Wirecard wird filetiert, erneut Razzien in Bayern und Österreich

Zahlreiche Investoren aus aller Welt sind an Teiles des Zahlungsabwicklers Wirecard interessiert. Unterdessen fordern die österreichischen Grünen, dass Lehren aus dem Skandal gezogen werden und eine unabhängige Prüfstelle installiert wird.

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© AFP/Stache

Aschheim – Der in einen milliardenschweren Bilanzskandal verwickelte deutsche DAX-Konzern Wirecard wird voraussichtlich in Einzelteilen verkauft. Der vorläufige Insolvenzverwalter Michael Jaffe meldete in der Nacht zum Mittwoch, dass sich bereits "zahlreiche Interessenten weltweit für den Erwerb von Geschäftsbereichen gemeldet" hätten.

Der vorläufige Gläubigerausschuss hat demnach bereits grünes Licht für die internationale Suche nach Investoren unter Einschaltung von Investmentbanken gegeben. Der Betrieb bei Wirecard soll nach Möglichkeit nicht unterbrochen oder eingestellt werden: "Vordringlichstes Ziel im vorläufigen Insolvenzverfahren ist es, den Geschäftsbetrieb der Konzerngesellschaften zu stabilisieren", hieß es in der Mitteilung. Bei Wirecard arbeiten weltweit etwa 5800 Menschen.

Erneut Hausdurchsuchungen

Indessen wurde bekannt, dass bei Wirecard erneut die Ermittler angerückt sind. Seit Mittwochfrüh würden fünf Objekte des Zahlungsdienstleister durchsucht, darunter der Firmensitz in Aschheim bei München und zwei Gebäude in Österreich, teilte in Deutschland die Staatsanwaltschaft am Mittwoch mit.

Zwölf Staatsanwälte sowie 33 Polizisten und weitere IT-Fachleute seien vor Ort mit österreichischen Kollegen.Es gehe in erster Linie um die Vorwürfe, die Grundlage der Ermittlungen gegen Ex-Vorstandschef Markus Braun - ein Österreicher - seien, also unrichtige Angaben und Marktmanipulation in mehreren Fällen.

Nun auch Ermittlungen wegen Betrug

Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt im Bilanzskandal um Wirecard nun auch wegen des Verdachts des Betrugs gegen die ehemalige Chefetage des insolventen Zahlungsdienstleisters. Neben Bilanzfälschung und Marktmanipulation komme auch Betrug in Betracht, sagte eine Sprecherin der Behörde am Mittwoch in München.

Ermittelt werde gegen den zurückgetretenen Wirecard-Chef Markus Braun, den bis vor kurzem für das operative Geschäft (COO) zuständigen Jan Marsalek - und nun auch gegen die amtierenden Vorstandsmitglieder Alexander von Knoop (Finanzen) und Susanne Steidl (Produkte). Braun, Marsalek und Steidl stammen aus Österreich, von Knoop ist Deutscher.

Aufsichtsrat macht Ex-Vorstand Braun mitverantwortlich

Unterdessen mehren sich die Anzeichen, dass der Wirecard-Aufsichtsrat dem Ex-Vorstandschef Markus Braun eine erhebliche Mitverantwortung für die Affäre um mutmaßliche Luftbuchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro gibt. Der Österreicher Braun wurde nachträglich fristlos entlassen, wie aus einer Mitteilung des Aufsichtsrats vom Dienstagabend hervorgeht. Der Anstellungsvertrag des langjährigen Konzernchefs sei "mit sofortiger Wirkung" außerordentlich gekündigt worden. Braun war zwar bereits vor knapp zwei Wochen zurückgetreten, doch enthalten Arbeitsverträge von Spitzenmanagern üblicherweise auch Regelungen für Abfindungen und Altersvorsorge.

Allerdings sind sowohl der Aufsichtsrat als auch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY, die die Jahresbilanzen von Wirecard testierte, mit Klagen und Klagedrohungen wütender Anleger konfrontiert. Unangenehmen Fragen im Zusammenhang mit dem Wirecard-Skandal muss sich am Mittwoch auch Felix Hufeld, der Präsident der Finanzaufsicht BaFin stellen. Hufeld sollte dem Finanzausschuss des deutschen Bundestags erklären, warum die mutmaßlichen Scheingeschäfte bei Wirecard unentdeckt blieben. So hatte die britische "Financial Times" seit 2015 immer wieder über Merkwürdigkeiten und Unregelmäßigkeiten bei Wirecard berichtet.

Nach derzeitigem Stand hatten Wirecard-Manager einen beträchtlichen Teil der Umsätze und Gewinne des Unternehmens in Südostasien und im Mittleren Osten frei erfunden. Die mutmaßlichen Scheingeschäfte wurden als Umsätze und Gewinne mit Subunternehmern verbucht, die angeblich im Auftrag von Wirecard Zahlungen abwickelten. Anfang vergangener Woche hatte Wirecard schließlich eingeräumt, dass insgesamt 1,9 Milliarden Euro Guthaben auf südostasiatischen Treuhandkonten mit "überwiegender Wahrscheinlichkeit" nicht existieren. Auch das frühere Vorstandsmitglied Jan Marsalek, der Medienberichten zufolge derzeit per Haftbefehl gesucht wird, ist wie Braun ein Österreicher.

Grüne fordern unabhängige Prüfstelle

In Deutschland konnte Wirecard offenbar jahrelang unentdeckt seine Bilanzen fälschen. Als eine der Ursachen wird deshalb über die Rolle der Deutschen Prüfungsstelle für Rechnungslegung (DPR) diskutiert, die schwach besetzt und mit wenig Kompetenzen Firmen prüft, die nicht als Finanzdienstleister eingestuft sind. Die Grünen fordern nun auch für Österreich eine stärkere Bilanz-Prüfstelle.

"Ich erwarte mir die Einleitung entsprechender Schritte seitens des Finanzministeriums zur Gründung einer unabhängigen Kontrollinstanz, die entweder in die FMA integriert oder als eigenständige Instanz geführt wird", so Tomaselli.

Denn die Österreichische Prüfstelle für Rechnungslegung (OePR) sei vor 7 Jahren nach deutschem Vorbild als privater Verein gegründet worden. Die Mitglieder kämen aus der Banken- und Finanzwelt, kritisiert die grüne Finanz- und Kontrollsprecherin Nina Tomaselli. Auch Österreich müsse jetzt die Lehren aus der Wirecard-Pleite ziehen.

"Österreich braucht eine unabhängige Bilanz-Prüfinstanz. Das Konzept der Selbstkontrolle ist gescheitert", sagt die Nationalratsabgeordnete. "Niemand würde den Hund auf die Wurst aufpassen lassen, das gilt umso mehr in der Finanzwelt". Nach der Megapleite in Deutschland könne man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. (APA/dpa)


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