Gottwald im Interview: „Wir verlieren zu viele Kinder und Jugendliche“

Mit Felix Gottwald gewährte Österreichs erfolgreichster Olympia-Sportler beim Tiroler Tag der Sportpsychologie tiefe Einblicke. Der 44-jährige Ausnahme-Athlet zeigt auf, worüber unser (Sport-)Gesellschaft nachdenken sollte.

Die Berge, im Hintergrund die Nordkette, gaben Naturbursch Felix Gottwald auch bei seinem Vortrag in Tirol Kraft.
© Alexander Gruber

Wie geht’s Ihnen, wenn Sie als Referent bei einem Ihrer Vorträge den Trailer Ihrer herausragenden Karriere sehen. Als erfolgreichster Olympiasportler Österreichs dürfen Sie zu Recht mit Stolz zurückblicken.

Felix Gottwald: Mein Fokus liegt auf den Zuhörern. Als Einstieg sind die Bilder aber eine gute Dramaturgie mit vielen Erinnerungen. Es bringt schon zum Ausdruck, dass es über einen langen Zeitraum stattgefunden hat. Es war kein One-day-wonder. Es sind sieben Medaillen gewesen über einen Zyklus von drei Olympischen Spielen. Ich möchte diese Momente genauso wenig missen wie den jetzigen. Es wird irgendwann der Nächste kommen, der mehr gewinnt.

Das könnte dauern ...

Gottwald: Unabhängig davon geht es nicht um die Medaillen per se, sondern um die Wegstrecke, die ich gegangen bin. Darauf blicke ich sehr gerne zurück, wissend, dass ich jetzt wieder auf einer Wegstrecke bin. Die Kunst ist, im Aufbruch und am Weg zu bleiben.

Bei den Olympischen Spielen in Turin eroberte Gottwald 2006 zweimal Gold und einmal Silber.
© gepa

Sie haben erwähnt, dass Ihre Eltern gleich beim ersten Elternsprechtag wenige Wochen nach Ihrem Start im Skigymnasium Stams zu hören bekamen, dass Sie weder schulisch noch sportlich entsprechen. Sie haben danach zu Ihren Eltern gesagt, „ihr könnt jetzt dem Trainer und Erzieher vertrauen oder mir? Wenn ihr mir vertraut versprecht mir, dass ihr zu keinem Elternsprechtag mehr kommt.“

Gottwald: Das sind prägende Momente. Jeder hat Momente, wo keiner mehr an einen glaubt und wo einem gesagt wird „das geht nicht“. Genau solche Momente reizen mich. Vorausgesetzt, es passt mit meinen Werten zusammen. Wie’s nicht geht, wissen wir eh. Da sind wir in Österreich Weltmeister, die Frage ist: Sind wir mutig genug, Wege zu finden, die es möglich machen.

Sie sprechen auch die Kategorisierung im Nachwuchs in „gut“ und „schlecht“ an.

Gottwald: In Österreich sind wir Weltmeister darin, Kinder so früh wie möglich in „gut“ oder „schlecht“ einzuteilen. Wenn wir beispielsweise Anleihe an Norwegen nehmen würden, wo sich kein Trainer anmaßt, bis zum 18. Lebensjahr Kinder oder Jugendliche nach solchen Maßstäben zu beurteilen, weil sie wissen, dass sie auf dem Weg jeden Einzelnen brauchen werden. Sie versuchen, alle Leute mitzunehmen und eine echte Niederlage wäre, jemanden aus dem Sport für immer zu verlieren. Wir verlieren leider viel zu viele auf dem Weg. Ich werde nicht müde zu ermutigen: Nützen wir doch Bewegung und Sport, um die Welt besser zu meistern und verkrampfen wir uns nicht unentwegt darin, ständig Weltmeister produzieren zu wollen. Dann schaffen wir ganz nebenbei auch wieder jene Basis, mit der wir die künftigen WeltmeisterInnen gar nicht verhindern können.

📝 Steckbrief: Felix Gottwald

geb. 13.1. 1976 in Zell am See. Vater zweier Töchter, wohnhaft in Ramsau.


  • Erfolge Nordische Kombination: Mit drei Gold-, einer Silber- und drei Bonzemedaillen erfolgreichster Sportler der österreichischen Olympia-Geschichte (Starts in Salt Lake City/2002, Turin/2006 und Vancouver/2010)
  • 11 Medaillen bei Weltmeisterschaften (3 Gold, 2 Silber, 6 Bronze)
  • 23 Weltcup-Einzelsiege, 1 Team-Weltcupsieg, 1 Gesamtweltcup-Sieg
  • Auszeichnungen: Goldenes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich (2001), Holmenkollen-Medaille (2003), Großes Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich (2006), Ring des Landes Salzburg

Der Corona-Lockdown hat die Bedeutung des (Breiten-)Sports vor Augen geführt.

Gottwald: Die Leute sind raus in die Natur. Es ist auch keine Option, sich nicht an der frischen Luft zu bewegen, weil es der wichtigste Beitrag ist, den wir für uns und damit auch für das Gesundheitssystem leisten können. Ich hoffe, dass wir es noch erleben und mit Stolz sagen können: Wir haben so etwas wie eine Bewegungs- und Sportkultur in unserem Land. Es gibt viele schlaue Konzepte, aber wenige Länder, die diese dann auch wirklich umsetzen. Das ist die Crux. Ich habe wirklich die Hoffnung, dass wir da Vorreiter sein können, vorausgesetzt, wir erkennen gemeinsam das Potenzial und entscheiden uns, durch Bewegung und Sport einen Unterschied machen zu wollen. Die Frage, die ich mir stelle: Können wir es uns leisten, es nicht zu tun? Für viele unserer gesellschaftlichen Herausforderungen haben wir noch keine Lösung. Bewegung und Sport kann dabei einen wesentlichen Beitrag leisten – echtes Commitment vorausgesetzt!

Sie hatten im Spitzensport stets Druck und haben erzählt, dass es Ihnen immer wieder gelungen ist, Kontakt zu Ihrem kindlichen Lausbuben herzustellen, um Lockerheit zu gewinnen?

Gottwald: Ganz entscheidend ist es für mich, nicht alles so todernst zu nehmen und gerade in Momenten bei Großereignissen es auf das Einfachste zu reduzieren. Es ist bei Olympischen Spielen fast wie bei einem „Bauernderby“: Erstens dürfen weniger Leute mitmachen wie sonst; die meisten wollen besser sein, als sie können; und schlagen muss man diejenigen, die sich mit dem eigenen Potenzial zufriedengeben. Auch ich selbst war oft genug mein größter Gegner. Olympia gibt dir alle vier Jahre eine Chance, dazwischen gilt es zu üben und die Zeit zu nützen.

Vor dem berühmten Tag X steht ja ein langer Weg?

Gottwald: Der wichtigste Zeitpunkt liegt immer im Jetzt und Hier. Als Athlet hast du unabhängig von der Sportart ca. 99 Prozent Trainingszeit und ein Prozent Wettkampfzeit. Du kannst dir überlegen: ‚Wo gewinne ich die Wettkämpfe?‘ In dem einen oder in den anderen 99 Prozent – da braucht es die Qualität. Und die wiederum gewährleistet dir dann auch am Wettkampftag lediglich das zu tun, was du dauern geübt hast.

2011 (hier in Lahti) ließ Gottwald Schanzen wie Loipe nach außergewöhnlicher Karriere hinter sich.
© gepa

Wussten Sie schon in jungen Jahren um Ihre höheren mentalen Fähigkeiten?

Gottwald: Wie soll ich sagen. Ich glaube wir sind alle mit dieser Fähigkeit ausgestattet, die Frage ist, wann und wie wir sie nutzen. Sie entwickelt sich am Weg und da hatte ich Glück, viele besondere Weggefährten an meiner Seite zu haben. Die Niederlagen bleiben die größte Entwicklungsmöglichkeit und ich habe wirklich oft verloren. Daraus Kompetenzen zu entwickeln, bleibt die lebenslange Übung. Rückblickend wundere ich mich, mit 13 Jahren fähig gewesen zu sein, eine unternehmerische Entscheidung zu treffen und zu sagen: ‚Nein Papa, ich will deinen Autobetrieb nicht übernehmen.‘ Das war keine Verstandes-, sondern eine Herzensentscheidung, die ich machen habe dürfen. Dem bin ich bis heute treu geblieben, dass ich gerade bei großen Entscheidungen immer ausführlich Rücksprache mit meinem Herzen halte.

Die Kraft der Intuition?

Gottwald: Wir können den Verstand genauso wenig komplett ausschalten wie das Herz, aber was sich bei mir nicht mehr ausgeht, ist gegen meine Intuition zu arbeiten, mir also selber untreu zu werden. Das verursacht körperliche Schmerzen und warum soll ich mich diesen aussetzen?

Zurück in den Trainingsalltag, der heute in vielen Sparten schon oft (zu) früh stark spezialisiert wird?

Gottwald: Da sind wir wieder bei der Idee, Weltmeister produzieren zu wollen. Ich erlebe das auch in meinem Heimatdorf Ramsau am Dachstein. Auch bei uns sollten sich Kinder mit acht Jahren entscheiden: Fußball oder Nordische Kombination? Warum? Kinder in diesem Alter wollen sich den Jahreszeiten gemäß austoben. Eine polysportive Ausbildung hat noch keinem Kind geschadet. Ich selbst bin bis heute Nutznießer einer solchen. Hätte sich eine Frühspezialisierung bewährt, glauben Sie mir – wir hätten es bemerkt. Noch kenne ich niemanden, der es vom FC Ramsau in die Champions League geschafft hat? Vielmehr verlieren wir durch solche Selektionen zu viele Kinder für immer für den Sport.

Wie sah Ihre Jugend aus?

Gottwald: Ich hatte in der damaligen BEA-Saalfelden im Sportzweig pro Woche sieben Stunden Sport und zusätzlich die Möglichkeit, mich für Neigungsgruppen anzumelden. Wir haben die Kernsportarten Leichtathletik, Geräteturnen, Schwimmen wirklich gelernt. Wir haben Fußball-Schülerliga gespielt, Tennis – sogar Voltigieren, weil das lustiger war, als auf meine Schwester zu warten, bis sie im Reitstall fertig war. Das ist mir zugutegekommen. Es gäbe keinen US-Open-Sieger Dominic Thiem ohne exzellente Ganzkörperausbildung.

Zurück zum berühmten Tag X bei einem Großereignis, wo einen schwere Beine, ein Infekt oder anderes aus dem Tritt bringen kann.

Gottwald: Der Tag X ist immer heute. Wir haben jeden Tag Großereignisse. Wenn wir das in unseren Kopf und in unser Herz bringen, dann wissen wir, was wir zu tun haben. Auf diese Weise erschien mir der vermeintliche Tag X als schaffbar und als die Gelegenheit, diesen mit kindlicher Begeisterung zu meistern. Zu erkennen: „Heute ist mein Wettkampf bei Olympischen Spielen vielleicht meine letzte Chance, und deshalb ist wieder nur das zu tun, was ich die ganze Zeit geübt habe. Diese Erkenntnis brauchte bei mir eine lange Wegstrecke und auch Glück. Das Beste aus den gegebenen Umständen zu machen, auch das bleibt uns als lebenslange Übung erhalten. Gelegenheiten zum Üben haben wir aktuell mehr als genug! Nicht das Schicksal ist entscheidend, sondern wie wir mit unserem Schicksal umgehen. Das bleibt uns im besten Fall eine freudvolle Aufgabe.

Das Gespräch führte Alex Gruber


Kommentieren


Schlagworte