Telefonische Krankmeldung endet heute: Massive Kritik auch aus Tirol

Mit heute ist die telefonische Krankmeldung nur noch für Patienten mit Coronavirus-Symptomen möglich. Alle anderen müssen wieder in den Arztpraxen vorstellig werden. Kritik an der Abschaffung kommt auch aus Tirol.

Die telefonische Krankmeldung ist ab heute nur noch für Patienten mit Corona-Symptomen möglich – und das auch nur noch bis Ende des Jahres.
© dpa/Andreas Gebert

Wien – Die telefonische Krankmeldung ist ab 1. September nur mehr für Menschen mit Corona-Symptomen möglich. Dass die Maßnahme nicht generell verlängert wurde, stößt im Gesundheitsbereich teils auf Unverständnis. Für Patientenanwalt Gerald Bachinger ist das Auslaufen "ein vollkommen falsches Signal", Ärztekammer-Vizepräsident Johannes Steinhart befürchtet eine "bürokratische Wurschtlerei".

Noch drastischere Worte findet der Präsident der Tiroler Ärztekammer, Artur Wechselberger. Er bezeichnet die Entscheidung der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) als "unverantwortliche, bürokratische Schikane".

Maßnahme gilt nur noch bis Ende des Jahres

Die telefonische Krankschreibung war Mitte März eingeführt worden, um die Menschenmengen in Arztpraxen wegen der Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus gering zu halten. Mit Anfang September gilt die Maßnahme allerdings nur mehr für Patienten mit Corona-Symptomen, und zwar bis Ende des Jahres. Alle anderen Erkrankten müssen ab jetzt wieder persönlich in den Ordinationen erscheinen, um sich krankschreiben zu lassen.

Tirols Ärztekammerpräsident, Artur Wechselberger, übt scharfe Kritik an der ÖGK:
© GEORG HOCHMUTH

Die seit Wochen steigenden Zahlen an COVID-19-Erkrankten müssten auch bei der Führung der ÖGK die Alarmglocken schrillen lassen, um Schutzmaßnahmen zu erhalten, anstatt sie zurück zu nehmen, so Wechselberger in einer Aussendung. Die Abschaffung wird auch vom Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte, Momen Radi, kritisiert. Schließlich habe die Maßnahme dazu beigetragen, dass "die Infektionsgefahr in Tirols Arztpraxen aber auch am Weg in die Praxen klein gehalten wurde“, so der Mediziner.

Schließlich seien es ja nicht nur COVID-19-Erkrankte, die jetzt wieder mit ansteckenden Krankheiten Arztpraxen aufsuchen werden, um den Formalerfordernissen zur Krankmeldung zu entsprechen. "Auch die heuer geringen Zahlen an Sommergrippe mit Erkältungs- und Magen-Darm-Symptomen ist darauf zurückzuführen, dass die akut Infizierten zuhause bleiben konnten und sich nicht in die Praxen schleppen mussten, um dort eine Diagnose bestätigt zu bekommen, die dank moderner technischer Hilfsmittel auch par distance schon klar war."

Laut Steinhart wäre es "das Einfachste" gewesen, die generelle Möglichkeit der telefonischen Krankmeldung zu lassen. Durch den am Tag vor dem Auslaufen der Regelung von der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) verkündeten Kompromiss befürchtet er bürokratisches Chaos. "Es kommt die Influenza-Zeit, es kommt die Covid-Zeit", sagte er und betonte, die Symptome der einzelnen Krankheiten seien vom Arzt oder der Ärztin per Telefon nicht erkennbar.

Mehr Missverständnisse und Chaos

"Diese Lösung verursacht noch mehr Missverständnisse und noch mehr Chaos", sagte auch Patientenanwalt Bachinger. Eine Differenzierung per Telefon sei schwierig. "Das geht dann dahin, dass entweder alle Verdachtsfälle sind oder dass die telefonische Krankmeldung überhaupt nicht mehr zum Einsatz kommt", malte er zwei Szenarien an die Wand. Die geteilte Lösung "wird nicht funktionieren", prophezeite er.

Ganz grundsätzlich versteht Bachinger nicht, warum man etwas zurücknimmt, das gut funktioniert habe und das von den Patienten gut angenommen wurde. Für den Herbst rechnet er mit "massiven Beschwerden" von Patientenseite, sagte er im Gespräch mit der APA. Trotz aller Corona-Herausforderungen hätte die Krise in manchen Bereichen nämlich auch einen Nutzen gehabt – wie zum Beispiel die telefonische Krankmeldung voranzutreiben, sagte er.

Die Wartezimmer von Ärzten werden sich mit der Abschaffung der telefonischen Krankmeldung wieder stärker füllen. Damit können sich auch wieder Infektionen stärker ausbreiten.
© dpa/Woitas

Gescheitert ist eine generelle Fortsetzung laut Bachinger am Widerstand der Arbeitgebervertreter in der ÖGK, die eine missbräuchliche Verwendung befürchtet hätten. Dafür gebe es dem Patientenanwalt zufolge aber "keine Anzeichen", sagte er. Die Krankenstandsmeldungen seien zuletzt massiv zurückgegangen – und selbst wenn es einzelne Fälle von Missbrauch gebe, müsse man "nicht das ganze Werk abdrehen". Stattdessen solle man lieber Kontrollmechanismen schaffen, schlugen Bachinger und Steinhart unisono vor.

Noch diese Woche sei ein Gespräch der Patientenanwälte mit Vertretern der ÖGK im Gesundheitsministerium mit Minister Rudolf Anschober (Grüne) geplant. Bachinger kündigte an, sich dort vehement für eine generelle Verlängerung der telefonischen Krankschreibung einsetzen zu wollen.

ÖÄK-Präsident Thomas Szekeres kritisiert die Abschaffung.
© APA/Neubauer

Weitere Maßnahmen für den Herbst nötig

Um eine zweite Corona-Welle im Herbst in Österreich möglichst gut bewältigen zu können, brauche es neben der Verlängerung der Krankschreibung per Telefon allerdings weitere Maßnahmen. Einerseits müsse man die telefonische Gesundheitsberatung unter der Nummer 1450 ausbauen, so Bachinger, andererseits spiele die Televerschreibung von Medikamenten eine große Rolle.

Steinhart jedenfalls hätte die telefonische Krankmeldung nicht infrage gestellt. "Warum etwas Sinnvolles auflassen", fragte er sich und ergänzte: "Wir sind noch immer mitten in einer Pandemie." (APA/TT.com)


Kommentieren


Schlagworte