Literaturnobelpreis für Lyrikerin Glück: Strenge Schönheit ohne Nachwehen

Ein Name, den wenige auf der Liste hatten: Der US-Lyrikerin Louise Glück wurde gestern der Nobelpreis für Literatur zugesprochen.

Der Literaturnobelpreis 2020 geht an Louise Glück.
© ROBIN MARCHANT

Von Joachim Leitner

Stockholm – Louise Glück im deutschen Sprachraum einen Geheimtipp zu nennen, wäre mächtig übertrieben. Die 77-jährige Lyrikerin ist auf dem heimischen Buchmarkt im Grunde eine Unbekannte. Mehr als ein Dutzend Bücher hat Glück geschrieben, nur zwei liegen in deutscher Übertragung vor. Sowohl „Averno“ (2007) als auch „Wilde Iris“ (2008) sind vergriffen. Neuauflagen der von Ulrike Draesner übersetzten Werke sind nun angedacht. „Wir sind gerade dabei, die Rechte neu zu verhandeln“, heißt es auf Nachfrage vom Münchner Luch­terhand Literaturverlag.

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Einmal mehr ist der Schwedischen Akademie also eine – jedenfalls aus hiesigem Blickwinkel – Überraschung gelungen. Einmal mehr darf man auf eine Entdeckung hoffen. Wie 1992, als Derek Walcott ausgezeichnet wurde, oder 2011, als der Preis an Tomas Tranströmer ging. Einmal mehr führten die in den vergangenen Tagen anhand einschlägiger Wettanbieter erhobenen Listen aussichtsreicher Anwärter aufs Glatteis. Denn gestern Mittag gab Mats Malm, Ständiger Sekretär der Akademie, bekannt, dass Louise Glück, geboren 1943 in New York, den Literaturnobelpreis 2020 erhalten wird. Gewürdigt werde sie „für ihre unverkennbare Stimme“, mit der sie „in strenger Schönheit die individuelle Existenz universell erfahrbar“ mache. Der Literaturnobelpreis ist heuer mit zehn Millionen Kronen (rund 950.000 Euro) dotiert.

Glück sei von der Nachricht überrascht, aber trotz des frühen Morgens in den USA glücklich gewesen, so Malm. Sie wisse noch nicht, was die Auszeichnung wirklich bedeutet, ließ die Preisträgerin wenig später mitteilen, habe aber Sorgen, dass sich ihr Alltag nun verändern werde. „Schon jetzt klingelt das Telefon ununterbrochen.“

Offiziell verliehen wird der Nobelpreis für Literatur am 10. Dezember, dem Todestag von Preisstifter Alfred Nobel. Die traditionelle Zeremonie, bei der die Nobel-Medaille überreicht wird, fällt heuer wegen der Corona-Pandemie aus. Ersetzt wird sie durch eine im Fernsehen übertragene Veranstaltung im Stockholmer Rathaus. Ihre Nobelpreisvorlesung wird Louise Glück in Form einer Videoschaltung halten.

Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Peter Handke hat im vergangenen Jahr für hitzige Diskussionen gesorgt.
© BARBARA GINDL

Anders Olsson, Mitglied des Nobelpreiskomitees, lobte gestern die Unbeirrbarkeit von Glücks Schreiben, das „aufrichtig und kompromisslos darum bemüht ist, auch verstanden zu werden“.

Nach Bob Dylan 2016 bepreiste die Schwedische Akademie erneut die US-amerikanische Literatur. Vor vier Jahren wurde die Auszeichnung auch als politisches Signal verstanden. Während eines Präsidentschaftswahlkampfs, der mit Donald Trumps Einzug ins Weiße Haus endete, wurde eine Stimme des „anderen Amerikas“ ausgezeichnet. Nun bewirbt sich Trump für eine zweite Amtszeit – und der Nobelpreis geht neuerlich an ein Werk, das sich mit dem vulgären Gepolter des medial kolportierten Amerika kaum in Einklang bringen lässt. Allerdings: Während die Akademie mit Dylan ein Wagnis einging, weil seine Wahl die gängigen Grenzen vermeintlich preiswürdiger Literatur auslotete, geht Stockholm mit Glück, einer an klassischen Formen geschulten, akademisch hochgeachteten und vielfach ausgezeichneten Naturlyrikerin, auf Nummer sicher. Nach dem Theater um Dylan und der Kontroverse um Vorjahrespreisträger Peter Handke dürften der Kür heuer gröbere Nachwehen erspart bleiben.

© APA

Literaturnobelpreisträger der vergangenen 20 Jahre

  • 2019: Peter Handke (Österreich)
  • 2018: Olga Tokarczuk (Polen; der Preis wurde 2019 nachgeholt)
  • 2017: Kazuo Ishiguro (Großbritannien, in Japan geboren)
  • 2016: Bob Dylan (USA)
  • 2015: Swetlana Alexijewitsch (Weißrussland)
  • 2014: Patrick Modiano (Frankreich)
  • 2013: Alice Munro (Kanada)
  • 2012: Mo Yan (China)
  • 2011: Tomas Tranströmer (Schweden)
  • 2010: Mario Vargas Llosa (Peru)
  • 2009: Herta Müller (Deutschland)
  • 2008: J.M.G. Le Clézio (Frankreich)
  • 2007: Doris Lessing (Großbritannien)
  • 2006: Orhan Pamuk (Türkei)
  • 2005: Harold Pinter (Großbritannien)
  • 2004: Elfriede Jelinek (Österreich)
  • 2003: John M. Coetzee (Südafrika)
  • 2002: Imre Kertész (Ungarn)
  • 2001: V.S. Naipaul (Großbritannien)
  • 2000: Gao Xingjian (Frankreich)

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