Alpbacher Gesundheitsgespräche: Digitalisierung als Kostenbremse

Roche-Vorstandsvorsitzender Severin Schwan plädiert dafür, statt teuerer klinischer Studien die Auswertung von Patientendaten aus der "realen" Welt zu nutzen.

Symbolfoto
© imago

Alpbach, Wien – Personalisierte Medizin inklusive Big Data könnte in Zukunft auch als Kostenbremse in der Medizin wirken.

Roche-Vorstandsvorsitzender Severin Schwan
© Reuters

Wäre es möglich, die extrem teuren klinischen Studien durch die Auswertung von Patientendaten aus der realen Welt ersetzen, wäre das ein wesentlicher Fortschritt, sagte am Dienstag Roche-Vorstandsvorsitzender Severin Schwan bei den Alpbacher Gesundheitsgesprächen.

"Es gibt ein enormes Potenzial für Kostenreduktionen. Derzeit bilden wir Hypothesen und testen in klinischen Studien an Patienten, ob etwas wirkt oder nicht. Es ist keine Frage, dass wir mit Big Date aus der realen Welt schneller und besser werden könnten", erklärte der Roche-Vorstandsvorsitzende.

"Haute Couture" oder "Pret-a-porter" , das ist die Frage

Bei der online übertragenen Podiumsdiskussion mit Schwan und dem belgischen Digitalisierungs-Experten Bart De Witte ging es primär um die Frage, ob Präzisionsmedizin in Zukunft die Rolle einer "Haute Couture" oder von "Pret-a-porter" spielen wird. Bart De Witte tritt laut seinen eigenen Worten für einen "verantwortungsvollen Kapitalismus" ein. Es sei zu hinterfragen, wenn der Pharmakonzern Novartis für eine Gentherapie gegen angeborene spinale Muskeldystrophie 2,1 Millionen US-Dollar verlange.

"Die Entwicklungskosten von 'Zolgensma' (patentierte Gentherapie gegen die spinale Muskeldystrophie; Anm.) sind bei 75 Millionen US-Dollar (63,28 Mio. Euro) gelegen", sagte Bart De Witte. Der Schweizer Konzern habe dann das Unternehmen, das diese Therapieform "erfunden" habe, um 8,7 Milliarden US-Dollar (7,34 Mrd. Euro) gekauft. Der nunmehrige Preis für die Behandlung sei ähnlich wie das Handeln einer Person, die jemanden, der an einer Klippe hänge, die Hand mit den Worten "Geben Sie mir ihr ganzes Geld" entgegenstrecke.

Covid-19: Elchtest bestanden

🔹 "Das System hat standgehalten", erklärte die steirische Gesundheitslandesrätin Juliane Bogner-Strauß (ÖVP). Gleichzeitig seien Stärken und Defizite offenkundig geworden.Bleiben werde eine Hinwendung zu mehr Telemedizin und eine bessere Abstimmung der Leistungen auf die Bedürfnisse des einzelnen Patienten.

  • Bogner-Strauß: "Die Patienten müssen jene Behandlung bekommen, die sie benötigen und nicht unbedingt jene, die sie wollen."

🔹 Der oberösterreichische Dermatologe Werner Saxinger, auch Nationalratsabgeordneter (ÖVP), betonte die schnelle und hervorragende Zusammenarbeit aller Beteiligten in den Zeiten der Krise. Weniger positiv sei betrachten, dass plötzlich viele Behandungen abgesagt bzw. aufgeschoben wurden.

  • Saxinger: "Der 'Elchtest' der Epidemie ist geglückt."

🔹 Der ärztliche Direktor der Grazer Universitätsklinik, Wolfang Köle, verwies auf die umfangreichen organisatorischen Änderungen, welche Covid-19 im Spital notwendig machten. Für die Zukunft sei mit mehr Finanzbedarf für das Gesundheitswesen zu rechnen.

  • Köle: "Das Gesundheitswesen wird teurer werden. Es wird mehr Geld kosten."

🔹 Alexander Rosenkranz, Leiter der klinischen Abteilung für Nephrologie der Universitätsklinik Graz, sieht Covid-19 als großen Schub in der Digitalisierung des Gesundheitswesens.

  • Rosenkranz: "Befundbesprechungen und andere Arzt-Patienten-Kontakte, bei denen eine persönliche physische Anwesenheit nicht notwendig sei, werden auch in Zukunft vermehrt telemedizinisch erfolgen."

🔹 Unternehmens- und Sicherheitsberater Cornelius Grönig betonte, dass das Gesundheitswesen während der ersten Covid-19-Kreise wohl auch etwas Glück gehabt hätte. Für die Zukunft müsse man sicherstellen, dass auch im problematischen Zeiten genügend Bandbreite für die lebenswichtige Kommunikation zur Verfügung stehe:

  • Grönig: "Wir haben gemerkt, dass Netflix genau an der selben Bandbreite knabbert wie andere Benutzer."

"Wir brauchen uns auch nicht dafür entschuldigen, dass wir Gewinn machen."

Schwan verteidigte die Patentrechte auch der Pharmaindustrie: "Würden wir den Schutz unseres geistigen Eigentums verlieren, wäre das ein sehr gefährlicher Weg. Könnten wir unser Know-how nicht schützen, würde uns niemand mehr Geld geben. Es ist nicht wahr, dass sich Kapitalismus und Gesundheit nicht miteinander vertragen. Wir brauchen uns auch nicht dafür entschuldigen, dass wir Gewinn machen." Geistiges Eigentum und ein möglichst gleicher Zugang zu Dienstleistungen im Gesundheitswesen seien kein Widerspruch.

Bart De Witte wiederum betonte den Wert solidarischer Systeme: "Was man in der derzeitigen Krise sieht? Systeme mit einem relativ gleichen Zugang zum Gesundheitswesen kommen - anders als beispielsweise die USA - besser aus der Krise heraus." Der gemeinsame Feind SARS-CoV-2 bringe sogar die größten Machtblöcke der Erde zu einer Zusammenarbeit.

"Was früher Monate oder Jahre benötigte, geschieht jetzt innerhalb von Wochen", betonte auch der Roche-Vorstandsvorsitzende. Covid-19 habe zu einer enormen Verbesserung der Kooperation der Pharmaindustrie mit Zulassungsbehörden und der Pharmaindustrie intern geführt. (APA)


Kommentieren


Schlagworte