8000 Menschen brutal ermordet: Erinnerung an Völkermord von Srebrenica

Vor 25 Jahren gab der bosnisch-serbische Militärchef Ratko Mladic den Anstoß für das größte Verbrechen im Bosnien-Krieg und das größte Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Kerzen im Gedenken an die Opfer von Srebrenica.
© OLIVER BUNIC

Wien, Srebrenica, Den Haag – "Es ist die Zeit gekommen, sich an den Türken zu rächen." Das hat der bosnisch-serbische Militärchef Ratko Mladic am 11. Juli 1995 gegenüber serbischen TV-Sendern bei seiner Ankunft in Srebrenica siegestrunken verkündet. Damit meinte er in abschätziger Weise seine eigenen bosniakischen (muslimischen) Landsleute. In den darauffolgenden Tagen wurden Tausende Bosniaken massakriert.

Vom 12. bis 19. Juli 1995 wurden rund 8.000 bosniakische Männer in der Umgebung der Stadt brutal ermordet. Das jüngste Todesopfer war erst 13 Jahre alt, das älteste 94. Srebrenica steht seither für das größte Verbrechen im Bosnien-Krieg – und für das größte Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

📽 Video | Gedenken an Massaker von Srebrenica vor 25 Jahren

Massaker seit 2004 als Völkermord eingestuft

Srebrenica sei ein Verbrechen gegen die gesamte Menschheit gewesen, stellte das UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien (ICTY) in seinem im April 2004 verkündeten rechtskräftigen Urteil für den bosnisch-serbischen Offizier Radislav Krstic fest. Das Massaker in der einstigen UNO-Schutzzone wurde damit zum ersten Mal als Völkermord definiert.

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Dass es sich bei den Ereignissen bei Srebrenica um einen Genozid handelte, stellte wenige Jahre später auch der Internationale Gerichtshof (IGH) in seinem Urteil auf Basis einer bosnischen Klage gegen Serbien fest. Belgrad selbst wurde allerdings nicht des Völkermordes für schuldig befunden.

Racheakt der bosnischen Serben

Was sich im Juli 1995 in der Umgebung der damaligen UNO-Schutzzone und im heutigen Bosnien-Herzegowina abspielte, scheint ein schrecklicher Racheakt der bosnischen Serben gewesen zu sein. Das Gebiet um Srebrenica war gleich nach dem Ausbruch des Krieges im Frühjahr 1992 intensiv umkämpft. In Srebrenica stationierte bosniakische Kämpfer griffen wiederholt serbische Dörfer in der Umgebung an. Serbische Quellen berichten von Angriffen auf 79 Dörfer und Siedlungen.

Tausende Einwohner wurden in die Flucht getrieben, mehrere hundert Zivilisten – ihre Zahl dürfte laut den Unterlagen des Niederländischen Instituts für Kriegsdokumentation (NIOD) bei mindestens 1.000 liegen – ermordet. Am 7. Jänner 1993, dem serbisch-orthodoxen Weihnachtstag, wurden etwa 46 Einwohner des Dorfes Kravice von bosniakischen Kämpfern massakriert. Diese Ermordungen werden als besonders schlimm eingestuft.

Danach änderte sich die militärische Situation um Srebrenica. Die Kleinstadt wurde im April 1993 zur UNO-Schutzzone erklärt.

NATO-Angriff wegen Schlechtwetter und Gefangenen abgeblasen

Vor dem Kriegsende war die Stadt mit etwa 42.000 Einwohnern, ein Großteil von ihnen waren bosniakische Flüchtlinge aus der Umgebung, von etwa 15.000 serbischen Soldaten umzingelt. In der Stadt selbst dürften sich vor der Einnahme durch bosnisch-serbische Truppen etwa ebenso viele Männer im kampffähigen Alter befunden haben. Viele von ihnen, darunter der Kriegskommandant Naser Oric, zogen kurz vor der Einnahme der Stadt Richtung Tuzla ab.

Als der entscheidende bosnisch-serbische Angriff auf Srebrenica startete, leisteten etwa 300 niederländische Blauhelme keinen Widerstand. Ihr Befehlshaber Thomas Karremans hatte zwar die NATO um Unterstützung aus der Luft ersucht. Ein Angriff von NATO-Flugzeugen auf die bosnisch-serbischen Stellungen über der in einem engen Tal zwischen den Bergen liegenden Kleinstadt wurde wegen schlechter Witterungsverhältnisse aber bald eingestellt. Zudem hatten bosnisch-serbische Truppen mit Morden an gefangen genommenen niederländischen UNO-Soldaten gedroht.

Die Einnahme von Srebrenica ist lange im Voraus vorbereitet worden. In einer Anordnung des bosnisch-serbischen Präsidenten Radovan Karadzic vom März 1995 hieß es unter anderem: "Durch alltägliche geplante und überlegte Kampfaktionen gilt es, eine Atmosphäre der totalen Unsicherheit, der Unerträglichkeit und Aussichtslosigkeit auf eine weitere Existenz und Leben in Srebrenica zu schaffen (...)."

Die bosnisch-serbischen Truppen trennten die bosniakischen Männer vom Rest der Bevölkerung. Ermordet wurden sie hauptsächlich durch Massenexekutionen.

Massenmord hätte vertuscht werden sollen

Die Leichen der Opfer wurden nach dem Kriegsende in etwa zwei Dutzend Massengräbern entdeckt. Viele davon waren sogenannte sekundäre Massengräber, in die die Leichen aus primären Gräbern versetzt worden waren, um die Spuren des Verbrechens zu vertuschen. Nach etwa 1.000 früheren Bewohnern Srebrenicas wird noch gesucht. Immer noch haben viele Menschen die Hoffnung noch nicht aufgegeben: Viele sind nach wie vor auf der Suche nach den Leichen ihrer engsten Familienangehörigen.

Nach wie vor werden Leichen von Opfern gefunden. Hier beten Muslime im Juli 2019 vor den Särgen von 33 neu identifizierten Opfern des Massakers.
© ELVIS BARUKCIC

Die Richter des internationalen Gerichtshofs MICT verurteilten den einstigen bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic wegen Völkermordes in Srebrenica und anderer Kriegsverbrechen im März 2019 rechtskräftig zu lebenslanger Haft. Lebenslang hatte im November 2017 auch der ehemalige Militärchef der bosnischen Serben, Ratko Mladic erhalten. Das Berufungsverfahren ist in seinem Fall noch im Gang.

Das Europaparlament erklärte 2009 den 11. Juli zum Gedenktag für die Opfer von Srebrenica.

Chronologie des Massakers von Srebrenica.
© APA

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