Tiroler Alpha-Tauri-Boss Tost: „Ich glaube nur der Stoppuhr“

Formel-1-Teamchef Franz Tost sprach im TT-Interview über die Sensation von Monza, die Mercedes-Dominanz und die Corona-Normalität in der Motorsport-Königsklasse.

Der Trinser Franz Tost ist Teamchef des Formel-1-Rennstalls Scuderia AlphaTauri.
© gepa/XPB

Wie viele Gratulations-SMS mussten Sie nach dem Monza-Sieg Ihres Schützlings Pierre Gasly beantworten?

Franz Tost (lacht): Das waren Hunderte.

Es war Ihre zweite Sternstunde nach dem Sieg von Sebastian Vettel 2008, ebenfalls in Monza. Lässt sich das in irgendeiner Art vergleichen?

Tost: Das Team erwischte beide Male die bestmögliche Fahrwerks- und Aero-Abstimmung. Bei Sebastian entschieden wir uns schon am Freitag für eine Regen-Einstellung – es hätte damals am Sonntag auch die Sonne scheinen können. Bei Pierre ergab sich ein optimaler Kompromiss zwischen wenig und viel Abtrieb. Das war der entscheidende Vorteil gegenüber Carlos Sainz (McLaren, Platz 2, Anm.).

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So wie ich Sie kenne, wird nicht lange gefeiert worden sein?

Tost: Mir gehen Feiern prinzipiell auf die Nerven, aber es geht nicht um mich, sondern um das Team. Es gab keine Party, weil Mugello gleich an diesem Wochenende stattfindet – dadurch reiste fast das gesamte Rennteam direkt von Monza nach Mugello. Und wir haben im Team unsere Covid-19-Regeln, die ganz klar definieren, dass eine Ansammlung von Mitarbeitern nicht erlaubt ist. Am Mittwoch kamen die Fahrer aber in die Fabrik. Sie gingen von Abteilung zu Abteilung, mit kleinen Gruppen wurden Fotos gemacht und ein Glas Sekt ausgeschenkt.

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Gasly wurde im Vorjahr von Red Bull befördert, im Sommer aber wieder zu Ihnen zurückgeschickt. Hätten Sie ihm den Sieg zugetraut?

Tost: Er hat sich, seit er letztes Jahr zu uns zurückgekommen ist, extrem positiv weiterentwickelt, und der zweite Platz in São Paolo (2019, Anm.) gab ihm das nötige Selbstvertrauen zurück. Wir dürfen nicht vergessen, dass Pierre in den Nachwuchsklassen unzählige Siege eingefahren hat und auch GP2-Meister war. Das heißt, er weiß, wie man gewinnt. Es ist ganz einfach: Stellt ihm das Team ein konkurrenzfähiges Auto zur Verfügung, kann er auch in der Formel 1 gewinnen.

Sie sagen immer, ein Fahrer, der neu in die Formel 1 kommt, sollte zwei bis drei Jahre Zeit für Fehler bekommen. Hat man Gasly, nach seinem ersten Jahr, einfach zu früh befördert?

Tost: Das hat sich zwangsweise durch den Wechsel von Daniel Ricciardo zu Renault ergeben. Und um in der Formel 1 Erfolg zu haben, müssen einfach alle Faktoren zusammenspielen. Das war nicht der Fall.

Alex Albon tut sich bei Red Bull ebenso hart. Darf sich Gasly Hoffnung auf eine Red-Bull-Rückkehr machen?

Tost: Diese Entscheidung erfolgt seitens Red Bull im Oktober, spätestens November.

Das überraschende Monza-Ergebnis hat der Formel 1 gutgetan. Gibt es kurzfristige Lösungen, dass die spannenden Mittelfeld-Kämpfe auch an der Spitze stattfinden?

Tost: Ohne besondere Vorfälle, wie technische Probleme oder Regelverletzungen, fährt Mercedes in einer eigenen Liga. Das ist Fakt. Mercedes investierte sehr viel Geld in eine Infrastruktur, wie es sie in der Formel 1 noch nie gegeben hat. Jetzt ernten sie die Früchte. Das muss man neidlos anerkennen. So wie Mercedes gegenwärtig unterwegs ist, hat eventuell Max Verstappen (NED/Red Bull) eine Chance dazwischenzufunken, aber sonst sehe ich niemanden.

Die Corona-Pandemie hat auch die Königsklasse hart getroffen. Wie geht es allen Beteiligten in der „neuen“ Realität?

Tost: Wir sind mehr als froh, dass wir 17 Rennen bestreiten dürfen. Im März, April war an das nicht zu denken. Es geht mittlerweile schon in die Richtung „business as usual“.

Was kann Ihr Team, Scuderia AlphaTauri, heuer noch schaffen?

Tost: Es kommt darauf an, wer sich effizienter weiterentwickelt. Wir haben einige Aero-Modifikationen nach Mugello gebracht. Wir werden spätestens im Rennen sehen, ob sie die gewünschte Verbesserung bringen. Die Techniker sind zuversichtlich, ich glaube aber nur der Stoppuhr.

Das Gespräch führte Daniel Suckert


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