Mehr als drei Millionen Corona-Fälle in USA, Biden will WHO-Austritt abblasen

Die Infektionen mit dem Coronavirus gehen in den USA durch die Decke. US-Präsident Donald Trump verortet die Schuld dafür offenbar bei der Weltgesundheitsorganisation und zieht sein Land daraus ab. Herausforderer Joe Biden will bei einem Wahlsieg diesen Schritt sofort rückgängig machen.

Radfahrer in New York City. Die Stadt wurde besonders von der Corona-Pandemie getroffen.
© ANGELA WEISS

Washington – In den USA haben sich nach offiziellen Angaben bisher mehr als drei Millionen Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Mehrere Bundesstaaten meldeten am Dienstag neue Höchstwerte an täglichen Neuinfektionen. Insgesamt waren es rund 60.000, was ebenso einen Spitzenwert darstellte.

Die Behörden in Florida warnten, es sei absehbar, dass nicht mehr genügend Intensivbetten in den Krankenhäusern für die erwarteten schweren Covid-19-Fälle vorhanden seien. Mehr als 131.000 Amerikaner sind bisher an der Covid-19 gestorben. In keinem Land der Welt gibt es mehr Todesfälle oder Infektionen.

Das US-Institut für Kennziffern und Bewertungen für das Gesundheitswesen (IHME) an der Universität Washington teilte mit, im Herbst sei mit einer neuen Beschleunigung der Ausbreitung des Virus zu rechnen. Nach Hochrechnungen der Wissenschafter wird die Zahl der Corona-Toten bis November auf 208.000 steigen. Die Hoffnungen auf eine Verlangsamung der Ausbreitung der Infektionen im Sommer hätten sich zerschlagen.

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Erste Welle wütet in USA noch immer, Gefahr von zweiter Welle

"Die USA habe kein wirkliches Ende der ersten Welle der Pandemie erfahren", sagte IHME-Direktor Christopher Murray. Sollte es im Herbst zu einer zweiten Welle kommen, würden jene Bundesstaaten besonders betroffen sein, die bereits jetzt hohe Infektionsraten hätten.

US-Präsident Donald Trump führt die Entwicklung nicht auf unterlassene Maßnahmen gegen die Pandemie zurück, sondern auf die steigende Zahl von Corona-Tests. Trump, dessen Beliebtheitswerte in der Corona-Krise gesunken sind und der sich im Herbst der Wiederwahl stellt, dringt auf eine Rückkehr zur Normalität. Am Dienstag erklärte er, er verlasse sich auf die Gouverneure der Bundesstaaten, dass die Schulen im Herbst wiedereröffnet würden.

📽 Video | Trump vollzieht Austritt aus der WHO

Den zuvor höchsten Wert hatte bisher die Johns-Hopkins Universität mit rund 54.000 Fällen am vergangenen Donnerstag gezählt. Am Dienstag waren es dann rund 60.000. Die Zahl der Neuansteckungen in den USA mit seinen 320 Millionen Einwohnern ist seit Mitte Juni im Zuge der Lockerung der Corona-Auflagen dramatisch angestiegen - vor allem in den Bundesstaaten Florida, Texas, Georgia, Arizona und Kalifornien.

Der Immunologe Anthony Fauci – der zur Corona-Arbeitsgruppe des Weißen Hauses gehört – hatte sich zuletzt angesichts des raschen Anstiegs der Neuinfektionen im Süden und Westen des Landes besorgt gezeigt. Die gegenwärtige Lage sei "wirklich nicht gut" und erfordere "sofortiges" Handeln, sagte der Direktor des Nationalen Instituts für Allergien und Infektionskrankheiten in einem Live-Chat.

Biden will Austritt aus WHO außer Kraft setzen

Der demokratische US-Präsidentschaftskandidat Joe Biden hat den von US-Präsident Donald Trump angekündigten Austritt der USA aus der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kritisiert. Biden kündigte für den Fall seines Siegs bei der Wahl im November eine sofortige Rückkehr zur WHO an. Da der Austritt ohnehin erst in einem Jahr in Kraft treten würde, wäre dies wohl kein Problem.

Trumps Rivale Biden kündigte am Dienstag an, sollte er die Präsidentschaftswahl am 3. November gewinnen, werde er an seinem "ersten Tag als Präsident" in die WHO zurückkehren. Er werde die "Führungsrolle" der USA auf der Weltbühne wieder herstellen, versprach der frühere Vizepräsident im Kurzbotschaftendienst Twitter. "Amerikaner sind sicherer, wenn die USA sich für die Stärkung der weltweiten Gesundheit einsetzen."

Vier Monate vor der Präsidentschaftswahl liegt der Amtsinhaber Trump weit hinter seinem Herausforderer Biden. Meinungsforscher führen das unter anderem auf sein viel kritisiertes Krisenmanagement in der Coronavirus-Pandemie zurück. Der Rechtspopulist hatte die Gefahr durch das Virus lange Zeit kleingeredet – und drängte dann auf eine rasche Lockerung der Corona-Beschränkungen, um die Wirtschaft wieder in Gang zu bringen.

📽 Video | WHO prüft US-Ausstieg

China und Deutschland verurteilen Trump für Austritt

China kritisierte das Vorgehen Trumps indes scharf. "Wir fordern die USA nachdrücklich auf, ihre internationalen Verpflichtungen zu erfüllen und das Verantwortungsbewusstsein eines großen Landes zu demonstrieren", sagte Zhao Lijian, ein Sprecher des Pekinger Außenministeriums, am Mittwoch.

Als maßgeblichste internationale Organisation im Bereich der globalen öffentlichen Gesundheit spiele die WHO eine unverzichtbare zentrale Koordinierungsrolle bei der Reaktion auf die globale Coronavirus-Pandemie. Das Vorgehen der USA habe den Kampf gegen das Virus untergraben und insbesondere Entwicklungsländer, die dringend internationale Unterstützung benötigen, ernsthaft negativ beeinflusst.

Kritik an dem Austritt der USA übte auch Deutschland. Gesundheitsminister Jens Spahn bezeichnete den Schritt als "herben Rückschlag". Die weltweite Infektionsdynamik zeige, dass koordiniertes Vorgehen wichtig sei, schrieb der CDU-Politiker per Twitter mit Blick auf die Coronakrise. "Wir brauchen mehr Zusammenarbeit im Kampf gegen Pandemien, nicht weniger. EU-Staaten werden Reformen für stärkere WHO anstoßen."

Die USA haben mitten in der Corona-Pandemie ihre Austrittsankündigung aus der UNO-Koordinierungsbehörde eingereicht. Die Meldung des Austritts, der am 6. Juli 2021 wirksam werde, sei UN-Generalsekretär António Guterres übermittelt worden, sagte ein hoher Regierungsbeamter am Dienstag (Ortszeit) der dpa in Washington. US-Präsident Donald Trump hatte den Schritt Ende Mai angekündigt. (APA, AFP)


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