"Jetzt muss Biden Vollgas geben": Presse nach Parteitag der Demokraten

Die Demokraten haben einen erfolgreichen und ungewöhnlichen virtuellen Parteitag über die Bühne gebracht. Internationale Medien streuten Ex-Vizepräsident Joe Biden Rosen. Es wird jedoch auch davor gewarnt, dass der Sieg keinesfalls sicher sei.

Selbst nach Einschätzung des Trump-getreuen Senders Fox News hielt Joe Biden die Rede seines Lebens.
© OLIVIER DOULIERY

Washington – Internationale Zeitungen kommentieren den Kampf des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden ums Weiße Haus am Samstag wie folgt:

De Tijd (Brüssel):

"Der viertägige Kongress war ein andauernder Angriff auf Donald Trump. Die Botschaft? Wenn ihr nicht weitere vier Jahre Trump wollt, müsst ihr für Joe Biden stimmen. Was Biden in den kommenden vier Jahren als Präsident tun würde, ist allerdings vorerst noch recht undeutlich.

Das ist nicht verwunderlich: Die Demokraten müssen ihren linken Flügel zur Stimmabgabe für den Politiker der Mitte Biden bewegen und zugleich dafür sorgen, dass genügend Wähler aus der Mitte ihre Stimme der einstigen rechten Hand von Barack Obama geben. (...)

Auf die eine oder andere Art wird Trump sich, ähnlich wie Biden, an die Wähler in der Mitte wenden, denn sie werden im Duell um die Präsidentschaft den Ausschlag geben. Laut Umfragen hat Biden zwar einen komfortablen Vorsprung. Aber vor vier Jahren hat sich bereits gezeigt, dass man sich darauf nicht unbedingt verlassen kann."

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De Telegraaf (Amsterdam):

"Joe Biden, der das schlechte Bild, das Donald Trump in der Corona-Krise und der darauffolgenden wirtschaftlichen Malaise abgegeben hat, quasi als Waffe in den Schoß gelegt bekam, stand bei diesem seltsamen Online-Kongress vor der Aufgabe, drei Dinge klarzustellen. Er musste sich als fitter 77-Jähriger erweisen, als stärkerer Kämpfer gegen das Virus und seine Folgen als Trump und zeigen, dass er keine Marionette des linken Flügels seiner Partei ist. Das gelang Biden. Fast jeder, sogar die gewöhnlich Trump unterstützenden Fox News, war der Meinung, dass er die Rede seines Lebens hielt.

Aber jetzt muss Biden Vollgas geben. Bislang hat er sich vor allem versteckt. Nun wird er mehr Interviews geben müssen und es stehen drei Fernsehdebatten mit Donald Trump bevor. Darauf liegt der Fokus. In Wirklichkeit steht Biden jedoch vor einer noch schwereren Aufgabe. Er muss die, sich im Niedergang befindliche, oft weiße, Mittelschicht, die sich in den Vorstädten hinter einer amerikanischen Flagge in den Vorgärten ihrer Häuser versteckt, für sich gewinnen."

Pravda (Bratislava):

"In seiner Nominierungsrede sprach Joe Biden vom Ende der Zeit der Finsternis und einer neuen Ära des Lichts. Dieses Abgleiten in die Sprache der Märchen macht deutlich, wie schlimm es um die amerikanische Gesellschaft bereits stehen muss. (...)

Viele Amerikaner sehnen sich nach einer Normalisierung, nach einer Rückkehr zu einer pragmatischen Politik ohne ständiges Auseinanderdividieren und gegeneinander Aufhetzen. Sie haben genug von den ständigen die Gesellschaft spaltenden Aussprüchen und Entscheidungen von Donald Trump. Gar nicht zu reden von der Inkompetenz des Präsidenten und den Fehlern, die die USA in immer größere Schwierigkeiten bringen. Sein völliges Versagen im Kampf gegen das Coronavirus oder die Massenproteste gegen Rassismus, die größten seit den 1960er Jahren, sind wohl keine Überraschungen."

Tages-Anzeiger (Zürich):

"Eigentlich sieht es gut aus für Joe Biden. In den Umfragen liegt er vorn, landesweit wie in den besonders umkämpften Bundesstaaten. Und mit seiner souveränen Rede zur Nominierung als demokratischer Präsidentschaftskandidat konnte er Kritiker beschwichtigen und Zweifler überzeugen. Trotzdem wird es nicht einfach, Donald Trump aus dem Weißen Haus zu verjagen. Angeführt von Biden und seiner Vizekandidatin Kamala Harris, kämpfen die Demokraten in einer "uphill battle", wie die Amerikaner sagen, in einer Schlacht also, in der der Gegner im Vorteil ist. Diese Wahl wird für die Demokraten deshalb zum Härtetest. (...)

Ein gemeinsamer Feind eint in der Regel. Trump wäre somit der perfekte Wahlkampfhelfer der Demokraten. Trotz aller Bedenken sind die Chancen von Biden und Harris daher intakt. Allerdings sollte man die Fähigkeit ihrer Partei nicht unterschätzen, einen sicher scheinenden Wahlsieg auf den letzten Metern noch zu verschenken."

Guardian (London):

"Der Parteitag hat einiges getan, um diese Partei für die bevorstehende Aufgabe zu vereinen. Obwohl Joe Biden ein Kandidat aus dem Herzen der alten Politik der Demokraten ist, ist es bemerkenswert, dass der diesjährige Parteikongress das Gefühl eines Wendepunktes vermittelte, denn es war der erste seit Jahrzehnten, der nicht von den Clintons dominiert wurde. (...)

Biden wird kein von Natur aus mitreißender Kandidat sein. Es gibt gute Gründe zu hinterfragen, ob er die Vision sowie die Fähigkeit besitzt, das Amerika nach Trump erfolgreich umzugestalten. Instinktiv ist er glücklicher damit, sich in der politischen Mitte zu bewegen, als die neue radikale Agenda voranzubringen, die in diesen Zeiten ebenfalls erforderlich ist. Doch er hat diese Woche weit besser überstanden, als so mancher befürchtete. Sein Wahlkampf hat – wie sein bisheriges Leben – Widerstandskraft und Urteilsvermögen demonstriert. Sein Angebot von Hoffnung und Licht ist gut auf diese düsteren Zeiten abgestimmt."


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