Ärzte ohne Grenzen zu Moria: Neues Camp wird gleiche Probleme bringen

Es sei „illusorisch" zu glauben, dass man durch den Bau eines neuen Camps die Probleme nachhaltig lösen könne, sagt die MSF-Einsatzleiterin auf Lesbos. Die einzige Lösung sei, die Geflüchteten von Lesbos auf das Festland zu bringen und von dort auf die EU-Länder umzuverteilen.

Geflüchtete in einem provisorischen Camp.
© ANGELOS TZORTZINIS

Lesbos/Wien – Der Wiederaufbau des Flüchtlingscamps Moria auf der griechischen Insel Lesbos wird nach Ansicht der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) die Situation auf der Ostägäis-Insel nicht merklich verbessern. Es sei „illusorisch" zu glauben, dass man durch den Bau eines neuen Camps die Probleme nachhaltig lösen könne, sagt Caroline Willemen, MSF-Einsatzleiterin auf Lesbos, im Gespräch mit der APA.

„Wir kreieren hier eine Situation, die immer explosiver wird. Sie ist es schon jetzt, aber es wird schlimmer werden", warnt Willemen, die bereits mehrfach auf Lesbos im Einsatz war. Die Geflüchteten seien nach der bereits sechsten Nacht im Freien noch „müder, frustrierter und traumatisierter" als zuvor. „Es belastet sie sehr stark", schildert die Einsatzleiterin am Montag.

Die Menschen in ein neues Camp umzusiedeln, werde „genau die gleichen Probleme wie zuvor in Moria" bringen, prophezeit die Expertin. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das zu etwas anderem führt als zu einem ähnlichen Desaster wie vor einer Woche." Es werde „zum gleichen Drama" kommen.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass das zu etwas anderem führt als zu einem ähnlichen Desaster wie vor einer Woche.
Caroline Willemen

Etwa 12.000 leben weiterhin auf der Straße

Nachdem rund 13.000 Menschen durch den Brand in Moria vor knapp einer Woche obdachlos geworden waren, baut die griechische Regierung ein neues Camp, in das bereits etwa 500 Menschen ziehen konnten. Etwa 12.000 Geflüchtete würden weiterhin auf der Straße leben, so Willemen. Viele würden allerdings nicht in die neue Einrichtung ziehen wollen, weil sie striktere Auflagen oder gar eine Ausgangssperre befürchteten. Zudem laufe der Aufbau des neuen Flüchtlingslagers „extrem langsam".

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Nachdem die griechischen Behörden Hilfskräften, darunter auch Mitarbeitern von Ärzte ohne Grenzen, vergangene Woche den Zugang zu den auf den Straßen Lebenden Geflüchteten verwehrt hatte, habe sich zumindest dies etwas gebessert. Zwar werde die Arbeit von MSF durch Polizisten noch immer erschwert und es sei generell schwierig, die Menschen, die Hilfe brauchen, auch wirklich zu erreichen, doch habe man bereits eine zweite Krankenstation aufbauen können, erzählt Willemen.

Lange Schlagen bilden sich vor der Essensausgabe.
© LOUISA GOULIAMAKI

„Unmenschlichkeit des 'Systems Moria'"

Auch Marcus Bachmann von Ärzte ohne Grenzen Österreich betonte gegenüber der APA, dass sich alle Beteiligten – Bewohner von Lesbos ebenso wie Flüchtlinge – massiv gegen ein „Moria 2.0" stellten. Das sei ein „schreiendes Zeugnis" dafür, dass die geplanten Maßnahmen den eigentlichen Bedarf nicht abdeckten. Es zeige die „Unmenschlichkeit des 'Systems Moria' für alle auf – eines Systems übrigens, das sich nicht nur auf Lesbos, sondern auch in den anderen Lagern in Griechenland wiederholt. Es ist ein System, das alle belastet und allen schadet", so Bachmann.

Wenn von der Bundesregierung die Hilfe vor Ort in Moria betont werde, so solle auch „ganz transparent kommuniziert werden, dass der Zugang von Helfern zu den Schutzsuchenden und der Schutzsuchenden zu Basisversorgung seit Monaten extrem restriktiv gehandhabt werden", sagte Bachmann unter Verweis auf die Schließung des Covid-19-Isolationszentrums von Ärzte ohne Grenzen bei Moria.

Bachmann und Willemen appellierten beide an die EU und ihre Mitgliedsstaaten, die Geflüchteten von Lesbos auf das Festland zu bringen und von dort auf die EU-Länder umzuverteilen. Das sei die einzige Lösung für das derzeitige Problem, meinte Willemen. (APA)

Das vollkommen überfüllte alte Lager Moria, in dem viele Flüchtlinge teilweise seit Jahren unter menschenunwürdigen Bedingungen gelebt hatten, war bei den Bränden am Dienstag und Mittwoch fast völlig zerstört worden.
© ANGELOS TZORTZINIS

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