Auch „Sack" war nicht immer deutsch: Wörter mit Migrationshintergrund

Bei Tohuwabohu, Slogan und Kotau ahnen wohl die meisten, dass diese Wörter ihren Ursprung nicht in der deutschen Sprache haben. Aber hätten Sie gewusst, woher Sack und Mais kommen oder wer Tunumiisut spricht? Ein neues Buch spürt Migranten in unserer Sprache nach.

(Symbolbild)
© pixabay

Von Marco Kreftin, dpa

Köln – Sprache kann jede Romantik zerstören. Oder wer denkt beim Schmusen schon an „leere Reden führen“ oder „Unsinn schwatzen“? Diese Bedeutung hat das Wort zumindest im Jiddischen, aus dem es in die deutsche Sprache wanderte – allerdings hier nun völlig anderes verwendet wird. „Ein interessantes Beispiel dafür, dass ein Ausdruck, der in seiner Ursprungssprache negativ ist, in einer anderen Sprache einen liebenswürdigen Sinn annehmen kann“, schreibt Matthias Heine in seinem Buch „Eingewanderte Wörter. Von Anorak bis Zombie“.

Das ist gar nicht so untypisch, wie der Kulturredakteur der Welt erläutert. Im Zuge eines jahrhundertelangen „Sprachen-Hoppings“ seien Begriffe Stück für Stück Richtung deutschsprachigen Raum und in die hiesige Sprache gekommen. „Dabei hatte sich sehr häufig schon ihre Bedeutung gewandelt und ihre Form und Aussprache unseren Gewohnheiten angenähert.“ In der deutschen Sprache gebe es daher heute viele Migrationshintergründe, nicht alle seien noch sichtbar. „Seit Jahrtausenden vereinnahmen unsere Muttersprache und ihre Vorläufer Wörter ganz unterschiedlicher Herkunft“, so Heine. „Unsere heimelige Muttersprache ist viel globalisierter, als wir denken“, auch wenn manche Begriffe „uns heute meist so deutsch vorkommen wie Mülltrennung, Socken in Sandalen und Autobahnen ohne Tempolimit“.

Dass Tohuwabohu, Slogan, Kotau und Bumerang in die deutsche Sprache einwanderten, wird den meisten noch auf den ersten Blick einleuchten. Aber wer hätte gedacht oder gar gewusst, dass der Sack aus dem Assyrischen kommt oder Mais von den Taino übernommen wurde, den ersten indigenen Amerikanern, die mit Weißen Kontakt hatten.

„Dolmetscher" ist türkisch, „Kanake" hawaiianisch

Heine widmet fast 100 Wörtern jeweils kurze Abhandlungen über ihre Herkunft und Geschichte. Die Kapitel sind wie in einem Lexikon gegliedert, mit den wichtigsten Fakten wie Ursprung und Bedeutung direkt unter dem Titel. In den meist nur wenige Absätze langen Texten erfährt der Leser dann unter anderem, dass der Dolmetscher aus dem Türkischen kommt, der Kanake aus dem Hawaiianischen.

TT-ePaper gratis testen und eine von fünf Snow Cards Tirol gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt mitmachen
TT ePaper

Dabei dürfte so mancher Sprachen kennenlernen, von denen er bis dato nicht wirklich was gehört hat. Auf Grönland sprechen die Menschen beispielsweise im Westen Kalaallisut, im Osten Tunumiisut – die sich so sehr unterscheiden, dass sie als eigene Sprachen gelten. Aus erster haben wir im Deutschen den Anorak entnommen, aus letzterer das Kajak. Das Wort hip wiederum stammt den Ausführungen zufolge aus Wolof, einer überwiegend im Senegal gesprochenen Sprache.

Manche Details dürften auch überraschen, etwa das der Pinguin seinen Ursprung ziemlich weit weg von der Antarktis hat: im Walisischen. Oder dass das Gummi altägyptisch und das Fasten gotisch sind.

„Honk" ursprünglich abwertende Bezeichnung für Weiße

Zudem spickt der Autor seine Artikel mit allerlei Details: So erfahren Leser, dass das Wort Amok schon im Jahr 1660 zum ersten Mal in einem deutschsprachigen Text auftaucht – einer Reisebeschreibung aus Malaysia. Oder dass es einst ein „Korrespondenzblatt zur Bekämpfung der öffentlichen Sittenlosigkeit“ gab, in dem es um eine Kaschemme ging – entlehnt aus der Sprache der Roma, dem Romani.

Der Schlawiner (aus dem Slowenischen) wiederum wurde früher als teils rassistische Beleidigung genutzt. Ebenso war der Honk eine abwertende Bezeichnung unter anderem von Afroamerikanern für Weiße. Dass das Wort nun nach Europa, also gewissermaßen in seine Heimat zurückgekehrt ist, sei eine „schöne Pointe der Sprachgeschichte“, schreibt Heine. „Das ist eines der neuesten und zugleich rätselhaftesten Lehnwörter, die wir in diesem Buch behandeln. Erst um die Jahrtausendwende wird es aus dem Englischen importiert.“

Es ist dieser Faktenreichtum, der das Buch zu einer kurzweiligen Lektüre macht. Auch Nicht-Sprachenwissenschaftler dürften daran Freude haben. Der Aufbau mit den knappen Kapiteln macht auch ein Blättern möglich - man muss es weder am Stück noch vollständig lesen.


Kommentieren


Schlagworte