Nach der Enttäuschung folgt der Triumph: Warum Biden Kamala Harris wählte

Vor kurzem noch strich Kamala Harris als Präsidentschaftskandidatin die Segel. Überraschend schnell, galt sie doch noch kurz zuvor als eine der Favoritinnen. Nun kandidiert sie jedoch doch noch – um das zweitmächtigste Amt in den USA. Dazu verholfen haben ihr Erfahrung, Kompetenz und ihre Wurzeln. Nicht zuletzt aber auch die Entwicklungen der vergangenen Monate.

Senatorin Kamala Harris war nach ihrem Ausscheiden schon für den laufenden Wahlkampf abgeschrieben – nun rückt sie wieder ins Rampenlicht.
© JOSH EDELSON

Von Matthias Sauermann

Washington – Wie ein Phoenix aus der Asche – so lässt sich der rasante Aufstieg von Kamala Harris als starke Frau an der Seite von US-Präsidentschaftskandidat Joe Biden wohl beschreiben. Nach einer enttäuschenden Kampagne um die Nominierung als Kandidatin der Demokraten hatte Harris ihre Ambitionen um das Weiße Haus aufgegeben, bereits Anfang Dezember und damit zwei Monate vor den ersten Vorwahlen. Nun mischt sie wieder ganz oben mit. Bereits ihre Wahl als Vizepräsidentschaftskandidatin schreibt Geschichte. Triumphiert das Ticket Biden/Harris im November, gilt das umso mehr. Ein erstaunliches Comeback, das schlussendlich durch die Entwicklungen der vergangenen Monate aber nicht ganz unerwartet kam.

Die Senatorin aus dem tiefblauen Kalifornien hatte ihre Kandidatur um das Präsidentenamt im Januar des vergangenen Jahres bekannt gegeben – in der Fernsehsendung "Good Morning America". Und rasch stieg die Tochter eines aus Jamaika stammenden Wirtschaftsprofessors und einer tamilischen Krebsforscherin aus Indien in den Favoritenkreis auf. Dafür verantwortlich war ihre unbestreitbare Kompetenz durch langjährige Erfahrung im Justizbereich, schlussendlich als Attorney General von Kalifornien. Auch dass sie in Wahlen bestehen konnte, hatte Harris bewiesen. 2016 wurde sie für Kalifornien in den Senat gewählt.

Auch weckte Harris durch ihre Wurzeln Erinnerungen an die so erfolgreiche zweimalige Kandidatur von Barack Obama, der als erster Afro-Amerikaner ins höchste Amt der USA gewählt worden war. Auch Obama war vor seiner Wahl, ebenso wie die heute 55-jährige Harris, im Senat gewesen.

Senatorin Kamala Harris und Ex-Vizepräsident Joe Biden gerieten im Wahlkampf aneinander.
© JIM WATSON

Starke TV-Debatte war für Harris nicht genug

Im Wahlkampf stand Kamala Harris dann einem breiten Feld an Konkurrenten und Konkurrentinnen gegenüber und musste sich das Label als Favoritin teilen. Joe Biden galt bereits zu Beginn als möglicher Spitzenreiter, gleiches galt für die Senatorin Elizabeth Warren, Senator Bernie Sanders oder später Michael Bloomberg.

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Es war einmal ein kleines Mädchen in Kalifornien, das Teil des Versuchs war, die öffentlichen Schulen integrativer zu machen. Sie wurde jeden Tag mit dem Bus in die Schule gefahren. Und dieses kleine Mädchen war ich.
Senatorin Kamala Harris zu Joe Biden

In einer Fernsehdebatte gelang es Kamala Harris dann, entscheidend aus dem Feld hervorzustechen und auf sich aufmerksam zu machen. In einem emotionalen Schlagabtausch sprach die Senatorin über Diskriminierung und Rassismus und warf Biden vor, sich gegen "busing" eingesetzt zu haben. Gemeint ist damit eine Praxis in den USA, im Zuge derer nach dem Ende der "Rassentrennung" in den USA gezielt afroamerikanische Kinder aus ihren Vierteln mit Schulbussen in andere Schulen gefahren wurden. Das sollte dazu beitragen, Integration zu fördern und ethnisch gemischtere Klassen zu erreichen.

📽️ Video | Harris greift Biden in TV-Debatte an

Der Moment wurde bereits damals als potentiell entscheidender Moment im Vorwahlkampf der Demokraten gewertet. Biden verlor an Zuspruch, Harris gewann. Der Wind drehte sich jedoch rasch und wenige Monate später gab die 55-Jährige mangels Erfolgsaussichten auf, noch bevor die erste Vorwahl in Iowa über die Bühne gegangen war. Der Rest der Geschichte von Joe Biden ist bekannt: Nach schwachem Beginn in den Vorwahlen überholte er seine hartnäckigsten Konkurrenten dann doch und sicherte sich die Nominierung schließlich haushoch.

Wahl des Vize entscheidend für Wahlkampf

Mit der Nominierung in der Tasche stellte sich für Joe Biden nun die Frage, wer an seiner Seite in den Wahlkampf ziehen solle. In den USA wählen die Kandidaten der Parteien einen sogenannten "Running Mate" aus, der an ihrer Seite auf dem Wahlzettel steht und als Vizepräsident kandidiert. Dieser Wahl kommt eine entscheidende Bedeutung zu. Die Kandidaten können dadurch Signale an Bevölkerungsgruppen senden, eigene Schwächen ausgleichen oder andeuten, welche Prioritäten bei einer erfolgreichen Wahl gesetzt würden.

📽️ Video | Marlovits (ORF) über Bidens Wahlkampf

Donald Trump wählte 2016 etwa Mike Pence aus, der aufgrund seiner inhaltlichen Positionen sowie religiösen Überzeugungen Wähler ansprechen sollte, denen Trump aufgrund seiner Vergangenheit als zu wenig gefestigt in seinen Überzeugungen oder moralisch fragwürdig erschien. Mit Pence signalisierte Trump der evangelikalen Rechten in den USA, dass ihre Begehren wie ein Eintreten gegen Abtreibung für die Regierung an oberster Stelle stehen würde. Evangelikale wurden zu einer wichtigen Wählergruppe Trumps und mitentscheidend für den Wahlsieg gegen Hillary Clinton.

Auf der anderen Seite kann man mit einer unglücklichen Wahl auch vieles falsch machen. 2008 wurde dieses Schicksal dem republikanischen Kandidaten John McCain zuteil. Er versprach sich durch die Wahl Sarah Palins als Vizepräsidentschaftskandidat ebenfalls, den konservativeren Parteiflügel zu bedienen sowie Frauen anzusprechen. Schlussendlich sorgte Palin jedoch wegen ihres Auftretens für Spott, das Duo ging gegen Barack Obama und Joe Biden unter.

Nach der Konfrontation kam die Versöhnung: Harris stellte sich früh hinter Biden.
© ROBYN BECK

Harris als logische Wahl nach Protesten gegen Rassismus

Nach langem Zögern und einem intensiven Auswahlverfahren (in dem die Anwärterinnen laut US-Medien auch gefragt wurden, welchen beleidigenden Spitznamen Trump wohl für sie aussuchen könnte) traf Biden nun seine Wahl. Und nach den vergangenen Monaten war sie eine logische. Dass es eine Frau werden würde, hatte Biden bereits früh bekannt gegeben. Und nach den Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd in Polizeihänden war es unausweichlich, dass Biden in diese Richtung ein Signal setzen würde.

Dieses Signal ist nun Kamala Harris. Nicht nur wegen ihrer Wurzeln und persönlichen Betroffenheit, allen voran wegen ihrer langjährigen Erfahrung, auch weil sie sich nach dem Vorfall dadurch profilierte, dass sie entscheidend an dem Vorschlag der Demokraten für eine Polizeireform mitwirkte. Auch ist Harris mit ihren 55 Jahren deutlich jünger als der bereits 77-jährige Biden. Letzteres darf nicht außer Acht gelassen werden: Bereits Trump ist mit seinen 74 Jahren für einen Kandidaten um das Präsidentenamt vergleichsweise alt. Ein Thema im Wahlkampf wird das Alter der Kandidaten also unweigerlich sein, zumal es bei beiden Präsidentschaftskandidaten Gerüchte gibt, sie seien geistig bereits nicht mehr auf der Höhe.

Senatorin Kamala Harris bei einer Anhörung zu Polizeigewalt nach dem Tod von George Floyd.
© JONATHAN ERNST

Dass Biden in vier Jahren nicht mehr antritt, gilt als sicher. Auch ist es durchaus möglich, dass Biden während der ersten vier Jahre aus gesundheitlichen Gründen aus dem Amt scheiden muss. Geschieht das, übernimmt in den USA der Vizepräsident. Harris kandidiert also gewissermaßen gleichsam für ein zukünftiges Präsidentenamt. Wenn nicht vor der übernächsten Wahl, dann in vier Jahren als logische Nachfolgerin.

"Und nun lass uns das Ding gewinnen": Lob von allen Seiten

Dass Biden mit der Wahl von Harris zumindest die führenden Köpfe in der demokratischen Partei überzeugen konnte, zeigen die Reaktionen. Allen voran der ehemalige Präsident und Biden-Vertraute Barack Obama streute der Senatorin aus Kalifornien Rosen.

"Ihre eigene Lebensgeschichte ist eine, in der ich und so viele andere uns wiedererkennen können: Eine Geschichte die sagt, dass es egal woher du kommst, wie du aussiehst und woran du glaubst, hier einen Platz für dich gibt", schrieb Obama auf Twitter. "Und jetzt lass uns dieses Ding gewinnen", schloss Obama enthusiastisch.

In ein ähnliches Horn blies Elizabeth Warren, die ebenso in den Vorwahlen gescheitert und später als mögliche Frau an der Seite Bidens gehandelt worden war. Harris werde "eine mächtige Kraft im Kampf für soziale Gerechtigkeit" sein, schrieb Warren.

Auch der unter linken Amerikanern so beliebte Bernie Sanders, der als letzter verbliebener Konkurrent von Biden aus dem Vorwahlkampf ausgeschieden war, lobte die Entscheidung, Harris auszuwählen. "Sie versteht, was es braucht, um für arbeitende Menschen einzustehen, für eine allgemeine Krankenversicherung zu kämpfen und die korrupteste Regierung in der Geschichte der USA zu Fall zu bringen", schrieb Sanders.

Nach der offiziellen Nominierung von Biden/Harris auf Seite der Demokraten und Trump/Pence auf Seite der Republikaner folgt nun die heiße Phase des Wahlkampfes vor dem Urnengang am 3. November. Trump und Biden stehen sich voraussichtlich in drei TV-Debatten gegenüber, auch Harris und Pence duellieren sich verbal vor laufenden Kameras. Die Würfel sind noch lange nicht gefallen, aber ins Rollen gekommen sind sie spätestens jetzt.


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