Wirecard mit insgesamt 2,8 Milliarden Euro überschuldet

Bereits seit Jahren häufte der jetzt insolvente Zahlungsdienstleister Verlust in Milliardenhöhe an. Der Insolvenzverwalter prüft laut Medien nun rechtliche Schritte unter anderem gegen Ex-Konzernchef Braun und Ex-Finanzchef Marsalek.

Ex-Konzernchef Markus Braun.
© Peter Kneffel

Berlin, Aschheim – Der insolvente deutsche Zahlungsdienstleister Wirecard hat bereits seit Jahren Verlust in Milliardenhöhe angehäuft. Die Überschuldung belaufe sich auf insgesamt 2,8 Milliarden Euro, heißt es in einem Gutachten von Insolvenzverwalter Michael Jaffe, aus dem Süddeutsche Zeitung, WDR und Handelsblatt zitierten.

Nur wenige der weltweit über 50 Firmen des Konzerns hatten demnach "überhaupt eigene Einnahmen". Die Firma sei "nicht auf Transparenz ausgelegt" gewesen.

Wirecard habe Woche für Woche das Geld verbrannt, das Banken dem Konzern geliehen und Investoren angelegt hatten, berichteten WDR und SZ am Freitag. Vor der Insolvenz im Juni seien es 10 Millionen Euro pro Woche gewesen.

Schon vor drei Jahren 99 Millionen Euro Verlust

Schon im Jahr 2017 soll der Verlust des Konzerns 99 Mio. Euro betragen haben, wie es weiter heißt. 2018 betrug das Minus dann 190 Mio. Euro, 2019 rund 375 Mio. Euro. Allein in den ersten drei Monaten des Jahres seien Verluste in Höhe von 86 Mio. Euro hinzugekommen.

Laut dem 300 Seiten langen Gutachten habe Wirecard 3,2 Mrd. Euro an Verbindlichkeiten angehäuft, berichteten WDR, SZ und Handelsblatt. Dem stünden 26,8 Mio. Euro an frei verfügbaren Bankguthaben gegenüber.

Die Strukturen der Unternehmensgruppe seien "völlig intransparent" gewesen, schreibt Jaffe den Berichten zufolge. Es habe in der Zentrale in Aschheim bei München keine zusammengefassten Informationen über organisatorische Zuständigkeiten, zu den Tätigkeiten der einzelnen Gesellschaften, zu Zahlungen innerhalb des Konzerns und anderen Bereichen gegeben. Das habe alles erst "aufwendig erarbeitet" werden müssen. "Die Strukturen der Gruppe waren nicht auf Transparenz ausgelegt."

Manager hatten Angst vor Anschlag

Laut SZ gingen infolge des Bilanzskandals sogar Drohungen ein. Dies habe dazu geführt, dass einzelne Manager Räume mit offenen Fenstern aus Sorge vor einem "Anschlag" nicht mehr betreten wollten.

Jaffe prüfe rechtliche Schritte gegen frühere Verantwortliche, vor allem gegen die beiden Österreicher Ex-Konzernchef Markus Braun und den flüchtigen Ex-Finanzchef Jan Marsalek, berichteten die Medien. Er denke zudem über Ansprüche gegen den Wirtschaftsprüfer von Wirecard nach, EY. Der Abschlussprüfer hatte die Bilanzen von 2011 bis 2018 testiert.

Wirecard hatte Ende Juni Insolvenz angemeldet. Zuvor hatte das Unternehmen einräumen müssen, dass in der Bilanz aufgeführte Gelder von 1,9 Milliarden Euro, die vermeintlich auf asiatischen Bankkonten lagern sollten, nicht auffindbar seien. Die Staatsanwaltschaft München I ermittelt in dem Fall. Sie geht von gewerbsmäßigem Bandenbetrug aus.

Braun wurde im Zuge des Skandals zweimal verhaftet, zuletzt im Juli. Damals wurden zudem zwei weitere frühere Vorstände festgenommen. Ihnen wird Bilanz- und Umsatzfälschung schon seit dem Jahr 2017 vorgeworfen.

Zwei weitere Sondersitzungen kommende Woche

Kommende Woche tritt wegen des Skandals der Finanzausschuss des deutschen Bundestags zu zwei weiteren Sondersitzungen zusammen. Bereits Ende Juli war eine Sondersitzung einberufen worden, bei der der deutsche Finanzminister Olaf Scholz (SPD) und Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) befragt wurden. Die FDP hatte sich im Anschluss offen für die Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses gezeigt. Die Grünen wollten die beiden kommenden Sondersitzungen des Finanzausschusses abwarten. Linke und AfD sprachen sich bereits für einen Untersuchungsausschuss aus.

Bei den anstehenden Sondersitzungen werden am Montag zunächst Vertreter des Bundeskanzleramts und Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) erwartet. Anschließend sollen Vertreter des bayerischen Staatsministeriums, der Finanzaufsichtsbehörde Bafin und der Zoll-Spezialeinheit Financial Intelligence Unit (FIU) befragt werden. Für Dienstag wurden Vertreter der deutschen Finanzaufsicht BaFin, des Bundesbank, der Deutschen Börse und des hessischen Wirtschaftsministeriums geladen.

Gläubiger können bis 26. Oktober Forderungen anmelden

Die Gläubiger der Wirecard AG können ihre Forderungen bis zum 26. Oktober anmelden, wurde außerdem am Freitag bekannt. Die Wirecard-Aktionäre seien nicht Gläubiger, aber aufgrund der besonderen Umstände bestehe eine Haftung gegenüber den Aktionären, die im Vertrauen auf die unrichtigen Wirtschaftsdaten die Aktien zu einem überhöhten Preis gekauft haben, so der heimische Anlegeranwalt Lukas Aigner.

Die Wiener Anwaltskanzlei Aigner Lehner Zuschin + Partner (ALZ) organisiert – wie bereits berichtet – in Kooperation mit den ROTTER Rechtsanwälten aus München eine Gruppenintervention österreichischer Wirecard-Geschädigter, um die Ersatzforderungen im deutschen Insolvenzverfahren anzumelden. "Da in der Insolvenz zuerst jedenfalls die Gläubiger bedient werden, empfiehlt es sich, die Stellung als Geschädigter und damit als Gläubiger zu deponieren und eben die Schadenersatzforderungen anzumelden", so Roman Taudes von der Kanzlei ALZ am Freitag in einer Aussendung.

Die Wiener Anwaltskanzlei ALZ hatte Mitte August bereits eine erste Klage gegen den ehemaligen Wirecard-Chef Markus Braun in Österreich eingebracht. Braun habe "rechtswidrig und schuldhaft" gehandelt - er müsste im Speziellen für unrichtige Informationen über die wahren Finanz- und Wirtschaftsdaten der Wirecard AG haften, hieß es damals. (APA)


Kommentieren


Schlagworte