„Sputnik V“: Russischer SARS-CoV-2-Impfstoff ohne Phase-III

Weltweit gibt es einen Wettlauf um einen Corona-Impfstoff. Nun spricht Russland von der ersten staatlichen Zulassung, die Bevölkerung soll bereits ab Jänner geimpft werden. Die WHO ist skeptisch.

Das russische Gamaleja-Institut hat den Impfstoff entwickelt.
© HANDOUT

Moskau – Wladimir Putin hat – wie bereits vorher angekündigt – am Dienstag die Zulassung des ersten SARS-CoV-2-Impfstoffs weltweit in Russland bekannt gegeben. Details sind nicht bekannt, allerdings erfolgte die Zulassung offenbar noch ohne große Wirksamkeitsprüfung (Phase-III) an tausenden Probanden, was bei österreichischen Experten und international zu Skepsis führte.

Ich weiß, dass sie wirksam ist, dass sie dauerhafte Immunität gibt.
Wladimir Putin

Finanziert wurden die Arbeiten vom russischen Staatsfonds. Die Entwicklung erfolgte am Gamaleja-Institut in Moskau, das der Wissenschafter Alexander Ginzburg leitet. Die Vakzine soll eine robuste Immunantwort hervorrufen. An Nebenwirkungen wurden vor allem vorübergehendes Fieber genannt.

"Es gibt über das Projekt bisher keine genauen und verfügbaren Informationen. Daher kann ich dazu nichts sagen. Zulassung nach einer Phase-II? Das ist offenbar wirklich nur in Russland möglich. Zum Glück und richtigerweise undenkbar ohne Phase-III für unsere Breiten!", erklärte am Dienstag nach Bekanntgabe der Zulassung der russischen Covid-19-Vakzine die Wiener Vakzinologin Ursula Wiedermann-Schmidt (MedUni Wien) gegenüber der APA.

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Vakzin auf der Basis von genetisch veränderten Adenoviren

Offenbar handelt es sich um eine Vakzine auf der Basis von genetisch veränderten Adenoviren, auf die SARS-CoV-2-Antigene (Spike-Protein; S-Protein) quasi "aufgepfropft" werden. "Es scheint sich um rekombinate Adenoviren 26 (für die Erstimpfung; Anm.) und um rekombinante Adenoviren 5 für den 'Booster' (zweite Dosis zur Verstärkung des Immunisierungseffektes; Anm.) zu handeln", erklärte der Wiener Impfstoffexperte Otfried Kistner, der viele Jahre lang beim US-Konzern Baxter in Wien Vakzine mitentwickelt hat und jetzt als Konsulent und Mitglied von WHO-Expertengremien jener des Kandidat-Impfstoffes, der von der Universität Oxford in Kooperation mit dem Pharmakonzern AstraZeneca entwickelt wird.

Kandidatvakzine diesem Prinzip aus China mit humanen Adenoviren als Ausgangspunkt hatten bisher das Problem, dass die Vektoren bei Probanden selbst eine Immunantwort gegen sich verursachen, was eben den Impfeffekt reduziert. Die in Oxford entwickelte und bereits in Phase-III der klinischen Tests befindliche Vakzine (AstraZeneca) verwendet Virusvehikel, die auf Schimpansen-Adenoviren beruhen.

"Unser Impfstoff basiert auf zwei sogenannten Vektoren, modifizierten Viren, die das Genmaterial des Coronavirus in die menschliche Zelle bringen. In diesem Fall sind das Adenoviren, die eine sehr leichte Form der Grippe auslösen. Sehr vereinfacht ausgedrückt, funktionieren die Vektoren wie ein Zug, der Genmaterial des Coronavirus-Stachels (Spike- oder S-Protein an der Virusoberfläche, mit dem das Virus an Zellen andockt; Anm.) in die Zelle transportiert. Der Körper fängt dann an, diesen Stachel zu bekämpfen, und bildet Antikörper", wurde der Chef des russischen Staatsfonds, Kirill Dmitrijew, vor wenigen Tagen in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" in einem Interview zitiert.

Ebola-Impfstoff und MERS-Impfstoff wurden verändert

Die russischen Wissenschafter bauten offenbar auf bereits bestehende Impfstoff-Technologieplattformen auf. Dmitriejew: "Das Besondere ist, dass es sich um eine leicht veränderte Version zweier früher in Russland entwickelter Impfstoffe handelt: ein Impfstoff gegen das Ebolavirus, der schon zugelassen ist und den dasselbe Institut vor sechs Jahren entwickelt hat; das andere ein Impfstoff gegen das MERS-Virus (...). Und damit hat Russland einen Vorteil, den manche im Westen gerne übersehen: Wir nutzen eine schon bekannte Plattform für unseren Impfstoff. Deshalb habe ich mich damit impfen lassen und es meinen 74 Jahre alten Eltern auch empfohlen."

Bei dem russischen Covid-19-Impfstoff werden zwei im Abstand von 21 Tagen erfolgende Immunisierungen mit den Antigenen auf den zwei Adenovirus-Vehikeln durchgeführt. Damit will man vermeiden, dass sich das Immunsystem gegen die Vektoren selbst wendet und somit den Effekt der Immunisierung einschränkt.

Bisher wurde die Kandidat-Vakzine erst bei weniger als hundert Probanden erprobt. Dmitrijew aber erklärte: "Wir beginnen jetzt mit der dritten Phase der klinischen Studien, auch in anderen Ländern, etwa im Mittleren Osten. (...) Wir planen, noch im August mit der Herstellung des Impfstoffs zu beginnen. Im September sollen dann medizinisches Personal und Lehrer auf freiwilliger Basis geimpft werden. Die Massenimpfung der Bevölkerung soll später in diesem Jahr starten."

Russland berichtet von Interesse anderer Länder

"Registriert ist das alles nur als Phase-I", sagte Kistner hingegen nach entsprechender Recherche. Er lese bisher auch nur von geplanter "Massenproduktion" der russischen Vakzine. Die Zulassung eines Impfstoffs sei eine Sache, die Massenproduktion eine ganz andere.

Es gebe auch schon Interessenten aus dem Westen. "Es sind schon 20 Länder auf uns zugekommen, die unseren Impfstoff kaufen und mit uns produzieren werden. (...) Zwei europäische Nationen sind schon auf uns zugekommen. Wir werden demnächst fünf weltweite Produktionspartner nennen", sagte der Chef des russischen Staatsfonds weiter.

Vor einigen Tagen befanden sich weltweit und außerhalb von Russland Kandidat-Vakzine von Sinovac (China), der Universität von Oxford (AstraZeneca) und Moderna (USA/mRNA-Impfstoff) in der Phase-III der klinischen Prüfung. Das ändert sich aber von Tag zu Tag. Insgesamt werden weltweit fast 200 mögliche SARS-CoV-2-Impfstoffe entwickelt.

US-Wissenschafter warnen vor Gefahren

Auch renommierte Mediziner in den USA warnten am Dienstag. "Aktuell würde ich mir den (Impfstoff; Anm.) nicht verabreichen lassen. Ganz sicher nicht außerhalb einer klinischen Versuchsreihe", sagte Scott Gottlieb, der frühere Chef der US-Behörde für Lebensmittel und Arzneimittel-Sicherheit (FDA), am Dienstag im US-Fernsehen.

"Niemand weiß, ob es sicher ist oder ob es funktioniert. Sie bringen die Mitarbeiter im Gesundheitswesen und ihre Bevölkerung in Gefahr", schrieb der aus Österreich stammende Wissenschafter Florian Krammer, Virologe am New Yorker Krankenhaus Mount Sinai, auf Twitter.

Die Crux liegt darin, dass es sich bei einem SARS-CoV-2-Impfstoff um die erste Vakzine dieser Art handelt. Bei der saisonalen Influenza-Vakzine gibt es von zugelassenen Impfstoffen, die sich von Jahr zu Jahr nur wenig ändern, eine ganz andere Situation mit jahrzehntelanger Erfahrung.

Auch die bei den Kandidatvakzinen zum Schutz vor Covid-19 verwendeten Techniken sind zum Teil vollkommen neu. So existiert bisher weltweit kein einziger zugelassener Impfstoff mit der Verwendung von Erbgutbestandteilen von Krankheitserregern (mRNA-oder DNA-Vakzine). Die Erfahrungen mit Impfstoffen auf Adenovirus-Basis ist bisher international ebenfalls begrenzt. (TT.com, APA/AFP)


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