Kämpfe um Berg-Karabach gehen trotz Appell zur Zurückhaltung weiter

Die schwersten Konflikte seit Jahrzehnten sind im Streit um die Region Nagorny-Karabach zwischen Armenien und Aserbaidschan ausgebrochen. In den verfeindeten Nachbarländern gilt Kriegszustand.

In der Unruheregion Nagorny-Karabach kam es zu den schwersten Zusammenstößen seit Jahrzehnten.
© Handout / Armenian Defence Ministry / AFP

Baku/Eriwan/Stepanakert – Trotz internationaler Appelle zur Zurückhaltung gehen die Kämpfe zwischen Armenien und Aserbaidschan um die umstrittene Region Berg-Karabach weiter. Beiden Seiten beschossen sich nach Angaben ihrer Verteidigungsministerien auch in der Nacht auf Montag mit schwerem Artilleriefeuer. Aserbaidschan ordnete eine Teil-Mobilmachung der Bevölkerung an, Armenien hatte dies für alle männlichen Bürger schon am Sonntag getan. Zudem haben beide Länder das Kriegsrecht verhängt.

Bei den schwersten Kämpfen seit 2016 waren am Sonntag zahlreiche Menschen getötet worden. Berg-Karabach sprach von 31 Toten auf seiner Seite. Laut Agentur Interfax wurden zudem rund 200 Armenier verletzt. Aserbaidschan meldete auf seiner Seite sechs getötete Zivilisten und 19 Verletzte.

In Berg-Karabach wurden nach offiziellen Angaben 16 Soldaten durch Beschuss getötet und mehr als 100 verletzt.
© Vahan Stepanyan / PAN Photo / AFP

Schwerste Eskalation seit Jahrzehnten

China forderte beide Seiten zum Dialog auf. Russland und die EU hatten die Konfliktparteien bereits am Sonntag dazu aufgerufen, die Waffen ruhen zu lassen. UNO-Generalsekretär Antonio Guterres forderte mahnte eine diplomatische Lösung in dem Konflikt ein. Auch die US-Regierung nahm nach eigenen Angaben zu beiden Seiten Kontakt auf und forderte die Konfliktparteien dazu auf, die Kampfhandlungen sofort einzustellen. Der US-Botschafter bei der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in Wien, James Gilmore, drängte am Montag in einer Aussendung beide Seiten außerdem dazu, sich auf ihre Positionen vor der Eskalation vom Sonntag zurückzuziehen. Im Rahmen der Minsk Gruppe, angeführt von Russland, den USA und Frankreich, vermittelt die OSZE seit den frühen 90er Jahren im Karabach-Konflikt.

Die Agentur Interfax zitierte am Montag den armenischen Botschafter in Russland mit den Worten, die Türkei habe rund 4.000 Kämpfer aus Nordsyrien nach Aserbaidschan geschickt. Die Agentur Ria berichtete, der Botschafter habe erklärt, die Kämpfer würden in Bergkarabach eingesetzt. Aserbaidschan wies die Vorwürfe zurück.

Die Türkei hatte Armenien am Sonntag aufgefordert, die Feindseligkeiten zu beenden. Präsident Recep Tayyip Erdogan sicherte dem traditionellen Verbündeten Aserbaidschan nach einem Telefonat mit Präsident Ilham Aliyev "verstärkte" Solidarität zu. Der russische Präsident Wladimir Putin telefonierte mit dem armenischen Ministerpräsidenten Nikol Paschinian. Dieser forderte die internationale Staatengemeinschaft auf, eine Einmischung der Türkei in den Konflikt zu verhindern. Russland unterstützt Armenien militärisch und wirtschaftlich.

Seit 1994 gilt in der Region eine Waffenruhe, die aber immer wieder gebrochen wurde. Zuletzt flammte der Konflikt 2016 stark auf, es starben mehr als 120 Menschen.
© Handout / Armenian Defence Ministry / AFP

Beide Konfliktparteien haben sich gegenseitig vorgeworfen, für die Eskalation verantwortlich zu sein. Aserbaidschan hatte erklärt, Armenien habe Berg-Karabach aus der Luft und mit Artillerie beschossen. Die eigenen Truppen hätten daraufhin drei Panzer der gegnerischen Seite zerstört sowie zwei Hubschrauber und drei Drohnen abgeschossen. Aserbaidschan widersprach dem und erklärte, es habe auf einen armenischen Angriff reagiert.

Armenien und Aserbaidschan streiten seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion erneut über die Zugehörigkeit von Berg-Karabach, das hauptsächlich von Armeniern bewohnt wird und sich 1991 von Aserbaidschan lossagte, aber völkerrechtlich weiterhin zu Aserbaidschan gehört. Der Westen und die Länder der Region sehen den Konflikt mit Sorge, da er den Südkaukasus zu destabilisieren droht. Dort verlaufen wichtige Öl- und Gaspipelines. Obwohl das mehrheitlich christliche Armenien und das mehrheitlich muslimische Aserbaidschan 1994 einen Waffenstillstand schlossen, werfen sich beide Seiten regelmäßig gegenseitig Angriffe rund um Berg-Karabach und entlang der gemeinsamen Grenze vor. Im April 2016 starben mindestens 200 Menschen, als der Konflikt erneut aufgeflammt war. (APA/Reuters)

Der Konflikt um Berg-Karabach: Chronologie

Im Mittelalter und der frühen Neuzeit war Berg-Karabach teils unabhängig, teils gehörte es zum damaligen Armenien, teils zu den rivalisierenden Großmächten Persien oder Russland. Nach langer muslimischer Herrschaft lebten schließlich nur noch wenige (christliche) Armenier in Berg-Karabach.

◼️ 1805 – Unter russischer Herrschaft siedeln sich erneut Zehntausende Armenier aus dem Osmanischen Reich in Berg-Karabach an.

◼️ 1915/16 – Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich. Erneute Einwanderungswelle von Armeniern nach Berg-Karabach. Wasser-und Landknappheit führen dort zu interethnischen Konflikten mit Pogromen.

◼️ 1918-20 – In der kurzen Zeit der Unabhängigkeit von Moskau nach dem Ende der Zarenherrschaft kommt es zum Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan um Berg-Karabach.

◼️ 1923 – Unter Sowjet-Herrschaft kommt das zu dieser Zeit großteils von Armeniern bewohnte Berg-Karabach zur Aserbaidschanischen SSR, als Region mit Autonomierechten.

◼️ Februar 1988 – Die Armenische SSR unterstützt den Vorschlag aus Berg-Karabach, die Region an die Armenische SSR anzuschließen. Moskau lehnt das ab. Bei einer Demonstration in Eriwan kommt ein Aseri um. In Vergeltung kommt es in der aserbaidschanischen Stadt Sumqayit (Sumgait) zu einem Pogrom an Armeniern mit Dutzenden Toten.

In der Folge kocht der Konflikt in Berg-Karabach hoch. Nach Unruhen kommt es zu ersten Fluchtbewegungen auf beiden Seiten. Zu dieser Zeit hat Berg-Karabach rund 190.000 Einwohner, davon 145.000 Armenier. Von den etwa 40.000 Aseris fliehen fast alle oder werden aus der Region vertrieben. Moskau verhängt vorübergehend direkte Herrschaft über Berg-Karabach und schickt Truppen.

◼️ September 1991 – Das Parlament von Berg-Karabach ruft die unabhängige, international aber nie anerkannte "Republik Berg-Karabach" aus. Armenien sagt sich nach einem Referendum von der Sowjetunion los.

◼️ November 1991 – Die Aserbaidschanische SSR entzieht Berg-Karabach die Autonomie. Klare Mehrheit bei einem Referendum in Berg-Karabach für die Unabhängigkeit.

◼️ Jänner 1992 – Nach dem Ende der Sowjetunion und der erneuten Unabhängigkeitserklärung von Berg-Karbach kommt es zum Krieg.

Die Minsk-Gruppe im Rahmen der späteren OSZE wird eingerichtet, um in dem Konflikt zu vermitteln.

◼️ Mai 1994 – Nach weiteren Kriegshandlungen tritt ein Waffenstillstand in Kraft. Bilanz: 20.000 Tote, insgesamt mehr als eine Million Vertriebene. Die Lage bis heute: Armenien und Berg-Karabach kontrollieren den größten Teil von Berg-Karabach sowie mehrere umliegende aserbaidschanische Bezirke.

Die Gespräche in der Minsk-Gruppe kommen nicht vom Fleck. Mehrere Schritt-für-Schritt-Friedensfahrpläne werden entweder von Armenien/Berg-Karabach oder Aserbaidschan abgelehnt. Berg-Karabach wählt unterdessen eigene Parlamente und Präsidenten.

◼️ Oktober 1999 – Erstes von mehreren Treffen der Präsidenten Haidar Aliyev (Aserbaidschan) und Robert Kotscharian (Armenien, Ex-Präsident von Berg-Karabach), die aber ebenso keine Lösung bringen, wie Treffen ihrer Nachfolger und der Außenminister beider Länder.

◼️ 2007 – Das öl- und gasreiche Aserbaidschan rüstet auf. Der (nach wie vor im Amt befindliche) aserbaidschanische Präsident Ilham Aliyev, Sohn von Haidar Aliyev, droht mit einem neuen Krieg.

◼️ März 2008 – Nachdem der Waffenstillstand schon früher immer wieder gebrochen worden war, gefolgt von gegenseitigen Beschuldigungen, sterben bei der bis dahin schlimmsten Eskalation bei Artilleriegefechten insgesamt etwa 20 Soldaten. Daraufhin unterzeichnen Armenien und Aserbaidschan eine Erklärung, wonach die Friedensbemühungen intensiviert werden sollen.

◼️ November 2009 – Neue Friedensgespräche zwischen Armenien und Aserbaidschan auf Präsidentenebene bleiben ohne Durchbruch. Der Waffenstillstand wird weiterhin immer wieder gebrochen.

◼️ April 2016 – Bei den schwersten Gefechten seit dem Waffenstillstand von 1994 kommen insgesamt mehr als 100 Menschen um.

◼️ 2018 – Nach einem umstrittenen Wechsel vom Amt des Präsidenten ins Amt des Regierungschefs muss Sersch Sarkissian angesichts von Massenprotesten zurücktreten. Oppositionsführer Nikol Paschinian kommt als Regierungschef an die Macht.

◼️ 2020 – Araik Haratjunian wird zum neuen "Präsidenten" von Berg-Karabach gewählt. Ende September kommt es zu einer weiteren schweren Eskalation von Kämpfen in und um Berg-Karabach mit mehr als 20 Toten. Sowohl Armenien als auch Aserbaidschan verhängen den Kriegszustand.


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