Trump verlangt „erheblichen Anteil“ am TikTok-Deal für Staat

Trump will, dass der Staat einen Anteil am Tiktok-Deal abbekommt. Dafür erntet er Empörung. Kritiker werfen dem US-Präsidenten vor, sich in den Markt einzumischen.

(Symbolbild)
© OLIVIER DOULIERY

Washington/Peking – Im Streit um die Zukunft der populären Video-App TikTok aus China ist US-Präsident Donald Trump weiter in die Kritik geraten. Trump hatte gefordert, dass die US-Regierung bei einer möglichen Übernahme des nordamerikanischen Geschäfts von TikTok durch den US-Konzern Microsoft mitverdient. Mehrere US-Medien sprachen von einer ungewöhnlichen Einmischung, für die es in der jüngeren amerikanischen Geschichte keine Beispiele gebe. Kritik kam erneut auch aus China.

Am Wochenende hatte Trump TikTok unter Verweis auf die Datensicherheit mit einem Aus in den USA gedroht. Am Montag sagte er dann, er würde den Kauf des US-Geschäfts von TikTok durch eine amerikanische Firma unterstützen. Wenn es bis zum 15. September keine Einigung gebe, werde er allerdings die Einstellung des Betriebs verfügen.

„Völlig unorthodox"

Nach einem Gespräch mit Microsoft-Chef Satya Nadella berichtete Trump, er habe diesem gesagt, dass „ein sehr erheblicher Teil“ des Verkaufspreises in die US-Staatskasse fließen müsse. Er begründete seine Forderung mit den Worten: „weil wir dieses Geschäft ermöglichen“. Nähere Angaben, wie solch eine Zahlung aussehen könnte, machten weder das Weiße Haus noch das Finanzministerium, wie das Wall Street Journal berichtete.

📲 TikTok am stärksten wachsende Plattform bei Jungen in Österreich

➤ TikTok, die weltweit führende Plattform für kurze Videos auf dem Smartphone, erfreut sich auch in Österreich großer Beliebtheit. Mit einem Plus von 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr zählt TikTok im „Jugend-Internet-Monitor 2020" zu den am schnellsten wachsenden Plattformen hierzulande. Besonders beliebt ist die Plattform bei den Elf- bis 17-Jährigen.

➤ 42 Prozent der Kinder und Jugendlichen in dieser Altersgruppe verwenden die App. Vor allem bei Mädchen ist TikTok beliebt (46 Prozent), "nur" 38 Prozent der Burschen nutzt die Plattform. TikTok rangiert damit aktuell auf Platz sechs der populärsten sozialen Netzwerke in Österreich. In der fünften Ausgabe des „Jugend-Internet-Monitor 2020" schaffte es die App erstmals unter die Top-Sechs.

➤ Schätzungen zufolge zählt die Anwendung derzeit weltweit eine Milliarde monatlich aktive Nutzer, im Mai wurde die Marke von zwei Milliarden Downloads geknackt.

„Es ist völlig unorthodox, dass ein Präsident vorschlägt, dass die USA einen Anteil von einem Geschäftsabschluss nehmen – insbesondere wenn es um einen Abschluss geht, den er selbst eingefädelt hat“, zitierte das Blatt den Jura-Professor Carl Tobias von der Universität Richmond. „Die Idee ist wahrscheinlich auch illegal und unethisch.“ Das Blatt sprach von einer „präsidialen Machtdemonstration, für die es keinen Präzedenzfall zu geben scheint“.

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Die New York Times sprach ebenfalls von einer „Abkehr“ der Praktiken früherer Präsidenten. „Während frühere republikanische Regierungen Eingriffe der Regierung in den Markt ablehnten, hatte Herr Trump keine Skrupel, eine härtere Gangart einzuschlagen“, schrieb das Blatt. Die Nachrichtenagentur Bloomberg urteilte: „Es wäre mit Blick auf die jüngere Geschichte beispiellos, wenn die US-Regierung einen Anteil an einer Transaktion zwischen Unternehmen einziehen würde, an denen sie nicht beteiligt ist.“

📲 Sechs von zehn Teenagern in den USA verwenden TikTok

➤ Sechs von zehn Teenagern in den USA verwenden mittlerweile die aus China kommende Social-Media-App TikTok. Das geht aus der halbjährlich unter 5200 Jugendlichen durchgeführten Generation-Z-Umfrage der US-Investmentbank Piper Sandler hervor. Die Befragung fand im Februar und März 2020 statt. Bei der vorherigen Erhebung im Herbst 2019 schien die Videoplattform noch nicht auf.

➤ Am beliebtesten unter den US-Teens sind Instagram und Snapchat. Mehr als acht von zehn Jugendlichen verwenden Snapchat und den Facebook gehörenden Dienst Instagram. Facebook selbst liegt mit einer Nutzungsrate von 34 Prozent auf Rang fünf hinter Twitter mit 41 Prozent. Bis auf TikTok stammen die Social-Media-Plattformen aus den USA.

➤ Das ebenfalls zu Facebook gehörende Programm WhatsApp wird in der Umfrage nicht als Social-Media-Plattform gezählt.

China: „Viele Möglichkeiten“, sich zu rächen

Das chinesische Außenministerium warf den USA am Dienstag vor, gegen Grundsätze der Marktwirtschaft und die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) zu verstoßen. Es handele sich um „pures Mobbing“, sagte Ministeriumssprecher Wang Wenbin in Peking. Kritik kam auch von Chinas Staatsmedien. China werde den „Diebstahl“ eines Technologieunternehmens durch die USA nicht akzeptieren, kommentierte die Tageszeitung China Daily in einem Leitartikel. Man habe „viele Möglichkeiten“, sich zu rächen.

Die US-Regierung warnt schon länger vor der angeblichen Gefahr, dass über TikTok Daten von Amerikanern in die Hände chinesischer Behörden geraten könnten. Zugleich will Trump Pekings Einfluss in den USA mit aller Macht zurückdrängen. Auch andere chinesische Konzerne wie die Telekom-Riesen Huawei und ZTE bekamen dies schon zu spüren. Im Fall TikTok wird auch die Gefahr einer politischen Einflussnahme oder Zensur von Inhalten im Sinne Pekings angeführt.

TikTok-Nutzer wehren sich in Videos gegen Trumps Drohung

Trump bläst seit seiner Drohung ein eisiger Wind aus dem Netzwerk ins Gesicht. Singend, tanzend und rappend machen Nutzer in für die Plattform typischen Kurzvideos Front gegen ein mögliches Ende der App aus China.

Viele sagen dem Präsidenten ein Scheitern seines Vorhabens voraus und werfen ihm einen politisch motivierten Feldzug gegen TikTok vor. Dabei geben sich die Nutzer in dem Ringen siegessicher. "Du hast das nicht durchdacht, kleiner Donny, oder? Nicht weit her mit dem Geschäftsmann", rappt Nutzerin @maya2960. "Du kannst diese App verbieten, es wird eine neue geben. Es gibt ein Angebot, wo es eine Nachfrage gibt." Die Botschaft ist klar: Die meist jugendlichen Nutzer lassen sich nicht so leicht ausschließen. Das Video wurde mehr als eine Million mal gesehen und bekam 500.000 Likes.

Trump rief auch tiefergehende Kritik jenseits der Videoplattform hervor. 20 TikTok-Stars veröffentlichten einen offenen Brief an Trump, in dem sie vor einem Verbot warnen. "Eine virtuelle Welt, die von Hass bei Twitter beherrscht wird, ist nichts im Vergleich zu Schnappschüssen der Freude und Comedy bei TikTok", heißt es in dem Brief.

Zwar kritisieren sie die Art, wie die App Daten der Nutzer sammelt. Doch anstatt eines Verbots fordern die Verfasser eine "amerikanische Antwort" wie einen Verkauf der Plattform an ein US-Unternehmen. "Lasst den Kapitalismus dieses Problem lösen, nicht den Staat."

© APA

ByteDance-Gründer verteidigt US-Verkaufsstrategie

TikTok ist eine Videoplattform mit Hunderten Millionen Nutzern weltweit. Nutzer können dort eigene Clips hochladen oder Videos von anderen ansehen. Der Eigentümer Bytedance bemüht sich schon seit einiger Zeit, seine internationale Plattform wegen Datenschutzbedenken außerhalb Chinas von der chinesischen Version zu trennen. TikTok versichert, Chinas Regierung habe keinen Zugriff auf Nutzerdaten und habe dies auch nie verlangt. Die Daten von US-Nutzern würden sowieso in den USA gespeichert und verarbeitet.

Der Gründer von ByteDance, Zhang Yiming, hat die Verkaufspläne in den USA verteidigt. In einem Schreiben an die Mitarbeiter, dessen Inhalt am Dienstag nach chinesischen Medienberichten von Insidern bestätigt wurde, sagte Zhang, nur wenige hätten Einblick in die Vorgänge, aber hohe Erwartungen an eine chinesische Firma, die global aktiv sei.

In der Volksrepublik treffen die Verkaufspläne auf harsche Kritik. Einige ByteDance-Nutzer haben angekündigt, im Falle eines Verkaufs an den weltgrößten Softwarekonzern aus den USA Dienste wie den Twitter-Konkurrenten Weibo oder die Video-App Douyin sowie die Nachrichtenplattform Jinri Toutiao zu deinstallieren. Sie erklärten, ByteDance sei angesichts des Vorgehens der US-Regierung zu schnell eingeknickt. Zhang sagte diesbezüglich, dem Unternehmen drohten weitere Schwierigkeiten, weil im Ausland die anti-chinesische Stimmung zunehme. ByteDance war zunächst für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

In Festland-China gibt es nur die zensierte Version Douyin. Als Chef von TikTok wurde jüngst der Disney-Manager Kevin Mayer geholt, der bei dem Unterhaltungskonzern lange als Kronprinz galt. Zuletzt hatte Microsoft sich nach massivem politischen Druck aus dem Weißen Haus in Stellung gebracht, von TikTok Teile des Geschäfts zu übernehmen. Wie viel Microsoft zahlen müsste, ist unklar. Es dürfte um einen zweistelligen Milliardenbetrag gehen. In den USA hat TikTok nach eigenen Angaben 100 Millionen Nutzer. (dpa, TT.com)

📰 Pressestimmen zu eventuellem Kauf von TikTok durch US-Firma

Zu einem eventuellen Kauf der Video-App TikTok durch eine US-Firma schreiben die Zeitungen am Dienstag:

Neue Zürcher Zeitung:

„Kommt der Deal zustande, wird sich Trump wohl als Sieger feiern lassen. Doch der Sieg hätte seinen Preis. Wer unter dem Deckmantel der nationalen Sicherheit erfolgreiche chinesische Firmen aus dem Land jagt oder zu einem Verkauf zwingt, kann von Peking kaum Fairness einfordern. Es mag zutreffen, dass der Westen gegenüber Peking zu lange auf Appeasement gesetzt hat. Auch die Vorstellung, dass sich dank der wirtschaftlichen Verflechtung im Reich der Mitte alles zum Guten wenden werde, grenzte schon immer an Selbstbetrug. Trotzdem sollte der Westen nicht in eine Art antichinesischen McCarthyismus verfallen.

Zur Erinnerung: Die Furcht des US-Senators vor kommunistischer Einflussnahme war kein Hirngespinst. Die Sowjetunion leistete tatsächlich Wühlarbeit in den USA. Im Rückblick herrscht dennoch Einigkeit darin, dass die Kommunistenhatz nicht nur übertrieben, sondern ein Verstoß gegen freiheitliche Werte war. Wer nicht zwischen China und dessen autokratischer Regierung zu unterscheiden vermag, begibt sich in ähnliches Fahrwasser.“

De Standaard (Brüssel):

„TikTok ist das erste chinesische Technologieunternehmen, das als unwillige Braut für eine Übernahme vor den Altar geschleppt werden soll. Die USA scheuen sich nicht mehr, ihre Muskeln im Tech-Krieg, einem integralen Bestandteil des neuen 'Kalten Krieges' zwischen den USA und China, spielen zu lassen. (...) Bis 2025 strebt Peking die weltweite technologische Führung in Sektoren an, die bis dahin profitabel sein werden, dazu gehört auch die künstliche Intelligenz. 'Deshalb nutzt China die Offenheit der westlichen Marktwirtschaften aus', sagt der Berliner Think Tank für China Studies Merics.

Wenn dieser Plan Erfolg hat, werden andere Länder entbehrlich oder lediglich passive Empfänger chinesischer Technologie sein. Die Fülle der Daten junger Menschen auf Tiktok ist für China ein Traumlabor. Aus diesem Grund hat Indien TikTok bereits verboten, und auch Japan erwägt einen solchen Schritt. Die USA prüfen, welchen Nutzen sie für eigene Unternehmen daraus ziehen können. Und Europa schlummert weiter zu den TikTok-Beats.“


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