TV-Duell unter düsteren Vorzeichen: Trump und Biden treffen erstmals aufeinander

Seit Monaten ist der Wahlkampf in den USA aufgrund der Corona-Pandemie heruntergefahren. Persönliche Auftritte der Kandidaten sind rar, gerade bei dem Demokraten Joe Biden dominieren Reden per Video. Heute treffen die beiden Anwärter auf die nächsten vier Jahre als US-Präsident erstmals direkt aufeinander.

Joe Biden wird in der Nacht auf Dienstag zu der ersten von drei geplanten TV-Debatten gegen Donald Trump antreten.
© AFP/Schmidt

Von Matthias Sauermann

Cleveland (Ohio) – Distanz wahren, Hygiene beachten, Mund-Nasen-Schutz tragen. Die in der Corona-Pandemie empfohlenen Verhaltensweisen haben auch den Wahlkampf in den USA stark geprägt. Während mittlerweile mehr als 200.000 Menschen in den USA an oder mit einer SARS-CoV-2-Infektion starben, verlagerten sich die Auftritte der Kandidaten ins Virtuelle. Große Kundgebungen mit Tausenden Zuschauern vor Ort suchte man großteils vergeblich. Als US-Präsident Donald Trump sich trotz Warnungen dazu entschloss, eine solche auszurichten, schnellten Berichten zufolge anschließend auch postwendend die Infektionszahlen in der Region in die Höhe. Der Demokrat Joe Biden verzichtete gänzlich auf Reden vor einer großen Menschenmenge.

Auch den traditionell glamourösen Parteitagen der beiden Parteien drückte die Pandemie den Stempel auf. Die Demokraten entschlossen sich, ihre Redner ausschließlich per Video auftreten zu lassen, ohne Zuschauer. Die Republikaner setzten ebenfalls stark auf Videoschaltungen, ließen Präsident Trump jedoch auch im Rosengarten des Weißen Hauses vor Zuschauern auftreten, wo Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie dann ignoriert wurden. Aber auch die Republikaner verzichteten auf eine pompöse Massenveranstaltung.

Das alles hatte zur Folge, dass sich besonders Joe Biden im Hintergrund hielt. Und das schadete ihm nicht: Während US-Präsident Donald Trump zwar die mediale Berichterstattung dominierte, ging es dabei fast nur um die Reaktion der US-Regierung auf das Coronavirus und die erschreckenden Zahlen an Erkrankungen und Todesfällen in der Bevölkerung. Gemischt mit der daraus resultierenden Wirtschaftskrise, den Protesten gegen Polizeigewalt und Rassismus sowie dem bisherigen Handeln des US-Präsidenten in der Öffentlichkeit musste Biden sich nur vornehm zurückhalten und hin und wieder Präsenz zeigen. Das genügte, um ihn in Umfragen teils zweistellig vor den Amtsinhaber zu katapultieren. In der Nacht auf Mittwoch ist diese Zurückhaltung zwangsläufig am Ende. Dann stehen sich Donald Trump und Joe Biden erstmals im Wahlkampf Auge in Auge gegenüber.

Für Donald Trump sind die Debatten kein Neuland: 2016 trat er gegen Hillary Clinton ebenfalls in drei TV-Duellen an. Biden kennt die Debatten aus Sicht des Vizepräsidentschaftskandidaten. 2008 debattierte er einmal gegen Sarah Palin, 2012 einmal gegen Paul Ryan.
© PAUL J. RICHARDS

Die Ausgangslage: Hoffen auf Fehler

Wenn sich Donald Trump und Joe Biden am Mittwochmorgen europäischer Zeit daran machen, den Zusehern zu demonstrieren, wer am besten dafür geeignet sei, das Land in den kommenden vier Jahren zu führen, geht es vor allem um eines: Die eigenen Wähler zu mobilisieren und zur Wahlurne zu treiben. Und darauf zu hoffen, dass genügend Wähler der Gegenseite abgeschreckt werden. Jemanden davon überzeugen, die Seite zu wechseln, wird man nur in Ausnahmefällen können.

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Besonders US-Präsident Donald Trump und seine Anhänger setzen große Hoffnungen in das direkte Duell. Joe Biden ist nicht als sicherer und überzeugender Redner bekannt und fiel immer wieder durch Versprecher auf. Das ist zwar teilweise darauf zurückzuführen, dass Biden früher stotterte und sich das selbst abtrainierte, Beobachter verweisen aber auch darauf, dass die Trittsicherheit Bidens in Debatten nicht unbedingt zunahm. Die Republikaner werden darauf lauern, dass ihm auch in der Debatte am Dienstag (Ortszeit) ein Lapsus passiert – den sie dann ausschlachten können.

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Auf der anderen Seite können Demokraten kaum auf ein ähnliches Szenario hoffen. Kaum jemand erwartet vom US-Präsidenten, in der Debatte durch rhetorische Brillanz zu überzeugen oder bei der Wahrheit zu bleiben. In den vergangenen Jahren hat Trump ausreichend den Boden dafür bereitet, dass beides von ihm nicht erwartet wird. Sollte er dabei erwischt werden, die Wahrheit zu verdrehen oder bewusst die Unwahrheit zu sagen, wäre das kein Bruch mit dem ohnehin bekannten Stil des Republikaners. Während seiner Amtszeit konnten ihm bereits mehr als 20.000 falsche oder irreführende Aussagen nachgewiesen werden.

Eine Ausgangslage, die Republikaner hoffen lässt. Diesen Strohhalm benötigen sie dringend. Umfragen der vergangenen Monate zeigen Biden teils zweistellig vor Trump. Nicht nur landesweit (was aufgrund des Wahlsystems nur eine begrenzte Aussagekraft hat), auch in den wohl entscheidenden Bundesstaaten hat Biden entweder einen großen Vorsprung oder liegt zumindest mit Trump auf Augenhöhe. Die Republikaner müssen alles daran setzen, Biden in ausreichend Swing States vom ersten Platz zu stoßen – ansonsten ist die Präsidentschaftswahl verloren. Die Debatte könnte eine erste Chance dafür bieten.

Die Themen: Von der Pandemie bis hin zu den Wahlen

Die erste von drei angesetzten TV-Debatten zwischen US-Präsident Donald Trump und Herausforderer Joe Biden wird von Fox-News-Moderator Chris Wallace geleitet werden. Wallace ist als einer von wenigen Sprechern von Fox News trotz der politischen Schlagseite des Senders durch kritische Fragen bekannt. Zuletzt hatte er den US-Präsidenten mit einem Interview in Bedrängnis gebracht. Wallace hat sich für sechs Themenfelder entschieden, die in jeweils 15-minütigen Themenblöcken diskutiert werden sollen. Damit ist die Debatte auf 90 Minuten angesetzt.

🔷 Die Debatte um die Nachfolge von Ruth Bader Ginsburg

Als mit Höchstrichterin Ruth Bader Ginsburg am 18. September eine liberale Ikone aus dem Leben schied, wurde der US-Wahlkampf thematisch auf den Kopf gestellt. Binnen weniger Stunden fiel der Startschuss für eine emotionale und aufwühlende Debatte über ihre Nachfolge. Laut US-Verfassung kommt dem US-Präsidenten das Recht zu, Höchstrichter zu nominieren. Der Senat kann die Kandidaten mit einfacher Mehrheit ins Amt wählen. Trump nominierte kurz nach dem Begräbnis der verstorbenen Feministin mit Amy Coney Barrett just eine erklärte Konservative, Abtreibungsgegnerin und Mitglied einer religiösen Gruppe namens "People of Praise". Die Demokraten wollen die Nominierung um jeden Preis verhindern. Die Republikaner drängen noch vor der Wahl auf eine Bestätigung – und haben allen Anzeichen nach bereits genügend Zusagen von Senatoren und Senatorinnen für eine Mehrheit. Die Demokraten erzürnt das besonders, weil die Republikaner eine Nominierung des Obama-Kandidaten Merrick Garland im Jahr 2016 viele Monate lang völlig blockierten – mit dem Argument, die Wahl stünde zu kurz bevor. Vor allem aber lenkt die Debatte das Augenmerk wieder auf andere Themengebiete als die Pandemie: Abtreibung, Waffenrechte und die Rolle des Höchstgerichts.

🔷 Die Coronavirus-Pandemie und die Reaktion der Regierung

Wie den Rest der Welt hat die Coronavirus-Pandemie im Frühjahr auch die USA erreicht. Und das mit voller Wucht. Mittlerweile sind mehr als 200.000 Menschen in den USA nachweislich an oder mit einer SARS-CoV-2-Infektion gestorben. In absoluten Zahlen sind nirgendwo sonst mehr Menschen an dem Virus gestorben als in den USA. Selbst wenn man die vergleichsweise große Bevölkerungsanzahl heranzieht, schneiden die USA schlecht ab. US-Präsident Donald Trump ist bei der Bekämpfung der Pandemie mittlerweile an jedem auch selbst gesetzten Ziel gescheitert. Mehr noch: Kritiker werfen dem Präsidenten vor, das Virus vor allem zu Beginn bewusst verharmlost zu und so zur Ausbreitung maßgeblich beigetragen zu haben. Ein Interview mit dem Journalisten Bob Woodward vom Februar, das kürzlich veröffentlicht wurde, bestätigte das: US-Präsident Donald Trump gab darin selbst zu, die Gefahr durch das Virus bewusst herunterzuspielen. Für Joe Biden, der seit Beginn der Pandemie darauf drängt, das Virus ernst zu nehmen, ein gefundenes Fressen. Trump hingegen wird bemüht sein, sich als Opfer einer von China ausgehenden Bedrohung zu porträtieren, in der er alles in seiner Macht stehende getan habe, um Leben zu retten.

🔷 Die Lage der Wirtschaft

Eng damit verbunden ist die Lage der Wirtschaft. In den USA gilt diese traditionell als Gradmesser darüber, ob ein US-Präsident auf Wiederwahl hoffen darf oder nicht. Mit starken Wirtschaftsdaten könnte ein Amtsinhaber kaum bessere Karten haben. Lange Zeit sah es so aus, als ob Trump ebenfalls darauf hoffen durfte. Trump gelang es, die von Vorgänger Barack Obama in exzellentem Zustand übergebene Wirtschaft in noch größere Höhen zu katapultieren. Der Republikaner setzte noch eines drauf und behauptete – entgegen der Tatsachen –, von Obama eine kaputte Wirtschaft übernommen und wieder aufgerichtet zu haben. Dieses Argument hat sich für Trump nun in Luft aufgelöst. Die USA befinden sich vor allem durch die Corona-Pandemie bedingt in einer historischen Rezession. Die Anzahl an Arbeitslosen ist in die Höhe geschnellt. Während das Team rund um Joe Biden den wirtschaftlichen Absturz ausschlachtet – gerade weil Trump gerne mit Wirtschaftskompetenz zu punkten versucht – setzt Trump auch hier auf die Darstellung, eine Bedrohung von außen habe die Wirtschaft kaputt gemacht, nicht der eigene Umgang damit. Jüngst verlautbarte Trump, er habe ein "Gespräch mit Gott" geführt und dieser habe ihm als Test auferlegt, die "großartigste Wirtschaft in der Weltgeschichte" erneut aufzubauen.

🔷 Die Vorgeschichte Trumps und Bidens

Ein Segment der Debatte wird darauf fokussiert sein, was die beiden Kandidaten bisher vorzuweisen haben. Hier steht noch einmal Trumps bisherige Amtszeit zur Debatte – mit seinen Höhen und Tiefen – sowie die Zeit Trumps als Unternehmer vor der Amtseinführung als Präsident. Auf der anderen Seite stehen Bidens Zeit als langjährigen Spitzenpolitiker im Senat und seine Zeit als US-Vizepräsident unter Barack Obama. Beide Seiten werden versuchen, eine Erfolgsgeschichte von sich selbst zu erzählen und die Gegenseite zu diskreditieren. Bei diesem Themenblock wird wohl viel darauf ankommen, wer es schafft, die Debatte an sich zu reißen und den Fokus auf die Bereiche zu legen, die der jeweils eigenen Interpretation zugute kommen. Dem US-Präsidenten könnte es etwa nützen, möglichst lange über eingehaltene Wahlversprechen zu reden. Biden wiederum könnte es nützen, seine Zusammenarbeit mit dem noch immer beliebten Vorgänger Trumps Barack Obama Zeit zu widmen – und die Erfolge Trumps nur als Fortsetzung der Leistungen der Obama/Biden-Regierung darzustellen. Berichten zufolge könnte Trump auch planen, Biden und dessen Sohn erneut wegen der Ukraine-Verbindungen anzugreifen. Biden wiederum könnte auf den Paukenschlag der New York Times Bezug nehmen, die mit Verweis auf Steuerunterlagen Trumps am Sonntag berichtete, dass dieser kaum Steuern zahlte.

🔷 Die Rolle von "Rasse" und Gewalt in den Städten

Der fünfte große Themenblock beschäftigt sich mit den Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt, die seit dem gewaltsamen Tod George Floyds durch Polizeihände in den USA neu aufbrachen. Die Demokraten stellen sich auf Seite der friedlichen Demonstranten und verurteilen übermäßige und ungerechtfertigte Polizeigewalt – und prangern Ungleichbehandlung zwischen Weißen und Minderheiten durch die Polizei an. Die Republikaner verteidigen die Polizei und verweisen verstärkt auf jenen Teil der Proteste, die in Gewalt ausarteten. Auch der demokratische Kandidat Joe Biden verurteilte Gewalt in diesem Zusammenhang scharf – Trump setzt dennoch darauf, die Demokraten als Unterstützer von "Anarchie" in den Straßen darzustellen.

🔷 Die Integrität der Wahl

Schlussendlich wird auch die Integrität der Wahl einen großen Platz einnehmen. Befeuert wird das vor allem von US-Präsident Donald Trump, der wiederholt Betrugsvorwürfe erhob. Besonders auf die Briefwahl hat es der US-Präsident abgesehen. Diese sei besonders betrugsanfällig, so der Republikaner. Mitstreiter des Präsidenten versuchen rechtlich gegen eine verstärkte Nutzung der Briefwahl vorzugehen. Und Trump ging noch einen Schritt weiter: Die Demokraten könnten die Wahl nur mit Betrug gewinnen, behauptete er. Wiederholt weigerte er sich, eine friedliche Machtübergabe nach der Wahl zu garantieren – was selbst von den eigenen Senatorinnen und Senatoren auf Widerspruch stieß. Auf Seite der Demokraten weckte das Befürchtungen, Trump könnte versuchen, die Legitimität des Wahlergebnisses in Zweifel zu ziehen und zu versuchen, sich im Falle einer Niederlage mit diesen Argumenten trotzdem an der Macht zu halten – etwa indem er das Ergebnis mit Verweis auf die vielen Briefwahlstimmen nicht akzeptiere.

📽️ Video | TV-Duell der US-Präsidentschaftskandidaten

Die Debatte im Livestream

Der Blick auf die Themenfelder zeigt: Eine emotionale Debatte ist garantiert. Zudem gibt es eine große Wild Card: Der Bericht über die Steuerunterlagen Trumps wird wohl ein dominierendes Thema der Debatte werden, obwohl es nicht als Themenblock vorgesehen ist.

Übertragen wird das Duell von den großen Fernsehanstalten in den USA. Einen Livestream finden Sie auch auf TT.com. Los geht es um 3 Uhr österreichischer Zeit in der Nacht auf Mittwoch. Anschließend finden Sie bei uns gleich in der Früh einen Nachbericht.

Die TV-Debatte im Livestream


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