Das Endspiel um Europas Fußball-Krone: „Finale alloan" statt „Finale dahoam"

Mit dem Champions-League-Finale zwischen dem FC Bayern München und Paris Saint-Germain endet am Sonntag eine Saison, 
die es in dieser Form noch nie gegeben hat.

Das CL-Finale 2020 setzt den Schlusspunkt unter eine denkwürdige Fußballsaison.
© imago

Von Tobias Waidhofer

Lissabon – Es ist egal, ob die Stars von Paris Saint-Germain oder jene des FC Bayern München am Sonntag kurz vor Mitternacht die begehrteste Trophäe des Vereinsfußballs in den Lissabonner Nachthimmel stemmen werden. Der Sieger wird sich so oder so in die Fußball-Geschichtsbücher eintragen, als Gewinner der „Corona-Königsklasse“. Noch nie wurde die Champions League in Turnierform an einem zentralen Ort ausgetragen, und noch nie ging ein Finale ohne Zuschauer über den Rasen. Doch was bedeutete die „Corona-Champions-League“ für Fans, Vereine und Spieler?

💰 Die Prämien: Eigentlich wäre die Rechnung eine einfache – 115,69 Millionen Euro hätte zum Beispiel der FC Bayern bei einem Sieg kassiert. Doch auch der für gewöhnlich prall gefüllte Geldtopf des europäischen Verbandes (UEFA) litt unter der weltweiten Pandemie: keine Zuschauer, kein Konsum, weniger Spiele und Einnahmen und in der Folge geringere Prämien – so lautet die Befürchtung. Die UEFA wird deshalb erst nach dem heutigen Endspiel entscheiden, ob die Prämien für das Erreichen der letzten 
K.-o.-Runden trotz Reduzierung von fünf auf lediglich drei Spiele in voller Höhe ausgezahlt werden können.

„Es wurde keine endgültige Bewertung vorgenommen, und wir erwarten nur begrenzte Auswirkungen auf die Verteilung“, hieß es von der Europäischen Fußball-Union. Sorgen muss man sich aber weder um Paris noch um die Bayern machen – schon vor dem Corona-Zwischenstopp hatten zum Beispiel die Münchner 41 Millionen Euro kassiert ...

🤬 Die Fan-Wut: Der gewöhnliche Konsument vor dem Fernseher hat sich längst an eine Geisterspiel-Besonderheit gewöhnt, die organisierten Fußball-Fans gehörig gegen den Strich geht: Dass die UEFA für die übertragenden 
TV-Sender Gesänge, Torjubel und Sprechchöre aus der Konserve einspielt, gilt als Affront gegen eine Szene, die sich selbst über Kreativität, Lautstärke, Zusammenhalt und die (manchmal auch über das Ziel hinausschießende) Liebe zum Verein definiert. Die Fans fühlen sich ersetzt. „Nein zum Fußball ohne Fans“, sagt deshalb nicht nur die internationale Ultravereinigung „United supporters of Europe“. Eines scheint klar: Die Corona-Pandemie hat die Bruchstelle zwischen Konsumenten und organisierten Ultras noch stärker herausgestrichen. Die Rückkehr der Anhänger ist aber schon geplant: Der 
UEFA-Supercup am 24.9. soll zum „Fan-Pilotspiel“ werden.

😲 Die Spannung: Bayern-Vorstand Oliver Kahn ist sich noch nicht ganz sicher, die breite Masse indes schon: „Ich möchte mich noch nicht endgültig festlegen, ob ich das auch wirklich besser finde“, sagte der ehemalige Weltklasse-Torwart zum „Corona-Modus“, der ab dem Viertelfinale – wie bei Welt- und Europameisterschaften – auf Rückspiele verzichtet. Für den Modus sprechen Spannung und die Tatsache, dass ohne das oft als Rettungsschirm dienende Rückspiel die Risikofreudigkeit und damit auch die Attraktivität der Spiele erhöht wird. Und tatsächlich: Taktische Duelle wie auf einem Schachbrett gab es in den K.-o.-Spielen kaum zu sehen. Sportlich fairer bleibt allerdings der alte Modus, denn in zwei Spielen setzt sich meist das bessere Team durch.

📺 TV-Gesetz: Dass sich die Königsklasse zuletzt in die Tiefen der Pay-TV- und Streaming-Anbieter vertschüsste, stieß Fußball-Freunden sauer auf. Und vor dem Finale lässt nun der deutsche Rundfunkvertrag die Herzen höherschlagen, denn dieser schreibt vor, dass ein Finale mit deutscher Beteiligung im frei empfangbaren TV übertragen werden muss. Das macht nun das ZDF – und auch die Österreicher dürfen einschalten. 2021 kehrt die Königsklasse dann auch in heimischen Gefilden in das Free-TV (Servus TV) zurück.


Kommentieren


Schlagworte