Wendlinger im Interview: „Ohne Spielberg gäbe es keine WM“

Die Formel 1 startet in Spielberg in ihre neue Saison: Warum Tirols Ex-Sauber-Pilot Karl Wendlinger Max Verstappen auf der Rechnung hat und warum er an Sebastian Vettels Karriereende glaubt, verriet er der TT.

Seit Freitag regieren in Spielberg wieder Ferrari-Pilot Charles Leclerc und seine Formel-1-Kollegen.
© LEONHARD FOEGER

Am Sonntag steigt das erste von zwei Spielberg-Rennen. Wie groß ist die Vorfreude bei Ihnen?

Karl Wendlinger: Sehr groß. Ich bin richtig froh, dass es wieder losgeht. Das verbreitet zumindest einen Hauch von Normalität. Und ich bin überzeugt, hätten Red Bull und Helmut Marko nicht so einen Superjob gemacht, es gäbe keine Weltmeisterschaft. Ohne Spielberg gäbe es keine WM – denn so kamen die anderen Grands Prix leichter zustande. Da dürfen wir als Österreicher stolz sein.

Wie eingerostet werden die Piloten nach der monatelangen Pause sein. Erinnern Sie sich noch an ihre Zeit in den 90er-Jahren, als es nach der Winterpause wieder losging?

Wendlinger: Das wird ein paar Runden lang dauern, mehr nicht. Die heutigen Fahrer haben ja Simulatoren und es gibt die E-Sport-Rennen, da kannst du in Sachen Hand-Auge-Koordination viel machen. Und du gewöhnst dich schnell wieder an das Drücken der vielen Knöpfe. Bei uns war das etwas leichter. Wir hatten ja nur zwei Knöpfe am Lenkrad. Einer war für die Trinkflasche, der andere war für den Boxenfunk. (lacht)

Und was die Nackenmuskulatur betrifft?

Wendlinger: Sebastian Vettel und Co. trainieren so viel, das wird kein Thema sein und die Streckenführung am Red-Bull-Ring ist auch nicht so intensiv für den Nackenbereich.

In Spielberg (5./12. Juli) und auch in Silverstone (2./9. August) wird man – Stand jetzt – zweimal fahren. Spielt das für die Piloten eine Rolle?

Wendlinger: Denen wird das komplett egal sein. Einziger Vorteil ist, du kannst deine Fehler von der Vorwoche analysieren. Die sind froh, dass überhaupt wieder gefahren wird.

📽 Videobeitrag: Die Formel 1 ist in Spielberg gelandet:

Sprich: Die würden auch sechsmal am Red-Bull-Ring fahren?

Wendlinger: Sechsmal wäre doch ein wenig viel, aber zweimal stellt kein Problem dar. (lacht)

Was erwarten Sie in puncto WM-Kampf?

Wendlinger: Aus meiner Sicht wird es auf ein Duell zwischen Lewis Hamilton (GBR, Mercedes) und Max Verstappen (NED, Red Bull) hinauslaufen. Ferrari wird kein Wort mitreden. Da hat ja Teamboss Mattia Binotto schon davon gesprochen, dass man in Sachen Aerodynamik in die falsche Richtung ging.

Verstappen hat die letzten beiden Spielberg-Auftritte am obersten Podest beendet. Führt der Sieg nur über ihn?

Wendlinger: Man muss da vorsichtig sein und kann die Ergebnisse der Saisonen 2019 und 2018 nicht heranziehen. Vor zwei Jahren hatten sich die Silberpfeile bei der Safety-Car-Phase verschätzt und fielen aus – im Vorjahr brachte die Hitzewelle Red Bull Vorteile. Verstappen ist Favorit, aber mehr auch nicht. Zudem soll das Wetter an diesem Wochenende sehr abwechslungsreich werden.

Es wird auf ein WM-Duell zwischen Lewis Hamilton und Max Verstappen hinauslaufen. Ferrari wird kein Wort mitreden.
Karl Wendlinger

Aktuell haben wir nur acht Rennen. Es könnten aber noch 15 werden. Ist das für Verstappen und Co. ein Thema?

Wendlinger: Das glaube ich nicht. So ticken die Fahrer nicht, dass sie beim zweiten Österreich-Rennen vielleicht weniger Risiko in der zweiten Kurve nehmen, da vielleicht nur noch sechs Rennen folgen. Klar, bleibt es bei den acht Grands Prix, könnte jeder „Nuller“ doppelt schmerzen. Bei 15 Rennen sieht es schon etwas anders aus. Es wird spannend, die Jungs passen sich jedoch schnell an.

Tirols Ex-Motorsport-Ass Karl Wendlinger.
© GEPA pictures/ xpb.cc

Die Tribünen werden vorerst leer bleiben. Im Fußball wirkt das recht steril. Tut sich der Motorsport da etwas leichter?

Wendlinger: Es hat zumindest weniger Einfluss, sagen wir einmal so. Aber generell ist der Sport für die Fans und volle Tribünen sind dementsprechend wichtig. Augenblicklich geht es aber nicht anders und es ist besser, man fährt im Moment vor leeren Tribünen als gar nicht.

Sebastian Vettel (GER) geht mit Ferrari in sein letztes gemeinsames Jahr. Auch Alpha-Tauri-Teamchef Franz Tost hofft, man behandelt ihn fair bei den Roten. Glauben Sie, es könnte bei der Scuderia zu einer Eskalation kommen?

Wendlinger: Ich denke, Sebastian wird die Saison professionell zu Ende führen. Trotzdem habe ich schon vor Wochen gesagt, dass er, meiner Meinung nach, nach diesem Jahr vorerst seine Formel-1-Karriere beenden wird. Es fehlen einfach die Alternativen und warum sollte sich ein vierfacher Champion die Aufbauarbeit in einem Mittelklasseteam antun? Das hat Sebastian nicht mehr nötig.

Wer hat für Sie heuer das Potenzial, die negative wie auch die positive Überraschung der Saison 2020 zu werden?

Wendlinger: Der Racing Point sieht sehr schnell aus, auch McLaren hat für mich die Möglichkeiten, ordentlich Wind aufzuwirbeln. Was die Enttäuschung der heurigen Saison betrifft, könnte Ferrari die erste Geige spielen. Zumindest aus Sicht der Top-drei-Rennställe, von denen man den Titel erwarten könnte. Das fängt schon an diesem Wochenende an: Red Bull und Mercedes kommen mit Updates nach Österreich, Ferrari ohne. Dazu noch die klaren Worte von Binotto – es könnte recht bitter werden.

Das Gespräch führte Daniel Suckert

📊 Alle Ergebnisse live – das Formel-1-Datencenter von TT.com


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