Von allem immer zu wenig: Tirols Militärkommandant Gstrein im Interview

Tirols Militärkommandant Ingo Gstrein spricht von offenen Zukunftsperspektiven. Problemen in der Ausrüstung und von einer versprochenen Pionierkompanie in Landeck, die auf Eis liegt.

Seit April ist der Imster Ingo Gstrein Militärkommandant von Tirol. Er spricht von großen Herausforderungen.
© Fankhauser

Ex-Verteidigungsminister Starlinger hat eine Erhöhung des Heeresbudgets auf drei Mrd. Euro für ein funktionierendes Heer gefordert. Bei Klaudia Tanner (VP) weiß man nicht, wohin die Reise geht. Wissen Sie es?

Ingo Gstrein: Besonders wichtig wäre, dass der seit 2015 anhaltende positive Trend im Budget fortgesetzt wird. Heuer sind rund 2,5 Milliarden Euro vorgesehen. Daneben sind natürlich begleitende Reformen notwendig. Jeder der zuletzt tätigen Verteidigungsminister hat eine eigene Reform begonnen. Wir benötigen ein effizientes, aber auch effektives Bundesheer für eine zukunftsfähige Landesverteidigung. Zweifellos ist das eine große Herausforderung.

Wie ist die Stimmung?

Gstrein: Nach unserem Einsatz in der Corona-Krise sehr gut, weil wir Soldaten der österreichischen Bevölkerung „Schutz und Hilfe“ bieten konnten. Jetzt eher abwartend wegen offener Zukunftsperspektiven zur bevorstehenden Reform.

Stets wird über die Ausrüstung geklagt und oft der Fuhrpark genannt. Für die Militärmusik müssen private Busse angemietet werden.

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Gstrein: Im Jahr 2014 war das Mobilitätsproblem sehr präsent und es wurde sogar ein eigener Mobilitätsbeauftragter im Ministerium implementiert. Durch die Beschaffung von Fahrzeugen wurde versucht, die Situation zu verbessern. Das ist zumindest teilweise gelungen. Vor allem im Einsatzbereich sind mit den Puch G und Pinzgauern schon noch uralte Fahrzeuge eingesetzt. Da benötigt man einen adäquaten Ersatz. Der diesbezügliche Beschaffungsvorgang ist meines Wissens eingeleitet.

Darauf wartet man offenbar schon seit Jahren.

Gstrein: Ich bin überzeugt, dass wir bald die ersten Fahrzeuge erhalten. Die Lkw sind ebenfalls eine gewisse Herausforderung, aber da hoffen wir auf die Umsetzung des von Ministerin Tanner angekündigten Milizpakets. Prinzipiell haben wir in Teilbereichen ein Mobilitätsproblem, an Lösungen wird gearbeitet.

Unabhängig davon, dass Ex-Verteidigungsminister Doskozil 2017 mit seiner Ankündigung, Pandur-Radpanzer für den Assistenzeinsatz an der Grenze nach Tirol zu verlegen, für Aufregung gesorgt hat: In Tirol hatte man keine.

Gstrein: Mit den BvS 10 Hägglunds hat es vor zwei Jahren einen großen Schritt nach vorne gegeben. Es ist ein modernes, geschütztes und trotzdem hochbewegliches Fahrzeug für die Hochgebirgsjäger, leider nicht in jener Anzahl, wie wir es benötigen würden.

Für die Landesübung „Scheitelhöhe“ 2019 in Tirol mussten Geräte aus ganz Österreich zusammengekratzt werden, damit sie durchgeführt werden konnte.

Gstrein: Das fällt in diesen Bereich. Eben deshalb werden 200 Funktionsfahrzeuge bzw. Lkw angekauft. Mit den BvS 10 Hägglunds hat es vor zwei Jahren einen großen Schritt nach vorne gegeben. Es ist ein modernes, geschütztes und trotzdem hochbewegliches Fahrzeug für die Hochgebirgsjäger, leider nicht in jener Anzahl, wie wir es benötigen würden.

Und dringend benötigte Helme und neue Uniformen bleiben in Wien hängen?

Gstrein: Nicht nur bei der Miliz gibt es großen Nachholbedarf an Ausrüstung, sondern in vielen Bereichen. Die neue Uniform wurde bereits in den Kasernen in St. Michael und Ried im Innkreis übergeben. Aber 55.000 neue Uniformen in mehrfacher Ausfertigung pro Soldat – das sind schon Dimensionen, die ins Geld gehen. Und das dauert dann.

Die Pionierkompanie in Schwaz wurde aufgelassen, eine neue Kompanie sollte in Landeck aufgebaut werden. Doch das stockt ebenfalls.

Gstrein: Nach Verteidigungsminister Kunasek (FP) wurde dieses Vorhaben in die zweite Reihe zurückgereiht. Es ist im neuen Regierungsprogramm generell angedacht, die Pioniertruppe zu stärken, aber wie, das ist noch unklar. Kleinere Pionieraufträge werden vom Baupionierzug des Militärkommandos professionell erfüllt. Größere Pioniereinsätze in Tirol wurden bislang von den Salzburger Pionieren sehr gut abgewickelt.

Dennoch wurde die Pionierkompanie als Zukunftsaktie für die Pontlatz-Kaserne in Landeck beworben.

Gstrein: Derzeit sind zwei Kompanien in der Pontlatz-Kaserne stationiert: eine Jägerkompanie des Jägerbataillons 23 und eine Kompanie, die dem Militärkommando untersteht. Aus dieser wäre geplant gewesen, die Pionierkompanie zu entwickeln. Es ist wünschenswert, dass zwei Kompanien dort stationiert sind, denn die Pontlatz-Kaserne ist als Stützpunkt für Einsätze im Oberland essenziell.

Ihr Vorgänger Herbert Bauer hat den Investitionsbedarf in den Tiroler Kasernen mit 68 Mio. Euro beziffert.

Gstrein: Unsere Kasernen sind im Vergleich mit anderen in einem guten Zustand. Natürlich müssen wir in allen Liegenschaften investieren. Größere Investitionsbedarfe gibt es in Landeck und Kranebitten, auch im Sanitätszentrum West in Innsbruck. In St. Johann und Lienz gäbe es ebenfalls Bedarf genauso wie am Truppenübungsplatz Li¬zum-Walchen.

Für Lizum-Walchen wird ja über eine Kooperation mit der deutschen Bundeswehr verhandelt. Wie weit sind die Gespräche gediehen?

Gstrein: Es gibt eine Absichtserklärung, Verhandlungen bis Ende März 2021 mit der deutschen Bundeswehr zu führen. Es geht um eine Beteiligung an notwendigen Investitionen.

Machen zwei Kasernen in Lienz noch Sinn?

Gstrein: Vor Jahren war bekanntlich die Schließung der Franz-Joseph-Kaserne im Gespräch. Momentan ist das kein Thema. Wenn sie geschlossen werden würde, müsste in die Haspinger-Kaserne massiv investiert werden.

Als Militärkommandant unterstehen Ihnen nur rund 340 Bedienstete. Wie würden Sie den Stellenwert des Militärkommandos einordnen?

Gstrein: Es hat eine wichtige Funktion im Bundesheer und im Land Tirol. Gerade während der Corona-Krise standen wir mit 550 Soldaten im Inlands¬einsatz. Als Militärkommandant bin ich Ansprechpartner für die Behörden, weil wir die infrastrukturelle Verantwortung sowie die Einsatzführung im Assistenzeinsatz haben. Militärisch gesehen nehmen natürlich andere Protagonisten eine größere Rolle ein, wie z. B. die 6. Gebirgsbrigade.

Jetzt wird über die Zusammenlegung der Brigaden mit den Militärkommandos diskutiert.

Gstrein: Die Brigade ist der Kern des Bundesheers. Jetzt wird darüber nachgedacht, die Brigaden und die Militärkommanden zu fusionieren. Dieser Idee kann man etwas abgewinnen. Letztlich kommt es wie immer auf die Umsetzung an, weil die Zusammenführung natürlich Konfliktpotenziale birgt. Insgesamt sollen die Führungsstrukturen verschlankt werden.

Wäre das nicht eine Aufwertung des Militärkommandos?

Gstrein: Eine der Grundideen der Reform ist es, die Militärkommanden zu stärken. Wir sind schließlich die Schnittstelle zum Land. Das Nebeneinander von mehreren Führungssträngen soll dadurch gestrafft werden.

Sollte alles bleiben, wie es ist: Würde man die Militärkommandos in ihrer aktuellen Struktur überhaupt noch benötigen, sie werden ebenfalls in regelmäßigen Abständen infrage gestellt.

Gstrein: Im militärischen Bereich könnte man das diskutieren, aber der Stellenwert der Militärkommandos in den Bundesländern ist wegen der wichtigen Schnittstellen ein sehr hoher. Wie gesagt, als Militärkommandant bin ich der zentrale Ansprechpartner für militärische Angelegenheiten in Tirol.

Personell soll dem Bundesheer in Tirol in den nächsten Jahren ein pensionsbedingter Aderlass drohen.

Gstrein: In den vergangenen drei Jahren hatten wir einen guten Zuspruch von jungen Menschen, die eine Unteroffizierslaufbahn eingeschlagen haben. Wir benötigen sie auch dringend für die Ausbildung bei der Truppe. Andererseits kommen Pensionsabgänge. Tausende Bedienstete werden in den kommenden Jahren österreichweit Pension gehen. Das sehen wir gleichzeitig aber als Chance, weil wir neue Strukturen entwickeln können, um Personal dorthin umzuschichten, wo es benötigt wird; in der Truppe, bei den ABC-Abwehrspezialisten und vor allem im Cyberbereich.

Gibt es genügend Grundwehrdiener, damit die Kasernen ausreichend belegt sind?

Gstrein: Das hängt von der neuen Struktur ab, zudem sollen die Tauglichkeitskriterien angepasst werden. Vielleicht steht uns dann etwas mehr Personal zur Verfügung, was für die Kasernenbewirtschaftung positiv wäre. Insgesamt sind die Kasernen gut ausgelastet.

Abschließend: Wie geht es mit dem Hubschrauberstützpunkt in Vomp weiter?

Gstrein: Der bleibt und ist wichtig für die zu implementierenden regionalen Schutz- und Hilfezonen, der Bundesheerhubschrauber wird anlassbezogen stationiert.

Der Stützpunkt Vomp ist der am weitesten im Westen gelegene Militärhubschrauberstützpunkt des ÖBH und für Katastrophenhilfe von besonderer Bedeutung.

Das Interview führte Peter Nindler


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