Drei Wochen vor der Wahl: Warum Biden den Sekt noch nicht einkühlen sollte

Derzeit deutet alles auf einen Sieg von Herausforderer Joe Biden über Präsident Donald Trump hin – wahrscheinlich sogar auf einen Erdrutschsieg. Dennoch ist noch nichts entschieden. Auch deshalb nicht, weil Trump bereits durchklingen ließ, das Wahlergebnis bei einer Niederlage mit allen Mitteln zu bekämpfen.

Joe Biden tourt derzeit ebenfalls durch die Swing States und erhofft sich einen entscheidenden Sieg.
© JIM WATSON

Von Stefan Vospernik/APA

Washington – Drei Wochen vor der US-Präsidentenwahl scheint das Rennen gelaufen. Eine Umfrage nach der anderen sieht den Demokraten Joe Biden mit über zehn Prozentpunkten vor Amtsinhaber Donald Trump. Kein Herausforderer ging mit so einem klaren Vorsprung ins Wahlfinale, konstatiert der Nachrichtensender CNN. Beobachter spekulieren bereits über einen Erdrutschsieg, bei dem selbst die Republikaner-Hochburg Texas "blau" werden könnte. Experten sehen Trumps Siegeschancen aber weiter intakt.

Im Umfragedurchschnitt kommt Biden derzeit auf 53 Prozent, während Trump nur 42 Prozent der Wähler hinter sich hat. "Biden liegt besser als jeder andere Herausforderer zu diesem Zeitpunkt seit dem Jahr 1936, als die ersten wissenschaftlichen Umfragen vor Präsidentenwahlen durchgeführt wurden", konstatiert CNN.

Die Statistikseite FiveThirtyEight gibt die Siegeschancen Bidens mit 86 Prozent an. Das wahrscheinlichste Szenario sei dabei, dass sich der Demokrat im Wahlmännerkollegium mit 346 zu 192 Stimmen durchsetzen werde. Die Wahrscheinlichkeit eines Erdrutschsiegs ist mit 36 Prozent fast drei Mal so hoch wie jene eines Trump-Siegs. Laut dem Politikguru Larry Sabato hat Biden derzeit 290 Wahlmännerstimmen auf seiner Seite, um 20 mehr als für einen Sieg nötig. Etwas vorsichtiger ist die Seite "RealClearPolitics", die dem Herausforderer derzeit nur 226 Elektoren fix zuordnet.

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Potenzieller Weg zum Sieg für Trump noch nicht verbaut

Auch der Politikwissenschafter Reinhard Heinisch sieht das Rennen noch nicht als gelaufen an. Trump habe immer noch einen "Path to victory", betonte Heinisch im APA-Gespräch mit Blick auf das US-Wahlsystem, in dem der Präsident indirekt durch insgesamt 570 Wahlmännern der einzelnen Gliedstaaten auf Basis des dortigen Wahlausgangs gewählt wird. "Wenn Biden Florida und Pennsylvania und noch einen dritten Swing State verliert, kann er nicht gewinnen, es sei denn, er kompensiert anderswo", erläuterte der USA-Experte. Er wies darauf hin, dass sich der große Vorsprung Bidens aus nationalen Umfragen ergebe. "Das kann auch bedeuten, dass Biden in jenen Staaten zulegt, wo er ohnehin vorne ist." In den Swing States habe Biden zwar mit etwa vier bis fünf Prozent einen eindeutigen, aber nicht so großen Vorsprung. Ein großes Fragezeichen seien zudem die "Shy Trumpers", also diejenigen Trump-Anhänger, die sich ihrer Präferenz schämen und sie deswegen nicht äußern.

Klar scheint jedoch, dass die Coronaerkrankung den Amtsinhaber entgegen ursprünglichen Erwartungen politisch nicht genützt hat. Die öffentliche Aufmerksamkeit hat Trump nichts gebracht, auch von einem Mitleidseffekt ist nichts zu sehen. Stattdessen warf die Covid-19-Diagnose ein Schlaglicht auf das umstrittene Corona-Krisenmanagement des Präsidenten, wodurch laut Heinisch "sein politischer Hauptschwachpunkt" zum Thema geworden sei. "Er wollte davon ja besonders ablenken." Vor allem für Unentschlossene und konservative Wähler, die keine Trumpianer seien, scheine die Coronapolitik ein Problem zu sein.

Die Swing States: Die dunkel umrandeten Staaten sind umkämpft.
© APA

Wahlkampfauftritte als letzte Chance für Trump

Mit einer Serie von Wahlkampfauftritten, beginnend mit dem bedeutenden Swing State Florida, will Trump das Ruder in den letzten drei Wochen noch herumreißen. Die Ausgangslage könnte schwieriger nicht sein, wird der Präsident doch von seinem Herausforderer geradezu durchs Land gejagt. Mit seinen guten Umfragewerten konnte Biden nämlich das politische Schlachtfeld massiv erweitern. Trump kann sich nicht mehr auf Florida und jene "Rostgürtel"-Staaten Pennsylvania, Michigan und Wisconsin konzentrieren, in denen er vor 2016 durch knappe Siege gegen Hillary Clinton die entscheidenden Wahlmännerstimmen gesammelt hatte.

So sehen die Umfragen derzeit nicht nur das in der jüngsten Vergangenheit republikanisch tendierende Ohio im Lager Bidens, sondern auch Arizona, der seit zwei Jahrzehnten republikanisch wählt. Zudem liefert sich der frühere demokratische Vizepräsident in den Südstaaten Georgia und Texas, deren Wahlmännerstimmen zuletzt 1992 bzw. 1976 an einen Demokraten gingen, ein enges Rennen mit Trump. Der Amtsinhaber muss somit massiv Wahlkampfmittel einsetzen, um ein Wegbrechen dieser Hochburgen zu verhindern.

Dieses erweiterte Spielfeld und die Tatsache, dass Clinton in den landesweiten Umfragen niemals über der 50-Prozent-Marke lag, sind nach Einschätzung von Beobachtern die entscheidenden Unterschiede zur Präsidentenwahl 2016, die der Republikaner entgegen fast allen Vorhersagen gewinnen konnte.

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Am Ende die große Frage: Wird Wahlergebnis halten?

Trotzdem wird Biden die Champagnerkorken erst knallen lassen können, wenn Trump seine Niederlage einräumt. Die große Unbekannte sind nämlich die Briefwahlstimmen, deren Anzahl aufgrund der Coronapandemie massiv ansteigen dürfte. Umfragen zufolge hat Trump einen weitaus höheren Anteil an Urnenwählern und könnte somit in der Wahlnacht vorne liegen. Trump könnte sich zum Sieger erklären und eine Anerkennung der vermeintlich "manipulierten" Briefwahlstimmen verweigern.

Trump habe "viele Möglichkeiten" zur Abwendung einer Niederlage, sagte Heinisch. So könnten etwa unter Verweis auf das Coronavirus Wahllokale geschlossen oder verlegt werden, um bestimmte Wählergruppen besonders zu treffen. Bei einem knappen oder umstrittenen Wahlausgang könnten die Wahlmänner von Trumps nahestehenden Regierungen ernannt werden, verweist der Experte auf Arizona, das laut Umfragen in Richtung Bidens tendiert, aber republikanisch regiert wird. Weiters könnte es zu einer Anfechtung vor Gericht kommen, um Briefwahlstimmen für ungültig zu erklären. "Ein konservatives Gericht würde wohl anders entscheiden als ein liberales und alles endet dann im konservativen Obersten Gerichtshof", so Heinisch mit Blick auf die derzeit dort entstehende 6:3-Mehrheit für das konservative Lager.


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