Vier Monate vor US-Wahl: Ist Biden ein Erdrutschsieg noch zu nehmen?

Inmitten der Corona-Pandemie führen US-Präsident Donald Trump und sein Herausforderer Joe Biden unverändert Wahlkampf. Die Umfragen zeichnen dabei ein eindeutiges Bild. Das war vor vier Jahren jedoch genauso – und am Wahlabend war alles anders. Was die aktuellen Zahlen uns heuer verraten.

Joe Biden hat derzeit gute Chancen, Donald Trump nach nur einer Amtszeit im Weißen Haus abzulösen.
© BRENDAN SMIALOWSKI

Von Matthias Sauermann

Innsbruck, Washington – Unwirklich beschreibt die Stimmung wohl am besten, die am Morgen des 9. November 2016 in den ganzen USA herrscht. Die Auszählung der Ergebnisse in der Nacht hat das ganze Land in eine Art Schockstarre versetzt. Anhänger der Demokraten, weil sie nicht damit gerechnet hätten, dass Donald Trump gewinnt. Anhänger der Republikaner, weil sie nicht damit gerechnet hätten, dass Donald Trump gewinnt. Und Donald Trump selbst, weil er nicht damit gerechnet hätte, dass Donald Trump gewinnt.

Hatten die Umfragen nicht über Monate und Monate unverändert etwas ganz anderes gesagt? Dass Trump gegenüber der ehemaligen Außenministerin und Ex-First-Lady Hillary Clinton deutlich zurücklag? Hatten die Umfragen nicht gesagt, dass Trump nur eine extrem geringe Chance auf den Sieg hatte? Wie konnten die Experten und Analysten nur so daneben liegen? Lange sollten noch Erklärungen für das vermeintliche Desaster der Meinungsforschung gewälzt werden.

Am Tag nach der Wahl trat Hillary Clinton vor die Kameras. Statt wie erwartet hatte sie jedoch nicht ihren Sieg zu verkünden, sondern räumte ihre Niederlage ein.
© JEWEL SAMAD

Vier Jahre später stehen Meinungsforscher nun unter umso größerer Beobachtung. Und wieder zeichnen die Umfragen auf den ersten Blick ein eindeutiges Bild: Herausforderer Joe Biden liegt deutlich in Führung, Donald Trump hat nur eine geringe Chance auf eine zweite Amtszeit. Nach den Erfahrungen aus 2016 lohnt sich jedoch ein genauerer Blick auf den aktuellen Stand – und die Frage zu wälzen, ob wir uns heuer auf die Umfragen verlassen können.

Biden liegt fast zehn Prozentpunkte vor Trump

Wie in allen Demokratien üblich gilt der erste Blick den landesweiten Umfragen. Diese dürften derzeit für eine breite Brust beim ehemaligen Vizepräsidenten Barack Obamas sorgen. Joe Biden liegt konstant vor Donald Trump, und zwar deutlich. Der Vorsprung schwankt zwar je nach Umfrageinstitut, aber er groß ist hier wie dort. Manche Umfragen gehen gar von einem Stimmenplus von bis zu 12 Prozentpunkten für den Demokraten aus.

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Aufgrund der Schwankungsbreiten einzelner Umfragen gilt es jedoch als am verlässlichsten, wenn seriöse Umfragen zusammengenommen und daraus ein Durchschnitt gebildet wird. So praktiziert das etwas das Statistikportal FiveThirtyEight, auf dessen Homepage die aktuellen Zahlen aufbereitet sind.

Demnach liegt Biden mit aktuellem Stand 9,4 Prozentpunkte vor dem Amtsinhaber. Dieser Vorsprung ist seit etwa 23. Juni gleichbleibend – und in den Wochen zuvor war er konstant angewachsen. Um den 13. April, als US-Präsident Donald Trump sich als Krisenmanager in der Corona-Pandemie präsentierte, war der Vorsprung auf 3,4 Prozentpunkte geschrumpft. Seitdem wuchs er konstant bis zur aktuellen Höchstmarke. Das katastrophale Abschneiden der USA in der Coronavirus-Pandemie mit mittlerweile fast 140.000 Toten setzt Trump offensichtlich nachhaltig zu. Immerhin sind so viele Amerikaner durch das Virus gestorben wie in keinem Krieg mehr seit dem Zweiten Weltkrieg. Auch hat Trump durch seine Reaktion auf die Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd Wähler verschreckt.

Aber hat Hillary Clinton nicht ebenso landesweit geführt?

Aufmerksame Beobachter wenden an dieser Stelle ein, dass auch Hillary Clinton vor vier Jahren in landesweiten Umfragen vor Trump gelegen war und dennoch die Wahl verloren hatte. Das ist erst einmal richtig. Die ehemalige Außenministerin unter Barack Obama lag tatsächlich ebenfalls konstant mehrere Prozentpunkte vor Trump.

Allerdings: Bis auf zwei Phasen im Wahljahr 2016 war der Vorsprung Clintons bei weitem nicht so groß wie der aktuelle von Joe Biden. Anfang 2016 führte Clinton noch weitaus höher, als noch niemand vermutete, dass Trump die Nominierung der Republikaner erringen würde können. Und in einer zweiten Phase im März 2016 hielt sie Trump ähnlich weit auf Distanz. Ansonsten bewegte sich der Vorsprung Clintons bei etwa drei bis sechs Prozentpunkten. In den Tagen vor der Wahl sagten die Umfragen dann "nur" noch ein Plus von einem bis drei Prozentpunkten für Clinton voraus.

Damit lagen die Umfragen auch genau richtig: Die Demokratin holte am Wahltag 2,1 Prozent mehr als der Republikaner Trump – und damit fast drei Millionen Stimmen mehr. Dennoch stand am Ende der Nacht Donald Trump als nächster US-Präsident fest. Durch seinen Vorsprung in entscheidenden Staaten konnte Trump 304 Elektoren für sich gewinnen, Clinton nur 227. Entscheidend war also weniger, wie viele Stimmen auf die beiden Kandidaten entfielen – sondern in welchen Bundesstaaten diese abgegeben wurden.

US-Präsident Donald Trump trug kürzlich nach langem Widerstand erstmals in der Öffentlichkeit einen Mund-Nasen-Schutz.
© ALEX EDELMAN

Wahlsystem verzerrt landesweites Stimmungsbild

Die USA haben bekanntlich ein Wahlsystem, in dem bei den Präsidentschaftswahlen in den einzelnen Bundesstaaten sogenannte Elektoren oder "Wahlmänner" verteilt werden. Das Wahlkollegium besteht aus 538 Elektoren. Jeder Bundesstaat stellt so viele davon, wie er Sitze im Kongress hat – also im Senat und Repräsentantenhaus zusammengenommen. Kalifornien etwa hält 53 Sitze im Repräsentantenhaus und hat wie alle Bundesstaaten zwei Sitze im Senat. Ergo entfallen 55 Elektoren auf den bevölkerungsreichsten Bundesstaat. Die Sitze im Kongress sind jedoch nicht proportional zur Bevölkerungsgröße verteilt, kleine Bundesstaaten sind deshalb deutlich im Vorteil.

Fast alle Bundesstaaten vergeben ihre Elektoren schließlich nach dem "Winner Takes All"-Prinzip. Demnach ist also nicht entscheidend, ob ein Kandidat in einem Bundesstaat 20 Prozentpunkte oder nur einen Prozentpunkt Vorsprung hat. In Kalifornien würde er in jedem Fall die 55 Stimmen der Wahlmänner zugeteilt bekommen. So kommen Konstellationen wie 2016 zustande, in denen eine Kandidatin zwar deutlich mehr Stimmen auf sich vereinen kann, aber dennoch weniger Stimmen im Wahlkollegium ("electoral college").

Dieses System hat ebenso zur Folge, dass in einigen Bundesstaaten bereits von vorneherein feststeht, wer die Elektoren am Ende des Tages für sich verbuchen kann. Die 55 Wahlmänner Kaliforniens etwa werden Joe Biden nicht zu nehmen sein. Das Augenmerk konzentriert sich also auf die Bundesstaaten, in denen die Kandidaten so knapp beisammen liegen, dass mal ein Demokrat, mal ein Republikaner die Mehrheit dort erringen kann. Das sind die sogenannten "Swing States", die auch heuer wieder darüber entscheiden werden, wer ins Weiße Haus einziehen – oder dort bleiben kann.

Wie stehen die Chancen Bidens in den "Swing States"?

Befürworter des amtierenden US-Präsidenten können also darauf hoffen, dass erneut eine Situation wie vor vier Jahren einritt, und Trump trotz weniger Stimmen auf bundesweiter Ebene wieder Präsident wird. Dafür müsste er jedoch wieder in den genannten Staaten punkten, die das Zünglein an der Waage ausmachen. Dazu zählen Michigan, Wisconsin, Pennsylvania, Florida, Arizona und North Carolina. Die drei Erstgenannten konnte Trump 2016 gegen Clinton mit weniger als einem Prozentpunkt Vorsprung für sich entscheiden, die restlichen zwischen 1 und 4 Prozentpunkten.

Genau hier ziehen düstere Wolken für Trump auf, wenn die aktuellen Umfragen halten. Demnach hat Biden in sämtlichen dieser Staaten derzeit einen deutlichen Vorsprung. In Michigan, Wisconsin und Pennsylvania führt Biden mit 10 bis 11 Prozentpunkten, in North Carolina mit 9, in Arizona mit 7 und sogar in Florida ist Biden mit 6 Punkten voran, rechnet die New York Times vor.

Nehmen wir nun also einen US-Bundesstaat als Beispiel – Michigan. Dort setzte sich Trump bei der Wahl 2016 mit wenigen Tausend Stimmen Vorsprung durch. Der Staat war also einer derjenigen, die schlussendlich den Ausschlag dafür gaben, dass der Republikaner die Wahl für sich entschied. Dort sagten 2016 die meisten Umfragen vor der Wahl einen klaren Sieg für Hillary Clinton voraus – mit 4 bis 6 Prozentpunkten Vorsprung. Auch wenn sich der Vorsprung in den Umfragen in den Tagen vor der Wahl verringerte: Dieses Ergebnis hatte fast keine Prognose auf dem Zettel.

Gründe dafür gibt es viele: Clinton war auch bei vielen demokratischen Wählern unbeliebt, andere trauerten dem in den Vorwahlen unterlegenen Bernie Sanders nach – und vor allem waren viele ob der Umfragen absolut sicher, dass Clinton ohnehin gewinnen würde und blieben der Wahl fern. Weiße Arbeiter strömten tendenziell stärker Trump zu als gedacht. Afroamerikaner blieben hingegen zahlreicher den Urnen fern als in den Wahlen zuvor, als Barack Obama zur Wahl stand. Die Mobilisierung bei den Republikanern für Trump war schlussendlich stärker. Dieser Effekt könnte sich auch heuer in kritischen Bundesstaaten wiederholen. Allerdings ist es nach den Erfahrungen der vergangenen Wahl wohl unwahrscheinlicher – auch weil Joe Biden als Ex-Vizepräsident Barack Obamas etwa bei Afroamerikanern beliebt ist. Und weil Demoskopen auf den Schock von 2016 reagiert und die Rechenmodelle angepasst haben.

Gegner von US-Präsident Donald Trump dürfen derzeit also frohlocken. Wären heute US-Präsidentenwahlen, würde Joe Biden wohl einen Erdrutschsieg feiern und Trump haushoch schlagen. Demokraten hoffen zudem auf eine Mehrheit in Senat und Repräsentantenhaus. Aber: Die Wahlen sind nicht heute, bis zum 3. November sind noch 16 Wochen Zeit. In denen viel passieren kann – gerade nachdem die Corona-Pandemie die Welt auf den Kopf gestellt hat. Niemand kann garantieren, dass bis dahin nicht wieder alles anders ist. Dennoch sind die Zahlen derzeit eindeutig: Noch nie war die Chance auf eine Wiederwahl Trumps niedriger.


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