Drei gerissene Schafe und ein Zaun gegen den Wolf: Neue Wege, neue Zweifel

Auf der Alpe Zanders wurden drei Schafe gerissen – wohl vom Wolf. Die Gemeinde Fließ baut jetzt einen vier Kilometer langen Zaun. An dessen Nutzen glaubt dort aber niemand.

(Symbolbild)
© STAFFAN WIDSTRAND

Von Benedikt Mair und Matthias Reichle

Fließ, Spiss, Innsbruck – Der Zaun ist über vier Kilometer lang, umspannt ein rund 500 Hektar großes Gelände und kostet 15.000 Euro. Trotzdem ist der Fließer Bürgermeister Hans-Peter Bock alles andere als überzeugt davon, dass er etwas nützt. „Wir werden sehen. Wenn du etwas nicht probiert hast, kannst du es nicht einfach so ablehnen.“ Am Wochenende soll er auf der Alpe Zanders im Bezirk Landeck aufgerichtet werden und verhindern, dass noch mehr Weidetiere sterben müssen.

Am vergangenen Samstag wurden dort, im Ortsgebiet von Spiss, drei Schafe gerissen – wie das Land Tirol gestern mitteilte höchstwahrscheinlich von einem Wolf. „Die Schafe weisen Kehlbisse auf“, sagt Martin Janovsky, Beauftragter für große Beutegreifer. „Aufgrund des Rissbildes ergibt sich somit ein konkreter Verdacht.“ DNA-Proben wurden genommen, deren Analyse soll nun Aufschluss darüber geben, ob diese Risse auch jener Wölfin aus der italienischen Population zuzuordnen sind, die bereits in Serfaus und See Weidetiere tötete. „Wir befinden uns hier im unmittelbaren Grenzgebiet zu Graubünden. Es ist nicht auszuschließen, dass es sich um einen anderen Wolf handelt“, meint Janovsky.

Die Alpe Zanders, unweit der Grenze zur Schweiz, befindet sich seit dem Mittelalter im Eigentum der Gemeinde Fließ. Insgesamt 300 Tiere sind in dem auf 2000 Metern Höhe gelegenen Gebiet derzeit untergebracht. In unmittelbarer Nachbarschaft befinden sich auch die Sommerweiden der Pfundser und Nauderer. Die Bauern sind nervös, diskutieren verschiedene Szenarien durch. Die Gemeinde Fließ hat sich dagegen entschieden, die Weidetiere eher als geplant ins Tal zu treiben und den Almsommer frühzeitig zu beenden, wie es in anderen Gebieten bereits geschehen ist, sagt Bürgermeister Bock. Stattdessen sollen Herdenschutzmaßnahmen weitere Risse verhindern.

Der Wolf hat in unserer Gegend nichts mehr verloren. Der kann in Sibirien sein, dort hat er Platz.
Fließer Bürgermeister

Von den bisherigen ist der Fließer Ortschef wenig überrascht. In der Region sei der Wolf derzeit sehr aktiv, meint er, der sich selbst einen Gegner der Wiederansiedlung großer Beutegreifer nennt und für eine Senkung ihres Schutzstatus eintritt. „Der Wolf hat in unserer Gegend nichts mehr verloren. Der kann in Sibirien sein, dort hat er Platz.“ Warum Tierschützer zuschauen können, wie Schafe gerissen werden, versteht Bock nicht.

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Und greift nun doch zu einem Mittel, das von ebendiesen als einziger Weg für ein konfliktarmes Zusammenleben zwischen Wolf und Mensch genannt wird: Herdenschutz. Ein Elektrozaun soll es auf der Alpe Zanders werden – die Kosten zu 60 Prozent vom Land gefördert. „400 Stunden werden der Auf- und Abbau heuer dauern“, sagt Bock. Er nennt die Umzäunung einen „Blödsinn“, will sich „aber gern eines Besseren belehren lassen“. Dass er in diese Verlegenheit kommen werde, glaubt er allerdings nicht. Für „verrückt“ halten die Maßnahme derzeit auch andere Betroffene. Bringen werde der Zaun gar nichts, höchstens, dass er seine Nutzlosigkeit dokumentiere. Und den unzumutbaren Aufwand, den der Herdenschutz für die Bauern mit sich bringe.

Stand heute wurden in Tirol heuer bereits 75 Tiere von Wölfen getötet, wie die Landesverwaltung auf Anfrage der TT mitteilt. Verzeichnet wurden 64 Schafs- und elf Ziegenrisse in Oberland, Unterland und Osttirol, die entweder durch DNA-Analyse oder das Gutachten eines Experten einem Wolf zugeordnet werden. In Verbindung mit den Rissen scheinen in der Statistik außerdem neun abgestürzte oder abgängige Schafe auf.

Der Geduldsfaden ob der vielen toten Tiere wird bei Bauern in den betroffenen Gebieten kürzer. Auch gestern entbrannten in sozialen Netzwerken hitzige Diskussionen, Bilder gerissener Schafe wurden geteilt, der Ruf nach einem Abschuss immer lauter.


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