Wirecard-Insolvenzverfahren am Amtsgericht München eröffnet

Wirecard hatte im Juni Insolvenz angemeldet, nachdem Wirtschaftsprüfer in der Bilanz ein Loch von 1,9 Milliarden Euro gefunden hatten.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt unter anderem wegen Betrugs gegen ehemalige und noch amtierende Manager.
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Frankfurt, Aschheim – Das Amtsgericht München hat das Insolvenzverfahren über den Zahlungsabwickler Wirecard AG eröffnet. Konkret geht es um die Wirecard AG und sechs Konzerntöchter, wie das Gericht am Dienstag mitteilte. Zum Insolvenzverwalter wurde jeweils der Rechtsanwalt Michael Jaffé bestellt, der sich in den vergangenen Monaten bereits um das Unternehmen aus Aschheim bei München gekümmert hat.

Mit Insolvenzeröffnung müssen jedoch die bestehenden Strukturen redimensioniert werden. Die Cash-Burn-Rate bei Insolvenzantragstellung war enorm, so dass dringender Handlungsbedarf besteht", so Jaffé in einer Aussendung am Dienstag. Um vor diesem Hintergrund eine Fortführung überhaupt möglich zu machen und die Option einer Verwertung des Kerngeschäfts der Wirecard AG aufrecht zu erhalten, seien daher tiefgreifende Einschnitte erforderlich.

Die wirtschaftliche Lage der Wirecard AG war und ist angesichts der fehlenden Liquidität und der bekannten skandalösen Begleitumstände äußerst schwierig. Mit den üblichen Restrukturierungs- und Kostenanpassungsmaßnahmen ist es daher nicht getan, denn eine so massive Verlustsituation ist im eröffneten Insolvenzverfahren unter Vollkosten nicht darstellbar.
Insolvenzverwalter Michael Jaffé

So müssen laut Jaffé sowohl Kündigungen in Bezug auf die Infrastruktur (Immobilienmiet- und Leasingverträge) wie auch für rund 730 Mitarbeiter ausgesprochen werden. Rund 570 Arbeitnehmern - davon rund 350 in den insolventen Gesellschaften und rund 220 in der nicht insolventen Wirecard Bank AG - könnten dadurch jedoch am Standort Aschheim weiter beschäftigt bleiben. Auch die Vorstandsverträge würden insolvenzbedingt gekündigt.

Kritik kommt von der Gewerkschaft. Kevin Voss von Verdi sagte am Dienstag, etwa 600 bis 700 der 1500 am Stammsitz Aschheim bei München beschäftigten Mitarbeiter habe am Montagabend die Mail erreicht, nach der sie unwiderruflich freigestellt wurden. "Ich habe so ein Verhalten von Arbeitgebern nur sehr selten erlebt. Bei allem, was passiert ist – es ist absolut daneben, wie hier mit Menschen umgegangen wird", sagte er.

Im Verkaufsprozess für das Kerngeschäft, in dessen Rahmen auch die nicht insolvente Wirecard Bank AG am Markt angeboten wird, stünde man aktuell mit mehreren namhaften Interessenten in Verhandlungen über einen Erwerb. "Die Erlöse aus der Verwertung werden dabei den Gläubigern zugutekommen", betont der Insolvenzverwalter.

Mit der Eröffnung des Insolvenzverfahrens können die Gläubiger der Wirecard AG sowie deren Töchter nun auch in den jeweiligen Verfahren ihre Forderungen beim Insolvenzverwalter zur Insolvenztabelle anmelden. Das zuständige Amtsgericht München bestimmte dafür eine Frist bis zum 20.10.2020.

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Parallel zu den Verwertungsprozessen läuft auch die Aufklärung der Vorgänge, die zur Insolvenz geführt haben. Die Prüfung etwaiger, aus unerlaubten Handlungen oder Pflichtverletzungen resultierender Haftungsansprüche werde jedoch angesichts des enormen Umfangs der zu prüfenden Daten und Zahlungsvorgänge noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Allen erfolgversprechenden und werthaltigen Schadenersatzansprüchen würde dabei vom Insolvenzverwalter nachgegangen werden.

Wirecard hatte im Juni Insolvenz angemeldet, nachdem Wirtschaftsprüfer in der Bilanz ein Loch von 1,9 Milliarden Euro gefunden hatten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt unter anderem wegen Betrugs gegen ehemalige und noch amtierende Manager. Ex-Chef Markus Braun sitzt in Haft, der für das Asien-Geschäft zuständige Vorstand Jan Marsalek - ebenfalls ein Österreicher - ist auf der Flucht.

Eine Zerschlagung des ehemaligen Börsenstars dürfte nun schnell vorangetrieben werden. Ab sofort muss die Firma auf eigenen Beinen stehen und die Gehälter der Mitarbeiter wieder selbst bezahlen. In der Zeit nach Anmeldung der Insolvenz bis zur Eröffnung des Insolvenzverfahrens übernimmt dies die Arbeitsagentur. (TT.com APA, Reuters)


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