Kinderleicht und sagenhaft: Wanderung von der Holzalm aufs Bischofer Joch

Das erste Gipfelkreuz im Leben eines Kindes soll besonders sein, aber den Eltern zuliebe nicht besonders weit weg. Das Bischofer Joch zwischen Brixlegg und Alpbach zeigt sich gnädig.

Am Bischofer Joch genießt Papa den Ausblick, der Sohn verschläft sein erstes Gipfelkreuz.
© christler

Von Matthias Christler

Brixlegg – Im Leben kommt alles irgendwann zurück, die Jungen sagen dazu „Karma, Baby“, und beim Tourentipp dieser Woche passt das Motto perfekt. Als wir 2018 schon einmal am Bischofer Joch (1529 m) zwischen dem Alp­bachtal und der Wildschönau unterwegs waren, trug die werdende Mama ein Kind unter ihrem Herzen. Zwei Jahre später ist es dann der Papa, der den Sohnemann den Berg hinaufbringt. Man könnte es ausgleichende Gerechtigkeit nennen.

So wirklich am Schirm war die Holzalm (1450 m), die damals als Zwischenziel auserkoren worden war und heute Ausgangspunkt ist, nicht mehr. Dann ist diesen Sommer der Familienwanderführer „Kinderwagen- & Tragetouren. Durchs Tiroler Unterland bis hinaus in den Chiemgau“ erschienen. Und der preist die Wanderung von der Holzalm aufs Bischofer Joch als eine Tour mit leicht zu erreichendem Kreuz und grandioser Aussicht an. Das wollen mehr aus der Familie erleben und deshalb werden wir von der Schwägerin mit ihrem sieben Monate alten Sohn begleitet.

1 von 4

Am Bischofer Joch genießt Papa den Ausblick, der Sohn verschläft sein erstes Gipfelkreuz.

© Christler

„Linksverkehr“ am Weg hinauf, auf der einen Seite Mann mit Trage und Hund, drüben die Kühe

© Christler

>

So kommt man hin: Bevor es losgeht, sollte man zwei Punkte beachten. Erstens, die Anfahrt zum Parkplatz vor der Holzalm ist nichts für schwache Autofahrer-Nerven. Und zweitens, früh aufbrechen schadet nicht (mit Kindern ja meistens kein Problem). In Brixlegg fährt man Richtung Schulzentrum und folgt der Beschilderung nach Zimmermoos bzw. zur Holzalm. Sechs Kilometer weiter biegt man von der Asphaltstraße auf einen Forstweg ab (trotz Fahrverbotsschild ist die Zufahrt gestattet). Nach zwei holprigen Kilometern, die man langsam und zum Teil im ersten Gang fahren sollte, erreicht man den Parkplatz. Der ist nicht allzu groß, weshalb eben Frühaufsteher im Vorteil sind.

Jetzt startet der Familienausflug so richtig. Der 22-monatige Sohn macht es sich in der Kindertrage am Rücken vom Papa bequem, der siebenmonatige Cousin kuschelt sich in die Trage vor der Brust der Mama. Nach wenigen Schritten ist die Holzalm erreicht, aus deren Kamin schon Rauchzeichen dringen, die das spätere Schnitzel ankündigen.

📽️ Video | Tourentipp: Holzalm – Bischofer Joch

Vorerst lässt man die Alm links liegen und wandert den Forstweg rechts eben, dann abwärts Richtung Alpbach und Bischofer Joch. Das erste Mal hellhörig werden die Kinder bei der Auerhauser Alm, weil dort ein Bagger mit dem Erdreich spielt und Bauarbeiter das Gebäude neu aufbauen. Kurz wird zugeschaut, auch um zu verschnaufen, weil der Weg links abzweigt und erstmals richtig ansteigt. „Sehr sportlich“, nennt der Wanderführer die Passage.

Der Papa ist beim Anblick der Steigung froh, dass er die Trage gewählt hat und nicht den Kinderwagen. Obwohl der Weg holprig ist, wäre es mit einem Kinderwagen machbar. Mit der Trage sind die 120 Höhenmeter trotzdem eine Spur leichter zu bewältigen.

Nach einer Kuh-Begegnung, die beide Kinder verschlafen, erblicken die Eltern bald das erste Gipfelkreuz. Eigentlich ist Gipfel übertrieben, deshalb nennen wir es Aussichtskreuz. Man könnte meinen, das hier ist schon das Bischofer Joch, doch dafür muss man noch ein paar Schritte investieren. Zuerst halten wir uns rechts und hinter einem Gatter geht es links eine Kehre hinauf, dann erst steht man wirklich dort – auf einem Grashügel mit sagenhaftem Ausblick ins Alpbach- und ins Inntal.

Guten Morgen, Sohnemann! Aber keine Chance, er verschläft das erste ohne Seilbahnhilfe erklommene Gipfelkreuz seines Lebens.

Sagenhaft ist nicht nur der Ausblick. Wenn die Kinder älter sind, könnte man wieder einmal hierherwandern und ihnen eine kinderfreundliche Variante der Sage erzählen von den Granit-Steinen, die im Grashügel stecken. Der Teufel höchstpersönlich soll sie hiergelassen haben. Statt teuflischer Sagen wird die himmlische Atmosphäre am Bischofer Joch genossen. In Gedanken bedankt man sich für den Tipp bei Karin Nederegger.

© TT

Die 41-jährige Mutter aus Breitenbach hat den Wanderführer geschrieben. Sie unternahm mit Tochter Hannah, die bald zwei wird, mehr als 100 Wanderungen mit fast 650 Kilometern und 20.000 Höhenmetern. Schlussendlich haben es 54 familienfreundliche Touren und zehn schweißtreibende Trainingstouren, die man auch mit Kind versuchen kann, ins Buch geschafft. „Ich bin alles mit einem vierrädrigen Kinderwagen gegangen. Die Touren sind so ausgelegt, dass man sie alleine mit dem Kind schafft“, sagt sie ein paar Tage später in einem Gespräch. Auf die Idee für den Wanderführer kam sie, nachdem sie mit Mann und Tochter fünf Tage am Weitwanderweg am Lech unterwegs war. Zurück daheim suchte sie vergeblich nach Wanderführern für Kinderwagen-Touren im Unterland. Also verfasste sie selbst einen. „Es sind auch Touren beschrieben, bei denen man zuerst mit Kinderwagen und dann mit Trage weitergehen kann. Ich nenne das ,stroll and hike’, wandern und steigen.“

So eine Variante gibt es auch beim Bischofer Joch, wo ein Steig zum Gratlspitz abzweigt und zurück zur Holzalm führt. Weil das weitere 300 Höhenmeter wären, entscheiden wir uns für den gleichen und leichteren Weg zurück.

Rechtzeitig vor der Holzalm, wo viele Kinder herumtollen, wacht das eigene Kind auf. Als hätte es die Spezialitäten von Weitem gerochen. Der Papa bestellt wie vor zwei Jahren ein Schnitzel und der Sohn speist kräftig mit – es schmeckt noch besser als damals. Wer so fleißig getragen hat und brav teilt, dem gönnt das Schicksal eben den Genuss. Karma, Baby.

Mit dem Kinderwagen in die Berge im Unterland

Ein zu schmaler Weg, ein steiler Steig oder ein unüberwindbares Gatter können der Familienwanderung ein jähes Ende bereiten. Damit das nicht passiert, hat der wandaverlag seinen zweiten Kinderwagen- und Tragetouren-Führer für Tirol veröffentlicht. Nach der Innsbruck-Ausgabe geht es jetzt ins Unterland bis hinaus in den Chiemgau. (TT)

Buchtipp „Kinderwagen- & Tragetouren. Durchs Tiroler Unterland bis hinaus in den Chiemgau“. Karin Nederegger beschreibt auf 208 Seiten 54 Touren; Preis 15,90 Euro; wandaverlag, 2020.


Kommentieren


Schlagworte