Werbe-Boykott zeigt Wirkung: Facebook-Geschäft wächst langsamer

Facebook selbst nannte die Boykott-Kampagne als einen Faktor für die aktuelle Umsatzentwicklung. Konzernchef Mark Zuckerberg beklagt, "dass einige fälschlicherweise annehmen, dass es beim Großteil der Inhalte auf unseren Diensten um Politik, Nachrichten, falsche Informationen oder Hass geht."

Symbolfoto.
© AFP

Menlo Park – Der Facebook-Boykott durch Werbekunden aus Protest gegen Hassrede beim weltgrößten Online-Netzwerk zeigt Wirkung. Facebook nannte die Kampagne als einen Faktor für die aktuelle Umsatzentwicklung. Firmenchef Mark Zuckerberg sah sich zudem bei der Vorlage aktueller Quartalszahlen zu einer für ihn ungewöhnlichen Verteidigungsrede gezwungen.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg.
© Rinke/Reuters Andreas

"Es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen dem, wie die große Mehrheit der Leute unsere Dienste erlebt und dem Eindruck, den man gewinnen könnte, wenn man nur die Kommentare über Facebook liest", beklagte Zuckerberg am Donnerstag (Ortszeit). Der überwiegende Teil der Facebook-Nutzung bestehe darin, dass Menschen ihre täglichen Erlebnisse mit Freunde teilten, sich unterhaltsame Inhalte anschauten oder Sachen kauften und verkauften, argumentierte er. "Und doch scheinen einige fälschlicherweise anzunehmen, dass es beim Großteil der Inhalte auf unseren Diensten um Politik, Nachrichten, falsche Informationen oder Hass geht."

Zuckerberg: Geschäft hängt von Masse kleiner Unternehmen ab

Zugleich verwies Zuckerberg darauf, dass das Facebook-Geschäft weniger von einigen großen Werbekunden abhänge als von der Masse kleiner und mittlerer Unternehmen wie Cafes, Restaurants oder Handwerker. In der Corona-Krise fuhren viele von ihnen die Werbeausgaben zeitweise zurück, weil ihre Geschäfte geschlossen blieben - andere wichen aber auch ins Internet aus, um ihre Kunden zu erreichen.

Für Facebook bedeutete die Entwicklung eine deutliche Abschwächung des Wachstumstempos im vergangenen Quartal. Der Umsatz wuchs im Jahresvergleich um 11 Prozent auf 18,8 Mrd. Dollar (16 Mrd. Euro). In den ersten Juli-Wochen habe es ein ähnliches Wachstum gegeben. Vor der Krise waren in Facebooks Geschäft Wachstumsraten von über 20 Prozent an der Tagesordnung.

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Mehr als 1000 Werbekunden folgten Boykott-Aufruf

Im Juli folgten über 1000 Werbekunden – darunter Schwergewichte wie Coca-Cola und der Konsumgüterriese Unilever – dem Boykott-Aufruf von Bürgerrechtsgruppen und stoppten zeitweise Anzeigen bei Facebook. Das Online-Netzwerk verdient sein Geld fast ausschließlich mit Werbung.

Zugleich steigen die Nutzerzahlen bei Facebook weiter schnell. Im vergangenen Quartal kamen erneut 100 Millionen monatlich aktive Nutzer hinzu – inzwischen sind es insgesamt 2,6 Milliarden. Jeden Tag griffen auf Facebook 1,79 Milliarden Nutzer zu – 60 Millionen mehr als drei Monate zuvor.

Mindestens ein Facebook-Produkt – zum Konzern gehören unter anderem auch die Fotoplattform Instagram und der Chatdienst WhatsApp – suchten monatlich 3,14 Milliarden Nutzer auf. Das war ein Plus von 150 Millionen binnen drei Monaten. Allerdings warnte Facebook, dass sich das Wachstum der Nutzerzahlen vermutlich abschwächen werde, wenn die Ausgehbeschränkungen in verschiedenen Weltregionen gelockert werden.

Der Gewinn fiel mit fast 5,2 Mrd. Dollar in etwa doppelt so hoch aus wie im Vorjahresquartal. Damals wurde das Ergebnis aber unter anderem von einer Zahlung von 2 Mrd. Dollar nach Ermittlungen der Verbraucherschutzbehörde FTC belastet.

Die Facebook-Aktie stieg im nachbörslichen Handel um 6,5 Prozent, da die Zahlen die Erwartungen der Analysten übertrafen.

Zuckerberg kritisierte, dass geplante Maßnahmen gegen das Tracking der Web-Nutzung für Werbezwecke nicht nur Facebook, sondern viel stärker kleine Unternehmen treffen würden, weil ihre Anzeigen dann weniger effizient wären. "Das würde die Möglichkeiten der kleinen Unternehmen so stark einschränken, dass es vermutlich auf volkswirtschaftlicher Ebene spürbar sein dürfte", sagte er. "Ist es wirklich das, was die Politik inmitten von Pandemie und Rezession will?" Facebook verweist unter anderem auf die geplanten Vorkehrungen zum Schutz der Privatsphäre in der nächsten Version des iOS-Betriebssystems von Apples iPhones, deren Folgen für das Werbegeschäft man noch nicht abschätzen könne. (APA/dpa)


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