker trifft es den Welthandel, der dürfte heuer 13 Prozent einbrechen und 2021 mit plus acht Prozent wieder an Fahrt gewinnen, so das IHS.

Abwärtsrisiken der Wifo-Prognosen seien mögliche neue Covid-19-Ausbrüche und die Möglichkeit, dass die Normalisierung keine rasche Konjunkturerholung bringe, sagte Glocker. Aufwärtsrisiken seien eine eventuell deutlich schnellere und stärkere Erholung sowie positive fiskalpolitische Multiplikatoren, die man möglicherweise unterschätze. (APA)

📽| Video: Pressekonferenz WIFO und IHS


Kommentieren


Schlagworte