Häusliche Gewalt nahm während Lockdowns in Österreich zu

1081 Annäherungs-und Betretungsverbote gegen Gewalttäter wurden im April verhängt. Das lag zwar deutlich unter dem Wert, der zu befürchten war. Trotzdem stieg die Zahl im Vergleich zu den Vormonaten an.

Innenminister Karl Nehammer und Frauenministerin Susanne Raab präsentierten gemeinsam mit dem Leiter des Markt- und Meinungsforschungsinstituts OGM, Wolfgang Bachmayer, die Statistik zur häuslichen Gewalt während und nach dem Lockdown.
© GEORG HOCHMUTH

Wien – Die Coronakrise hat in Österreich aus Sicht von Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) und Frauenministerin Susanne Raab (ÖVP) zu keinem signifikanten Anstieg bei häuslicher Gewalt geführt. Zu diesem Schluss sind die beiden am Montag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz in Wien gekommen. Nehammer kündigte in diesem Zusammenhang mehr auf diese Thematik speziell geschulte Polizeibeamte an. Derzeit gibt es österreichweit 516.

886 Mal wurden im vergangenen Februar in Österreich Annäherungs-und Betretungsverbote gegen Gewalttäter verhängt. Im März waren es bereits 972, im Lockdown-Monat April erhöhten sich die Fallzahlen dann auf 1081 – deutlich unter dem Wert, der zu befürchten war, wie Raab betonte. Im Juli waren es 1085 Fälle, im August 1055, im September bisher 507. Raab sprach von einem "leichten Anstieg", wobei "jeder Gewaltakt einer zu viel ist und in unserer Gesellschaft keinen Platz hat". Insgesamt sei man hinsichtlich häuslicher Gewalt aber "gut durch die Krise gekommen", konstatierte die Frauenministerin.

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Dazu hätten die ausgebaute 24 Stunden-Frauen-Helpline, verstärkte Online-Beratungen und eine eigens geschaffene Informationskampagne beigetragen, meinte Raab. Die Helpline habe seit März um 38 Prozent mehr Anrufe erhalten: "Das Angebot wird gut angenommen." Die Frauenministerin verwies auch auf die Gewaltschutzzentren in den Bundesländern und insgesamt 170 Mädchen- und Frauenberatungsstellen, die wichtige Arbeit leisten würden und deren Förderquoten man daher um zwölf Prozent erhöht habe. Der Bund werde auch in neue Gewaltschutz-Projekte investieren.

Für den Herbst haben das Innen- und das Frauenministerium einen Gewaltschutz-Gipfel geplant. Man müsse nämlich "wachsam sein", warnte Raab: "Im Herbst verlagert sich das Leben mehr ins Innere." Das bedeute ein erhöhtes Risiko.

SPÖ-Frauenvorsitzende und -Frauensprecherin Gabriele Heinisch-Hosek warf Nehammer und Raab vor, die Gefahrenlage für Frauen zu bagatellisieren. Die beiden würden den Eindruck vermitteln, "das Problem sei nicht so akut wie angenommen. Das ist alarmierend", meinte Heinisch-Hosek in einer Presseaussendung. Sie verlangte einen verstärkten Dialog mit den Experten im Gewaltschutzbereich und ein Soforthilfepaket von fünf Millionen Euro für die Betroffenen. Weiters trat Heinisch-Hosek ein Mal mehr für Hochrisiko-Fallkonferenzen ein, die hoch gefährliche Fälle analysieren und beraten sollten.

Häusliche Gewalt nach Lockdown in großen Städten um 26 Prozent erhöht

In größeren Städten mit mehr als 50.000 Einwohnern haben sich die der Polizei gemeldeten Fälle von häuslicher Gewalt nach dem Corona-Lockdown um 26 Prozent erhöht. Wie eine Analyse des Markt- und Meinungsforschungsinstituts OGM unter Zugrundelegung von Daten des Bundeskriminalamts zeigt, sind die Annäherungs- und Betretungsverbote von 817 in den Monaten Jänner und Februar auf 1027 im April und Mai gestiegen.

In mittleren Städten und Landgemeinden machte der Zuwachs im selben Zeitraum neun Prozent aus. In absoluten Zahlen waren es 1.095 im April und Mai gegenüber 1001 im Jänner und Februar. Diese Zahlen interpretierte die Grüne Frauensprecherin Meri Disoski als "eindeutigen Handlungsauftrag für den Ausbau des Gewaltschutzes." Die Dunkelziffer bei häuslicher Gewalt sei beachtlich, dieses Thema sei sehr stark tabuisiert. "Betroffene scheuen oftmals davor zurück, professionelle Beratung und Hilfe in Anspruch zu nehmen oder sich ihrem persönlichen Umfeld anzuvertrauen", gab Disoski in einer Aussendung zu bedenken.

Zur Wahrnehmung häuslicher Gewalt in der Bevölkerung während des Corona-Lockdowns hat OGM im Auftrag des Innenministeriums im Juli eine repräsentative Umfrage durchgeführt (811 Teilnehmer). Demnach wurden vier Prozent der Befragten während des Lockdowns ein konkreter Fall von häuslicher Gewalt bekannt. Das Vertrauen in die Polizei während des Lockdowns hat sich für 64 Prozent der Befragten verbessert und nur für 16 Prozent verschlechtert. 61 Prozent sprachen sich dafür aus, dass die Polizei bei der Kontaktverfolgung von Corona-Infektionsketten unterstützend mitwirken soll, während 31 Prozent das ausschließlich den Gesundheitsbehörden überlassen wollen.


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