Deutschland bemüht sich um Schadensbegrenzung im Fall Wirecard

Die deutsche Politik ist nach der Wirecard-Pleite unter Druck. Als erste Konsequenz will die Regierung die Zusammenarbeit mit der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) kündigen, die trotz der jahrelangen Medienberichte über mögliche Bilanzunregelmäßigkeiten bei Wirecard nicht aktiv wurde.

Symbolfoto.
© Sven Hoppe

Berlin, Frankfurt – Die milliardenschwere Pleite von Wirecard sorgt nicht nur an der Börse für Turbulenzen, sondern setzt in Deutschland auch die Politik unter Druck. Der FDP-Politiker Frank Schäffler brachte einen Untersuchungsausschuss des Bundestages ins Spiel, um den Bilanzskandal aufzuklären, der Banken und Anleger viel Geld kostet.

Als erste Konsequenz will die deutsche Bundesregierung die Zusammenarbeit mit der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) kündigen, die trotz der jahrelangen Medienberichte über mögliche Bilanzunregelmäßigkeiten bei Wirecard nicht aktiv wurde. Das sei nur ein erster Schritt, sagte die Sprecherin des Finanzministeriums am Montag in Berlin. Der Fall Wirecard müsse umfassend aufgeklärt werden.

Der Zahlungsabwickler hatte in der vergangenen Woche Insolvenz beantragt, weil in der Bilanz 1,9 Milliarden Euro fehlen. Vorläufiger Insolvenzverwalter ist der Münchener Rechtsanwalt Michael Jaffe, der etwa die Pleite der Kirch-Gruppe betreut hatte. "Die Vorgänge um Wirecard sind skandalös", sagte FDP-Politiker Schäffler der Nachrichtenagentur Reuters. Er kritisierte auch die Aufsichtsbehörde BaFin, die dem Finanzministerium unterstellt ist. "Es gibt offenbar persönliche und strukturelle Defizite bei der BaFin." Nun müssten die Probleme analysiert werden. Am Nachmittag tagt der Verwaltungsrat der Finanzaufsichtsbehörde, dem auch Schäffler angehört. Für die Sitzung habe er einen Bericht vom Vorsitzenden des Gremiums, Finanzstaatssekretär Jörg Kukies, angefordert.

Die BaFin hatte die auch "Bilanzpolizei" genannte DPR im Februar 2019 beauftragt, den Abschluss von Wirecard für das erste Halbjahr 2018 näher zu prüfen. Bis zur Pleite des Dax-Konzerns lag kein Ergebnis vor. DPR-Präsident Edgar Ernst sagte der "FAZ", es sei im Wesentlichen nur ein Mitarbeiter damit beauftragt gewesen. FDP-Politiker Schäffler kritisierte dies: "Das ist wie mit Wattebäuschchen auf Elefanten zu schießen. Dass die BaFin 15 Monate auf einen Bericht der DPR trotz der Hinweise auf Unregelmäßigkeiten wartet, ist ein Unding."

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Auch Philippinen um Aufklärung bemüht

Auch auf den Philippinen, wo die fehlenden 1,9 Milliarden Euro angeblich liegen sollten, ist man um Aufklärung bemüht. Die Anti-Geldwäsche-Behörde werde eine "schnelle und gründliche" Untersuchung starten, um weitere involvierte Gesellschaften und Personen zu finden, sagte deren Vorsitzende Mel Georgie Racela zu Reuters. Genau ansehen werde sich die Behörde vor allem drei Unternehmen, die im Zusammenhang mit dem deutschen Zahlungsabwickler stünden - Centurion Online Payment International, PayEasy Solutions und ConePay International.

Der von Wirecard offenbar als Treuhänder eingesetzte philippinische Anwalt Mark Tolentino wies eine Verantwortung für die Pleite des Zahlungsabwicklers von sich. Er habe sechs Bankkonten für eine in Singapur ansässige Firma eröffnet, aber bis zum Bekanntwerden des Skandals nicht gewusst, dass sie für Wirecard waren, sagte er in einem Telefoninterview mit Reuters. Auf den Konten seien nie mehr als ein paar hundert Euro gewesen. "Jeder zeigt mit dem Finger auf mich, und stellt mich als Dieb des fehlenden Geldes dar", sagte er. "Ich möchte meinen Namen reinwaschen. Ich bin ein Opfer von Identitätsdiebstahl und gefälschten Nachrichten."

Der von Wirecard fristlos entlassene Vorstand Jan Marsalek wird laut "Handelsblatt" inzwischen per internationalem Haftbefehl gesucht. Die Staatsanwaltschaft München wollte sich dazu nicht äußern. Der Österreicher war nach seiner Entlassung auf die Philippinen geflogen. Wo er sich derzeit aufhält, ist nicht bekannt. Insidern zufolge hält sein Anwalt weiterhin Kontakt zu den Münchener Ermittlern.

Wirecard Bank droht Moratorium durch die BaFin

Der deutschen Wirecard Bank droht unterdessen nach der Insolvenz der Mutter ein Moratorium durch die BaFin. Dann dürfte das Geldhaus weder Zahlungen leisten, Gelder entgegen nehmen oder Vermögensgegenstände veräußern, die Kunden kämen nicht an ihr Geld. Bisher hat die BaFin bei der Wirecard Bank nur einen Sonderbeauftragten eingesetzt, der die Zahlungsströme überwacht und sie zum Teil auch unterbunden hat. Ein Moratorium dürfte Kunden von Wirecard hart treffen. Das Unternehmen aus Aschheim bei München wickelt für viele Konzerne Kreditkartenzahlungen ab. Ein Wechsel zu einem anderen Anbieter dürfte mehrere Wochen dauern, solange könnten Kunden beim Händler erst einmal nicht mehr mit Kreditkarte zahlen - außer, der Händler nutzt auch andere Zahlungsdienstleister. Auch nutzen Start-ups die Wirecard Bank, um ihre Dienstleistungen erbringen zu können.

Trotz des riesigen Bilanzskandals und des Kurssturzes der Wirecard-Aktie bleibt der Konzern nach den aktuellen Regeln voraussichtlich bis September im Leitindex DAX. "Das Vertrauen in den Kapitalmarkt hat offensichtlich in den letzten Tagen gelitten", erklärte der Börsenbetreiber am Montag. Die Börse will deshalb die Regeln für die DAX-Mitgliedschaft überarbeiten. Das dürfte allerdings einige Monate dauern. (APA/Reuters)


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