Ärger und Angst in Tokio vor Olympia: Countdown der Ungewissheit

Noch ein Jahr bis Olympia – oder etwa nicht? Die Zweifel an der Ausrichtung der Sommerspiele 2021 in Tokio (JPN) wächst ebenso wie der Widerstand gegen Olympia. Fix ist nur: Es werden Spiele wie nie zuvor sein.

Große Sorgen vor den Olympischen Spielen in Tokio: 365 Tage vor der Eröffnung sind die Spiele gefühlt viel weiter weg als ein Jahr.
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Tokio – Der Olympia-Countdown für Tokio (23. Juli bis 8. August 2021) beginnt zu ticken. Schon wieder? Ja, schon wieder. Das hatten wir ja bereits einmal. Damals, im Jahr 2019, waren alle noch voller Frohmut für die Olympischen Sommerspiele in Japans Metropole Tokio. Nun, nach der Verschiebung auf 2021, regieren vielmehr Ärger, Ungewissheit, Angst – und die Eröffnungsfeier am 23. Juli ist somit gefühlt viel weiter weg als „nur“ ein Jahr.

Geldfresser: Die Japaner schnippen nicht mit den Fingern und schon ist Olympia schnell mal ein Jahr später – ganz im Gegenteil. Die Veranstaltung an sich hätte schon kolossale 11,5 Milliarden Euro verschlungen, inoffiziell soll das Ganze noch weit mehr kosten. Und die Verschiebung schraubt das Budget noch einmal kräftig nach oben: An die sechs Milliarden soll die Neuansetzung laut Experten kosten. Zudem ist unklar, wie die Käufer der mehr als 41.000 Wohnungen, die aus den Unterkünften der Athleten im Olympischen Dorf entstehen sollen, entschädigt werden. Diese können nun erst ein Jahr später bezogen werden. Nach Informationen lokaler Medien wurden 940 der Wohnungen verkauft, viele Verträge seien besiegelt.

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Einreisesorgen: Doch der finanzielle Aspekt ist nur die eine Seite der Medaille, die andere zeigt die großen Probleme angesichts der Coronavirus-Pandemie. Mehrere hunderttausend Fans werden erwartet. Doch wie soll das klappen, fragt man sich angesichts der derzeitigen Situation. Die Grenzen sind wegen Corona weiter geschlossen, gestern meldete Tokio erstmals mehr als 300 Neuinfektionen – ein Rekord, der die Aussichten zusätzlich trübt. Dabei will sich das eher verschlossene Japan mit der Ausrichtung der Spiele eigentlich als weltoffenes Land präsentieren. Müssten Athleten aus Übersee nach der Einreise erstmal in eine zweiwöchige Quarantäne, stellt sich die Frage nach geeigneten Unterkünften, die Anschluss an sichere Trainingseinrichtungen bieten. Olympia-Ministerin Seiko Hashimoto erklärte kürzlich aber, Japan erwäge Reiseerleichterungen für ausländische Olympia-Teilnehmer.

Jubelverbot: Trotz aller Widerstände zeigen sich die Verantwortlichen notgedrungen zuversichtlich. Und bringen allerhand Ideen in Umlauf, deren Umsetzung teils unmöglich erscheint. Zu den rund 400 Vorschlägen für mögliche Corona-Maßnahmen gehören etwa bargeldloses Bezahlen an Verkaufsständen in der Arena, die Pflicht zum Tragen von Masken. Ebenso angedacht ist eine Reihe von Verboten: kein lautes Anfeuern der Mannschaften, keine lauten Durchhalteparolen, Gesänge sowie Umarmungen unter den Athleten selbst sowie Trink- und Essensverbote in den Umkleidekabinen. Im Olympischen Dorf, wo bis zu 11.000 olympische und 4400 paralympische Athleten unterkommen sollen, könnten ebenfalls Bewegungseinschränkungen eingeführt werden. Zumal die Athleten Zimmer, Cafeterias und Busse mit anderen teilen müssen.

Impfstoff: Ein Schlüssel für die Rettung der um ein Jahr verschobenen Spiele sei laut OK-Chef Yoshito Mori ein Impfstoff. „Ob die Olympischen Spiele durchgeführt werden können oder nicht, hängt davon ab, ob die Menschheit das Coronavirus besiegen kann“, sagte der frühere Premierminister Japans. Dies könne man insbesondere durch die Entwicklung eines Impfstoffes schaffen.

Experimentierlust: Während alle Welt angesichts der Pandemie zweifelt, ob die Spiele 2021 überhaupt stattfinden können, nutzen Japans Verantwortliche derzeit einen Teil der 43 Olympia-Wettkampfstätten als eine Art gigantisches Laboratorium: Vor Ort wollen sie testen, welche Maßnahmen zum Schutz von Athleten, Zuschauern und anderen Beteiligten vor dem Coronavirus ergriffen werden könnten. Experimente, wie sie noch kein Olympia-Gastgeber durchführen musste. So wurden in der Saitama Super-Arena, wo Basketball gespielt werden soll, die Mixed-Zonen für Interviews der Medien mit Athleten umstrukturiert. Dazu gehört die Installation von Trennscheiben aus Akryl zwischen Reportern und Athleten. Außerdem ist angedacht, die Sportler zum Training und zu den Wettkämpfen auf mehrere Busse zu verteilen, um Abstand halten zu können.

Absage: Was aber, wenn die Spiele am Ende doch nicht 2021 stattfinden können? Rund die Hälfte der nationalen Sportverbände in Japan hoffen nach einer Umfrage der Nachrichtenagentur Kyodo, dass das IOC und Japans Olympia-Macher noch in diesem Jahr entscheiden, ob die Spiele 2021 abgehalten oder abgesagt werden. Eine nochmalige Verschiebung soll es nicht geben. Japans Organisatoren bevorzugten jedoch eine Entscheidung eher im Frühjahr nächsten Jahres, hieß es. (rost, dpa)


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