Literaturnobelpreisträgerin Louise Glück: Gedichte als „Musik der Gedanken“

Die Gedichte von Louise Glück handeln von Gefühlen und Gedanken, haben immer etwas Privates und Intimes. Die amerikanische Lyrikerin steht nicht gern im Scheinwerferlicht und wird doch mit Preisen überhäuft – jetzt sogar mit dem Literaturnobelpreis.

Die amerikanische Lyrikerin Louise Glück erhielt in diesem Jahr den Literaturnobelpreis.
© ROBIN MARCHANT

New York – Schon als junges Mädchen hat sich die jetzige Literaturnobelpreisträgerin Louise Glück gerne hinter Büchern versteckt. „Ich war ein einsames Kind“, sagte die 1943 in New York geborene Lyrikerin in einem ihrer seltenen Interviews. „Meine Interaktionen mit der Welt als soziales Geschöpf waren unnatürlich, gezwungen, und ich war am glücklichsten, wenn ich gelesen habe.“ Besonders bei Gedichten habe es sich angefühlt, als ob die Autoren direkt zur ihr sprächen. „Mein frühes Schreiben war dann ein Versuch, mit diesen Autoren zu kommunizieren, ihnen zu antworten.“

Auch als erwachsene Autorin zieht Glück Bücher Menschen vor. „Ich hätte nie gedacht, dass ich die Art von Person bin, nach der sie jemals suchen würden“, sagte die Autorin, nachdem sie Anfang der 2000er Jahre zur offiziellen Dichterin der Kongressbibliothek in Washington gekürt wurde. „Denn ich habe sehr geringes Interesse an öffentlichem Leben auf die Art, wie sie es verstehen.“

„Man benutzt sich selbst als Labor"

Die öffentlichen Auszeichnungen häuften sich für die Lyrikerin trotz ihrer Ablehnung des Scheinwerferlichts: Sie bekam unter anderem Guggenheim-Stipendien, den Pulitzer-Preis, den National Book Award und nun 2020 den Literaturnobelpreis.

Glücks Spezialität sei „genau die Sache, die nur lyrische Dichtung schaffen kann, und die zu den intimsten, nicht-öffentlichsten Dingen gehört, die Wörter schaffen können: Die ganz spezielle Musik der Gedanken zu imitieren“, schrieb die New York Times einmal.

In Glücks Texten geht es fast immer um Emotionen und Gedanken – um Einsamkeit, Familienbeziehungen, Liebe, Verzweiflung, Scheidungen und Tod – oft durchwirkt mit klassischen antiken Mythen und Sagen. „Das ist die normale menschliche Erfahrung“, sagt Glück. „Man benutzt also sich selbst als Labor, um darin die für einen selbst zentralen menschlichen Dilemmas zu üben und zu meistern.“

Man dürfe Glück aber nicht mit einer rein autobiografisch agierenden Autorin verwechseln, betonte das Nobelpreiskomittee: „Glück sucht das Universelle, und dabei bekommt sie Inspiration aus dem Mythos, den klassischen Motiven."

Erstlingswerk ist ihr heute „peinlich"

Die Lyrikerin wuchs als Tochter eines Unternehmers und einer Hausfrau in New York auf, ihre Großeltern väterlicherseits waren aus Ungarn eingewanderte Juden. Glücks Vater Daniel war das erste Familienmitglied, das in den USA das Licht der Welt erblickte. Seine Tochter wuchs auf Long Island auf. Als Kind litt Glück unter Essstörungen, Psychotherapie ist bis heute wichtiger Teil ihres Lebens.

Nach der Schule besuchte sie zeitweise das Sarah Lawrence College und die Columbia University in Manhattan – allerdings ohne Abschluss. Später lehrte Glück, die zweimal verheiratet war und einen Sohn hat, an verschiedenen Universitäten, heute an der Elite-Universität Yale. Sie lebt laut Schwedischer Akademie im US-Bundesstaat Massachusetts.

Der Anfang der eigenen künstlerischen Laufbahn war dann auch gleich das Ende – für längere Zeit. 1968 veröffentlichte Glück mit „Firstborn" ihren ersten Gedichtband, in dem sie ihre wütenden und unzufriedenen Protagonisten meist aus der ersten Person heraus sprechen lässt. Diesem Erstling folgte jedoch sogleich eine mehrjährige Schreibblockade. Ihr Wechsel in die Lehre am Goddard College von Vermont 1971 half der Autorin aber, dann auch wieder zu ihrer eigenen Sprache zurückzufinden.

„Firstborn“ sei ihr heute eher peinlich, sagt die 77-Jährige. „Ich schaue ihn mir jetzt an und er scheint mir dünn und uninformiert und gefüllt von dem Wunsch zu schreiben. Das nächste Buch zu schreiben hat etwa sechs Jahre gedauert. In ihrem zweiten Gedichtband „The House on Marshland“ nahm sie teils historische Figuren als Ausgangspunkt und feierte damit ihren echten Durchbruch zur eigenen Sprache. „Ich denke, von diesem Punkt an bin ich gewillt, meinen Namen drauf zu setzen“, sagte Glück.

Schreiben auf zwei Arten

Rund ein Dutzend Gedichtsammlungen und einige Essaybände folgen, von denen „Wilde Iris“, das 1992 im Original und 2008 auf Deutsch erschienen ist und mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, von Kritikern bis heute als ihr bestes angesehen wird. In deutscher Übersetzung sind nur wenige Werke von ihr bis dato erschienen – ein Umstand, der sich nach der Kür von Stockholm nun aber ändern dürfte.

Sie schreibe auf zwei ganz unterschiedliche Arten, sagt Glück. Entweder ganz langsam oder ganz schnell. „Es gibt die Gedichte, die immer und immer wieder neu bearbeitet werden, auseinandergenommen werden, aber in sehr komprimierter Zeit. Und dann gibt es Gedichte mit widerspenstigen Wörtern, Phrasen, Dinge, von denen ich denke, dass sie besser sein könnten.“ Wichtig sei aber die stetige Veränderung: „Sobald ich mich selbst fassen und beschreiben kann, will ich sofort das Gegenteil tun.“

Glück sei eine „fast schon geisterhafte, immer schwarz angezogene Figur“, schreibt die New York Times. „Ihre Gedichte schicken einen in die Welt hinaus, ein bisschen kälter, aber komplett wach, mit ihrer Stimme nachklingend im Kopf.“ (dpa)

📚 Literaturnobelpreise für die USA

2016: BOB DYLAN | Überraschend erhält der Musiker („Blowin‘ In The Wind“) den Preis, kommt aber nicht zur Verleihung in Stockholm.

1993: TONI MORRISON | Die Autorin („Jazz“) erhält als erste Schwarze die Auszeichnung - für ihre „visionäre Kraft und poetische Prägnanz“.

1987: JOSEPH BRODSKY | Der Lyriker („Einem alten Architekten in Rom“) musste aus der Sowjetunion in die USA emigrieren.

1980: CZESLAW MILOSZ | Nach der Auswanderung in die USA schrieb der Autor aus Polen („Lied vom Weltende“) weiter in seiner Muttersprache.

1978: ISAAC B. SINGER | Der aus Warschau stammende Schriftsteller („Die Familie Moschkat“) schrieb seine Werke stets auf Jiddisch.

1976: SAUL BELLOW | Der Sohn russischer Emigranten („Herzog“) schrieb vor allem über die Vereinsamung des Menschen in der Großstadt.

1962: JOHN STEINBECK | Der Autor („Früchte des Zorns“) verstand sich als Fürsprecher der Armen, Entrechteten und Unangepassten.

1954: ERNEST HEMINGWAY | Nicht nur wegen „Der alte Mann und das Meer“ zählt er zu den Giganten der Literatur des 20. Jahrhunderts.

1949: WILLIAM FAULKNER | Ihn interessierten vor allem die Probleme des Südens und die Erinnerung an den Bürgerkrieg („Schall und Wahn“).

1938: PEARL S. BUCK | Die in China aufgewachsene Autorin („Die gute Erde“) wurde erfolgreich mit ihren Romanen über das asiatische Land.

1936: EUGENE O‘NEILL |Der Dramatiker („Trauer muss Elektra tragen“) wurde für seine „Ehrlichkeit und tief empfundenen Emotionen“ geehrt.

1930: SINCLAIR LEWIS | Mit satirisch angehauchten Romanen („Babbitt“) wurde er zu einem der anerkanntesten Autoren seiner Generation.


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