Nachfrage gering: Deutsche Wirtschaft glaubt nicht mehr an schnelle Erholung

Das Bundeskanzleramt spiegelt sich zur blauen Stunde in einer Pfütze.
© Christophe Gateau

Berlin – Die Hoffnung auf eine schnelle Erholung der deutschen Wirtschaft nach der Coronavirus-Krise zerschlägt sich immer mehr. Es fehle einfach die übliche Nachfrage, daran könnten auch die größten Rettungspakete des Staates nichts ändern, sagte Martin Wansleben vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) am Dienstag in Berlin.

Laut einer Umfrage des Verbands unter rund 8.500 Unternehmen rechnen immer mehr Betriebe erst 2021 oder sogar noch später mit einer Normalisierung. Es droht eine Pleitewelle im Herbst.

Kurve folgt doch nicht einem V

Eine V-förmige Erholung der Wirtschaft sei vom Tisch, sagte Wansleben. "Die Nachfrage kommt nicht." Vor allem der Industrie gehe es ziemlich schlecht. Das Berliner Forschungsinstitut DIW macht eine gedämpfte Kauflaune sowie anhaltende Einschränkungen zum Infektionsschutz aus, was auch Dienstleister bremse. Laut Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) haben unter anderem die Autobranche sowie Hotels und Gaststätten harte Monate hinter sich. Am stärksten treffe es aber Branchen, die schon vor der Pandemie Probleme gehabt hätten, etwa klassische Einzelhändler in Innenstädten, denen Amazon & Co immer mehr zusetze.

Insgesamt reichen demnach die jüngsten Lockerungen der Coronaeinschränkungen nicht aus, um an alte Boomzeiten anzuknüpfen. 39 Prozent der Unternehmen rechnen laut DIHK-Umfrage erst 2021 mit einer Normalisierung, das sind elf Prozentpunkte mehr als in der vorherigen Erhebung Anfang Mai. Eine noch spätere Normalisierung erwarten elf Prozent, doppelt so viel wie zuletzt. Weniger Investitionen und der Abbau von Beschäftigung dürften die Folge sein. "Das zeigt, der Weg zurück für die Wirtschaft wird lang und hart", so Wansleben. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine IW-Studie, die auf Einschätzungen von 31 Wirtschaftsverbänden basiert.

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Schätzungen von Einbruch um bis zu zehn Prozent

Der DIHK rechnet heuer mit einem Einbruch der deutschen Wirtschaftsleistung von 10 Prozent. Er ist damit deutlich pessimistischer als etwa die deutsche Regierung, die derzeit von minus 6,3 Prozent ausgeht. Die Exportindustrie müsse sich sogar auf einen Rückgang von 15 Prozent einstellen, so der DIHK.

Die DIW-Ökonomen verweisen darauf, dass das zweite Quartal mit einem erwarteten Einbruch von 12 Prozent der Tiefpunkt gewesen sein sollte. Laut IMK-Institut wird die Wirtschaft erst 2022 wieder das Niveau vor der Coronakrise erreicht haben. Denn 2021 dürfte ihrer Schätzung nach lediglich ein Wachstum von 3,8 Prozent bringen - also deutlich weniger als der erwartete Einbruch 2020.

Wansleben sagte, kein noch so großes Konjunkturprogramm könne der Wirtschaft die fehlenden Umsätze ausgleichen. Die Regierung setze bereits viele wichtige Impulse. "Sie kann die Erholung aber nicht kaufen." Ob es wirklich den von Finanzminister Olaf Scholz versprochenen Wumms gebe, sei fraglich. Per 1. Juli wird die Mehrwertsteuer für ein halbes Jahr gesenkt, um den Konsum anzuregen. Zudem bekommen Familien einen Bonus von 300 Euro pro Kind und Unternehmen können künftig Verluste besser mit früheren Gewinnen verrechnen sowie Investitionen zeitlich befristet besser abschreiben.

Um aber eine Pleitewelle zu vermeiden, sollte die Regierung aus DIHK-Sicht kleineren Firmen und Mittelständlern Eigenkapital zur Verfügung stellen. "Im Herbst kann sich die Situation negativ zuspitzen", warnte Wansleben. Der Wirtschaftsstabilisierungsfonds (WSF), der neben Krediten und Bürgschaften auch Firmen wie zuletzt der Lufthansa Eigenkapital zuschießen kann, müsse erweitert werden. Firmen mit weniger als 250 Mitarbeitern müssten einen Zugang bekommen. Dabei müssten private Geldgeber wie Lebensversicherer oder Fonds ins Boot geholt werden. "Der Staat kann es nicht alleine richten." Entsprechende Vorschläge habe der DIHK bereits eingebracht. Die Gespräche mit der Regierung dazu liefen sehr gut. "Das Problembewusstsein ist voll da." (APA, Reuters)


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