Starinvestor, Wohltäter und Reizfigur: George Soros wird 90

George Soros wird von Anhängern als Investorenlegende und Wohltäter verehrt, während Gegner ihn als rücksichtslosen Finanzhai und Strippenzieher charakterisieren. Der Staranleger, Multimilliardär und Philanthrop bleibt auch im hohen Alter sehr umstritten.

George Soros polarisiert auch mit 90 Jahren noch.
© GEORG HOCHMUTH

Von Hannes Breustedt, dpa

New York – Er zwang die Bank von England in die Knie, forderte Deutschland zum Euro-Austritt auf und warnte die Welt vor Donald Trump. George Soros, der Altmeister unter den Finanzspekulanten, wird an diesem Mittwoch 90 Jahre alt. Der Starinvestor gilt als eine der erfolgreichsten, aber auch umstrittensten Größen der Finanzwelt. Als abgezockter Anlagestratege spekulierte er im großen Stil gegen ganze Volkswirtschaften, als Philanthrop spendet er immense Summen. Und immer wieder mischt er sich in politische Diskussionen ein.

Der 1930 in Budapest geborene Hedgefonds-Manager, der 1947 zunächst nach Großbritannien und 1956 in die USA auswanderte, polarisierte etwa in der Eurokrise mit dem Vorschlag, dass Deutschland und nicht das hoch verschuldete Griechenland den Währungsraum verlassen solle. „Europa spart sich kaputt, statt auch etwas fürs Wachstum zu tun“, echauffierte sich Soros damals. Schuld seien die „Bürokraten bei der Bundesbank“ mit ihrem Stabilitäts- und Ordnungsfimmel.

Warnungen vor Nationalismus

In den vergangenen Jahren meldete sich Soros kontinuierlich mit Warnrufen gegen nationalistische Tendenzen zur Wort. An US-Präsident Trump und auch Chinas Staatspräsident Xi Jinping etwa ließ er kein gutes Haar. Die beiden versuchten, ihre Macht bis an die Grenzen und darüber hinaus auszudehnen. „Präsident Trump ist ein Betrüger und der ultimative Narzisst, der will, dass sich die Welt um ihn dreht“, sagte Soros im Jänner 2020 beim Weltwirtschaftsforum in Davos.

Doch selbst wenn die Stimme des New Yorker Multimilliardärs in der Öffentlichkeit Gehör findet – Gewicht hat Soros‘ Wort selten. Denn ihm hängt auch im fortgeschrittenen Alter als Fondsmanager im Ruhestand stets sein Image als abgebrühter Spekulant nach. Nie weiß man so recht, welcher Finanzwette seine „Ratschläge“ und Meinungsbeiträge gerade dienen. Angesichts der Coups, auf denen sein Ruf als Investorenlegende beruht, ist das auch kein Wunder.

Soros und Bundeskanzler Sebastian Kurz trafen zuletzt im Februar bei der Sicherheitskonferenz in München aufeinander.
© DRAGAN TATIC

1992 spekulierte Soros erfolgreich gegen das britische Pfund. Er machte ein Vermögen, weil Großbritannien unter dem Druck der Finanzmärkte nachgab und seine Währung aus dem europäischen System fester Wechselkurse löste. Soros schrieb Finanzgeschichte als „der Mann, der die Bank von England knackte“. Mit seinen Hedgefonds fuhr Soros jahrzehntelang traumhafte Renditen ein, wenngleich die Methoden nicht nur bei seinen Währungswetten mitunter umstritten waren.

Der Rollenkonflikt

Vor allem beim Thema Europa wurden Soros‘ Rollenkonflikte immer wieder deutlich. Der Geschäftsmann auf der Jagd nach Rendite und der altersweise Weltmann, der Regierungen mit Rat und Tat zur Seite stehen will – das passt nur begrenzt unter einen Hut. So stellte Soros einerseits lautstark Überlegungen an, in Griechenland oder in kriselnde Banken im Euroraum zu investieren. Dann tat er sich als Bedenkenträger hervor, Europa könne an Einzelinteressen und mangelnder Unterstützung für Schuldenstaaten zugrunde gehen.

Soros selbst beteuert indes immer wieder, der schnöde Mammon interessiere ihn bestenfalls am Rande. Vielmehr sieht sich der Geldguru, dessen Vermögen Forbes zuletzt auf 8,6 Milliarden Dollar (7,3 Mrd Euro) schätzte, der Philosophie verpflichtet und sehnt sich danach, auf diesem Feld ernst genommen zu werden. Doch das wollte bislang nicht so recht gelingen. So viele Bücher mit Soros‘ teilweise recht abstrakten Gedanken auch auf den Markt kommen – den Erfolg als Spekulant hat er als Autor noch nicht ansatzweise erreicht.

Im Gegenteil wurde etwa Soros‘ „Reflexivitätstheorie“, mit der er nicht weniger als die ganze Welt erklären zu können glaubte, in Fachkreisen eher belächelt. Sein fieberhafter Versuch, sich als Vordenker und großer Theoretiker in der Tradition des von ihm hochverehrten Philosophen Karl Popper einen Namen zu machen, brachte wenig Lorbeeren ein. Dafür ist der Großanleger, wie viele andere Superreiche in den USA, für sein gönnerhaftes Mäzenatentum bekannt.

Als US-Amerikaner mit ungarischer Herkunft legt Soros großen Wert auf seine europäischen Wurzeln. Über Osteuropa schüttet der Philanthrop schon seit Jahrzehnten ein Füllhorn aus – bereits Anfang der 1990er Jahre entschied er sich, seinen Reichtum für humanitäre Zwecke im ehemaligen Ostblock einzusetzen. Jahr für Jahr spendet Soros Milliarden an diverse Einrichtungen und Organisationen.

Anti-Einwanderungs-Kampagne in Ungarn 2019: George Soros und Ex-EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker wurde von der rechtspopulistischen Regierung vorgeworfen, illegale Migration zu unterstützen.
© ATTILA KISBENEDEK

Zielscheibe von Rechtspopulisten

Dies sorgt jedoch auch für viel Argwohn, Kritiker nehmen ihm den Wohltätigkeitsgedanken nicht ab und sehen Soros als eine Art graue Eminenz in Hintergrund, die mit enormem Finanzaufwand Einfluss kauft. Im Internet ranken sich zahlreiche Verschwörungstheorien um Stiftungen und Initiativen von Soros, die Rechtspopulisten helfen, ihn zur Zielscheibe zu machen. US-Präsident Trump etwa stellte Soros in seiner Wahlkampfwerbung 2016 als Sinnbild einer korrupten Finanzelite dar, obwohl sein Finanzminister Steven Mnuchin und Soros als frühere Geschäftspartner eine enge Verbindung zueinander haben.


Kommentieren


Schlagworte