Mordfall Kuciak: Slowakischer Geschäftsmann freigesprochen

Während die unmittelbaren Mörder des Enthüllungsjournalisten Jan Kuciak schuldig gesprochen wurden, endete der Prozess für die vermuteten Drahtzieher mit einem Freispruch. Das Urteil ist nicht rechtskräftig.

Der Enthüllungsjournalist Jan Kuciak und seine Verlobte Martina Kusnirova waren im Februar 2018 ermordet worden.
© VLADIMIR SIMICEK

Bratislava – Der als Drahtzieher angeklagte Millionär Marian K. ist im Prozess um den Mord an dem slowakischen Enthüllungsjournalisten Jan Kuciak aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden. Es sei nicht nachweisbar, dass K. und die mitangeklagte Alena Z. den Mord in Auftrag gegeben hätten, sagte die Vorsitzende Richterin Ruzena Sabova bei der Urteilsverkündung am Donnerstag in Pezinok.

Angehörige und die Staatsspitze reagierten entsetzt auf den Freispruch. Der 27-jährige Kuciak, der als Journalist zu Verbindungen zwischen der italienischen Mafia und slowakischen Politikern recherchiert und sich auch intensiv mit K.s Geschäften befasst hatte, war im Februar 2018 zusammen mit seiner Verlobten Martina Kusnirova erschossen worden. Ausgeführt hatte den Mord der Ex-Soldat Miroslav M., der deshalb im April zu 23 Jahren Gefängnis verurteilt wurde.

📽️ Video | Urteile im Fall Kuciak: Tränen der Enttäuschung bei den Angehörigen

K. stand im Verdacht, den Mord in Auftrag gegeben zu haben. Laut Anklageschrift wollte K. damit weitere Enthüllungen über seine Aktivitäten verhindern. Die Staatsanwaltschaft hatte jeweils 25 Jahre Haft für den Unternehmer und seine beiden mutmaßlichen Komplizen, Z. und Tomas S., gefordert.

Richterin Sabova verurteilte den Geschäftsmann nun aber lediglich zu einer Geldstrafe von 5000 Euro wegen illegalen Waffenbesitzes. In K.s Haus waren im Zuge der Ermittlungen 60 Kugeln Munition gefunden worden.

K. hatte die Vorwürfe immer bestritten. "Ich bin kein Heiliger, aber ich bin auch kein Mörder. Und ich bin sicher kein Dummkopf, der nicht weiß, wohin der Mord an einem Journalisten führen würde", erklärte er im Juli vor Gericht.

Z. wurde freigesprochen. S., der als Fluchtfahrer fungierte, wurde hingegen zu 25 Jahren Haft verurteilt und muss den Familien der Ermordeten jeweils 70.000 Euro zahlen.

📽️ Video | Kandioler-Kiml (ORF) über das Urteil

Der zuständige Staatsanwalt legte nach eigenen Angaben kurz nach der Gerichtsentscheidung Berufung ein. Ein Anwalt von Kuciaks Familie sagte, das Urteil sei "sachlich falsch".

Der Vater des ermordeten Journalisten, Jozef Kuciak, sagte nach der Urteilsverkündung vor Reportern, er fühle sich "wie gelähmt". "Wir können nur hoffen, dass die Gerechtigkeit letzten Endes siegen wird", fügte er hinzu.

"Sie sind schuldig, davon bin ich überzeugt. Wir werden weiter kämpfen", sagte Kusnirovas Mutter Zlatica, bevor sie den Gerichtssaal unter Tränen verließ.

Kritik an der Gerichtsentscheidung kam auch aus der Politik. Die slowakische Präsidentin Zuzana Caputova zeigte sich "schockiert" angesichts des Freispruchs für K. Sie gehe davon aus, dass das Urteil vor dem Obersten Gericht keinen Bestand haben werde.

Ministerpräsident Igor Matovic schrieb im Online-Dienst Facebook, es sei "offensichtlich", dass die "Drahtzieher hinter dem Mord sich aus den Fängen der Justiz befreien" wollen. "Wir gehen davon aus, dass beide noch ein gerechtes Urteil erwartet", fügte er mit Blick auf K. und Z. hinzu.

Das Urteil mache deutlich, "dass noch viel getan werden muss, um Gerechtigkeit zu gewährleisten und Straffreiheit zu verhindern", erklärte die Menschenrechtsbeauftragte des Europarats, Dunja Mijatovic, im Online-Dienst Twitter.

Der Mord an Kuciak hatte 2018 in der Slowakei landesweit für Erschütterung gesorgt und ein politisches Erdbeben ausgelöst. Die postume Veröffentlichung eines Artikels von Kuciak führte zu Massendemonstrationen gegen die Regierung in Bratislava und schließlich zum Rücktritt des damaligen Ministerpräsidenten Robert Fico. Die Proteste ebneten zudem den Weg für die Wahl der Rechtsanwältin und Anti-Korruptions-Aktivistin Caputova zur Präsidentin des Landes sowie von Matovic zum Regierungschef. (APA/AFP)


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