Psychologen: Menschen ersparen anderen intuitiv Schmerzen

Wiener Forscher kamen im Rahmen einer Studie zu dem Schluss, dass Menschen andere Versuchsteilnehmer besser vor Elektroschocks schützten als sich selbst.

Symbolfoto.
© JEAN-PIERRE CLATOT

Wien – Menschen trachten einem Experiment von Wiener Psychologen zufolge intuitiv danach, anderen Menschen Schmerzen tunlichst zu ersparen. In einer Studie schützten sie andere Versuchsteilnehmer sogar besser vor Elektroschocks als sich selbst, wie die Wissenschafter im Fachmagazin The Journal of Neuroscience berichten.

Spätestens seit dem klassischen "Milgram-Experiment" haben psychologische Versuche unter Einbeziehung von Elektroschocks einen durchaus schalen Beigeschmack. Freiwillige sollten in einem angeblichen Versuch zum Lernverhalten 1961 Stromschläge an Testpersonen austeilen, wenn diese Fragen falsch beantworteten. Die Testpersonen waren in Wirklichkeit Schauspieler, die die Stromschläge nur simulierten. Angetrieben von einem Versuchsleiter verabreichten die Versuchsteilnehmer tatsächlich immer stärkere Stromschläge.

Willentlich gesetzte Handlungen im Fokus

Den Neurowissenschaftern um Claus Lamm und Lukas Lengersdorff vom Institut für Psychologie der Kognition, Emotion und Methoden an der Universität Wien ging es bei ihrer Untersuchung inklusive Schockandrohung aber nicht um die Erforschung der Autoritätshörigkeit, sondern um eine Annäherung an das "prosoziale" Verhalten. Darunter versteht man willentlich gesetzte Handlungen, die anderen Personen zugutekommen.

Bei der Wiener Untersuchung mussten sich die Studienteilnehmer immer wieder für eines von zwei angebotenen Symbolen entscheiden. Eines der beiden Bilder löste mit hoher Wahrscheinlichkeit den Schmerzreiz aus, tippte man auf das andere, führte das nur sehr selten zu einem Schock. Im Zeitverlauf konnten die Personen lernen abzuschätzen, welche Wahl mit ungefähr welcher Wahrscheinlichkeit einen Schmerzreiz auslöste, heißt es am Dienstag in einer Aussendung der Uni.

In der Hälfte der Fälle hatte die Entscheidung Auswirkungen auf die Versuchsperson selbst, in der anderen Hälfte der Fälle drohte einem anderen Teilnehmer, den die Probanden vorher kennengelernt hatten, Ungemach. Die Frage war, inwiefern es einen Unterschied im Verhalten machte, ob die Konsequenzen einen selbst oder einen Mitmenschen betrafen. Während des Experiments wurden die Gehirnaktivitäten von 96 männlicher Versuchspersonen mittels Magnetresonanztomografie (fMRT) aufgezeichnet.

Dabei ergab sich die Einsicht, dass die Menschen im Schnitt sogar effizienter beim Vermeiden von Stromstößen waren, wenn diese anderen Studienteilnehmern drohten. In die Entscheidungsprozesse involviert waren Hirnregionen, von denen bekannt ist, dass sie beim Einschätzen von Handlungsoptionen und Umweltreizen beteiligt sind, sowie ein Teil des Gehirns, der etwa mit der Fähigkeit zur Übernahme der Perspektive anderer Menschen in Verbindung gebracht wird.

Die Wissenschafter werten die Studienergebnisse als Hinweis darauf, dass prosoziales Verhalten spontan auftreten könnte. Das steht zwar in einem gewissen Gegensatz zu anderen Befunden, die sich Lengersdorff allerdings damit erklärt, dass es in diesen Untersuchungen "immer um das Erspielen von Geld" ging. "Unsere Ergebnisse sprechen dafür, dass sich der Effekt gewissermaßen umdreht, wenn nicht das finanzielle, sondern das körperliche Wohlbefinden und der Schutz einer anderen Person auf dem Spiel steht", so der Wissenschafter. (APA)


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