Wirecard wird voraussichtlich in Einzelteilen verkauft

Für den Dax-Konzern Wirecard wird der Bilanzskandal um verschwundene Milliarden aller Voraussicht nach das Ende als eigenständiges Unternehmen bedeuten: Es zeichnet sich der Verkauf in Filetstücken ab. Heftig gestritten wird über die Rolle der Deutschen Prüfungsstelle für Rechnungslegung, die das Vorbild für die Österreichische Prüfstelle war.

Der Bilanzskandal um den Zahlungsabwickler zieht immer weitere Kreise.
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Wien, Aschheim – Der in einen milliardenschweren Bilanzskandal verwickelte Dax-Konzern Wirecard wird voraussichtlich in Einzelteilen verkauft. Der vorläufige Insolvenzverwalter Michael Jaffé meldete in der Nacht zum Mittwoch, dass sich bereits "zahlreiche Interessenten weltweit für den Erwerb von Geschäftsbereichen gemeldet" hätten. Der vorläufige Gläubigerausschuss hat demnach bereits grünes Licht für die internationale Suche nach Investoren unter Einschaltung von Investmentbanken gegeben.

Der Betrieb bei Wirecard soll nach Möglichkeit nicht unterbrochen oder eingestellt werden: "Vordringlichstes Ziel im vorläufigen Insolvenzverfahren ist es, den Geschäftsbetrieb der Konzerngesellschaften zu stabilisieren", hieß es in der Mitteilung. Bei Wirecard arbeiten weltweit etwa 5800 Menschen.

Braun wurde nachträglich fristlos entlassen

Unterdessen mehren sich die Anzeichen, dass der Wirecard-Aufsichtsrat Ex-Vorstandschef Markus Braun eine erhebliche Mitverantwortung für die Affäre um mutmaßliche Luftbuchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro gibt. Braun wurde nachträglich fristlos entlassen, wie aus einer Mitteilung des Aufsichtsrats vom Dienstagabend hervorgeht.

Allerdings sind sowohl der Aufsichtsrat als auch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY, die die Jahresbilanzen von Wirecard testierte, mit Klagen und Klagedrohungen wütender Anleger konfrontiert. Unangenehmen Fragen im Zusammenhang mit dem Wirecard-Skandal muss sich am Mittwoch auch Felix Hufeld, der Präsident der Finanzaufsicht Bafin stellen. Hufeld sollte dem Finanzausschuss des Bundestags erklären, warum die mutmaßlichen Scheingeschäfte bei Wirecard unentdeckt blieben. So hatte die britische Financial Times seit 2015 immer wieder über Merkwürdigkeiten und Unregelmäßigkeiten bei Wirecard berichtet.

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Grüne fordern unabhängige Bilanz-Prüfstelle

Indessen wird auch über die Rolle der Deutschen Prüfungsstelle für Rechnungslegung (DPR) heftig diskutiert, die schwach besetzt und mit wenig Kompetenzen Firmen prüft, die nicht als Finanzdienstleister eingestuft sind. Die Grünen fordern nun auch für Österreich eine stärkere Bilanz-Prüfstelle.

"Ich erwarte mir die Einleitung entsprechender Schritte seitens des Finanzministeriums zur Gründung einer unabhängigen Kontrollinstanz, die entweder in die FMA integriert oder als eigenständige Instanz geführt wird", so Tomaselli.

"Das Konzept der Selbstkontrolle ist gescheitert"

Denn die Österreichische Prüfstelle für Rechnungslegung (OePR) sei vor sieben Jahren nach deutschem Vorbild als privater Verein gegründet worden. Die Mitglieder kämen aus der Banken- und Finanzwelt, kritisiert die grüne Finanz- und Kontrollsprecherin Nina Tomaselli. Auch Österreich müsse jetzt die Lehren aus der Wirecard-Pleite ziehen.

"Österreich braucht eine unabhängige Bilanz-Prüfinstanz. Das Konzept der Selbstkontrolle ist gescheitert", sagt die Nationalratsabgeordnete. "Niemand würde den Hund auf die Wurst aufpassen lassen, das gilt umso mehr in der Finanzwelt". Nach der Megapleite in Deutschland könne man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.

Nach derzeitigem Stand hatten Wirecard-Manager einen beträchtlichen Teil der Umsätze und Gewinne des Unternehmens in Südostasien und im Mittleren Osten frei erfunden. Die mutmaßlichen Scheingeschäfte wurden als Umsätze und Gewinne mit Subunternehmern verbucht, die angeblich im Auftrag von Wirecard Zahlungen abwickelten. Anfang vergangener Woche hatte Wirecard schließlich eingeräumt, dass insgesamt 1,9 Milliarden Euro Guthaben auf südostasiatischen Treuhandkonten mit "überwiegender Warscheinlichkeit" nicht existieren. (APA, dpa, TT.com)


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