Demo-Unruhen in Wien: Laut Umfrage orten 70 Prozent Parallelgesellschaften

Ende Juni gerieten türkische Nationalisten und kurdische Demonstranten in Wien-Favoriten aneinander. Eine Umfrage ergab nun, dass etwa drei Viertel der Österreicher Vorfälle wie diesen als einen importierten Konflikt sehen.

Die Polizei im Einsatz bei einer Kundgebung in Wien-Favoriten am 26. Juni.
© GEORG HOCHMUTH

Wien – 70 Prozent der Österreicher sehen die Existenz von Parallelgesellschaften. Das geht aus einer Umfrage des Sozialwissenschaftlers Rudolf Bretschneider nach den Gewaltausbrüchen bei Demonstrationen in Wien-Favoriten hervor, wo Ende Juni türkische Nationalisten und kurdische Demonstranten aneinandergeraten waren. Etwa drei Viertel denken, dass es sich bei diesen Vorfällen um einen importierten Konflikt handelt.

Ebenfalls 70 Prozent sehen dadurch negative Folgen für das Zusammenleben, erklärte Bretschneider. In Auftrag gegeben wurde die Umfrage vom Österreichische Integrationsfonds (ÖIF). Dafür wurde ein 1000er-Sampel, das repräsentativ für die Bevölkerung in Österreich ist, im Zeitraum von 9. bis 11. Juli befragt.

Bretschneider präsentierte am Dienstag bei einem Termin mit Integrationsministerin Susanne Raab (ÖVP) zudem eine Studie zu "sozialen Brennpunkten", die ebenfalls vom ÖIF in Auftrag geben wurde. Bei der Ende 2019 begonnenen qualitativen Studie, die im Februar abgeschlossen wurde, wurden in Wien 1000 Personen befragt. 70 Prozent der Teilnehmer meinten dabei, dass sie in der Bundeshauptstadt soziale Brennpunkte wahrnehmen. Das Bewusstsein sei in den Flächenbezirken am größten, aber auch innerhalb des Gürtels zu finden, so Bretschneider. Zunächst hätten die Befragten aber einmal an Drogen- oder Alkoholprobleme gedacht, dann erst an Asylwerber und Menschen mit Migrationshintergrund, erläuterte Bretschneider. Ebenfalls 70 Prozent sehen eine Zunahme von Problemen, und dies vor allem in Schulen und Kindergärten. Für 42 Prozent der Befragten habe sich das persönliche Sicherheitsgefühl verschlechtert, so Bretschneider: "Das ist etwas, was durchaus verhaltensrelevant werden kann." Der Wissenschafter betonte, dass die Studie lange vor den Vorfällen in Favoriten und auch vor Beginn der Coronakirse durchgeführt wurde.

Raab will Frühwarnsystem für Parallelgesellschaften

Raab nahm die Umfrage und die Studie als statistisches Unterfutter für ihre Forderung, ein Frühwarnsystem für Parallelgesellschaften zu etablieren. Denn diese seien "Nährboden" dafür, dass es letztlich zu "Gewalteskalationen" wie in Favoriten komme. Auch behinderten Parallelstrukturen die Integrationsbemühungen.

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Integrationsministerin Susanne Raab (ÖVP).
© HERBERT PFARRHOFER

Dass Menschen mit Migrationshintergrund in Favoriten "auf einander los gegangen sind", müsse aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet werden. Einer dieser sei der Sicherheitsaspekt, für den der Innenminister zuständig ist, der andere ist die gesamtgesellschaftliche Perspektive, diese müsse ebenfalls beleuchtet werden. Dabei sei wichtig, dort hinzusehen, wo Migrationskonflikte entstünden. Die Gewalteskalation sei bloß die "Spitze des Eisberges", Parallelstrukturen deren "Nährboden".

Bei ihrem "Frühwarnsysem" will Raab Faktoren wie den Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund in einem Stadtteil, die Frage welche Vereine dort tätig sind oder sozioökonomische Faktoren wie Arbeitsmarktbeteiligung und das Bildungsniveau berücksichtigen. Es gehe aber auch um Fragen, wie unterschiedliche Gruppen über soziale Medien Kontakt herstellen, so Raab. Oder welche normativen Werte diese teilen.

Austausch mit Bürgermeister von Dijon

Diesbezüglich suche sie auch internationalen Kontakt, betonte die Integrationsministerin. Etwa habe sie vor Kurzem mit dem Bürgermeister der ostfranzösischen Stadt Dijon gesprochen, wo es über Tage zu Zusammenstößen zwischen Tschetschenen und anderen Migrantengruppen gekommen war.

Auch will Raab Vereine einladen, die augenscheinlich in derartige Konflikte oder beim Entstehen von Parallelgesellschaften involviert sind. "Wo entstehen sie, und wie kann man da dagegen arbeiten." Darüber hinaus gehe es aber auch um die "emotionale Ebene", also wie Menschen Integration wahrnehmen. Denn schließlich sei deren Empfinden darüber ein Faktor, "ob Integration gelingt oder nicht". (APA)


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