Knutsch-Alarm im Knöchelfrei-Korso: Das war die 1. Folge „Bachelorette“

Die „Bachelorette“ hat die neue Liason-Saison eingeläutet – und schon beim Warmlaufen der grabbelgeilen Gockelgatten schrillen sämtliche Alarmglocken. Es gibt die üblichen Stumpfsinnigkeitsdialoge und neben verbalen auch physische Entblößungen. Und damit sind nicht nur die blanken Knöchel des Premium-Personals gemeint. Zu wenig Socken, zu viele Daniels. Eine TV-Kritik.

Huch, was ist denn da passiert? Ist bei der „Bachelorette“ ausnahmsweise mal Love in the air?
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Von Tamara Stocker

Innsbruck – Keine Fußball-Europameisterschaft, kein Olympia, kein Wimbledon. Für Sportenthusiasten war 2020 kein Zuckerschlecken. Umso verständlicher, dass RTL heuer mit dem Castingtruck durch die hiesigen Fitnesstempel getourt ist, um die schleckwilligsten aller Brunftwachteln zur Liebesolympiade nach Kreta zu karren. Unter der griechischen Sonne preist die „Bachelorette“ die (G-)Ladyatoren nur leider mit stinkigen Rosen statt Socken. Aber auch unabhängig des Hochwasser-Alarms droht diese Staffel in einem Ozean voll Peinlichkeiten zu ersaufen. Darauf erst mal 'ne Pulle Batida de Ouzo. Anders lässt sich das Ganze nicht ertragen.

Melissa erweitert ihre Flennbase

In diesem Sinne: Ich bin's wieder, eure besoffene Reiseleiterin auf dem Weg in die lodernde Liebeshölle. Das „Girl on fire“ heißt in diesem Jahr Melissa, bisher hauptberuflich tätig als Ex-Flamme von Pietro Lombardi. Nachdem es auch nicht mit „Love Island“-Bindungsängstler Danilo und irgendeinem „Köln 239439458“-Heini geklappt hat, sucht die Stuttgarterin also schon wieder im Bildungsfernsehen nach dem perfekten Instagram-Husband. Hach. Ich mag Menschen, die aus ihren Fehlern lernen.

Das Leben als „Bachelorette“ ist nicht einfach.
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Aber Melissa hatte auch „Angst, die Reise anzutreten“ – willkommen in meiner Welt Bro, so geht es mir vor jeder einzelnen Staffel dieser seelenlosen Rosenbumsshows. Praktischerweise macht Melissa genau da weiter, wo sie bei ihren anderen Reality-TV-Ausflügen aufgehört hat: Sie heult. Es dauert keine zehn Minuten, bis sie bei der ersten Träningseinheit auf der Terrasse ihrer Villa Kunterbums aus den Augen schwitzt. Und das noch bevor sie die 20 Vollhonks überhaupt kennengelernt hat. Fünf Minuten später kann sie immer noch keinen Schluchzstrich ziehen – und erzählt aus ihrer dramatischen Vergangenheit. Keine „Bachelorette“ ohne Schicksalsgeschichte. So will es das RTL-Gesetz. Und Melissa hat es wirklich schlimm erwischt: „Ich konnte mir früher keine Laugenstange vom Bäcker kaufen, weil ich so schüchtern war.“ Das Leben ist einfach nicht fair.

Außer Rand, Band und Verstand

Wie gut, dass RTL diesmal eingekauft hat und Melissa 20 steinharte Gesichtsbrezen in die Jausenbox legt, die nicht ganz knusper sind. Aber bevor der feuerrote Beschnupperungsteppich ausgerollt wird, dreht die Ballaballarina noch gladiatorlike ein paar Zeitlupen-Pirouetten im Kornfeld. Ein Bett steht da noch nicht rum, erst mal muss sie ein paar Nächte in ihrem knarzenden Bed of Roses überleben.

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Wenn das Getreide mal wieder einen Witz nach dem anderen erzählt.
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Und ungemütlich wird's jetzt wirklich: Mit dem Einmarsch der Dating-Tölpel verkommt Griechenland vollends zum Kinder Country: Die Kerle planschen wasserpistolenbewaffnet im Meer, kippen sich auf einem Billigdampfer gröhlend Hochprozentiges hinter die Binde, faseln was von „wir nehmen alles hoch“ und posieren für das Zuschauerauge netzhautschädigend in einer Fotobox am Strand. Herr im Himmel, sind wir hier auf Summersplash oder bei der „Bachelorette“?

Die Regieanweisung für diese Szenen der Fremdschamflut muss irgendwas in die Richtung „benehmt euch einfach so peinlich wie möglich, so sehr, dass eure Eltern eure Existenz verleugnen würden" gewesen sein. Geht gar nicht anders. Aber gut. Jetzt, wo sich das Rest-Niveau auch noch freiwillig über Bord geworfen hat, wird es für die Männerrotte Zeit, in die Schrumpfhosen zu schlüpfen: Auf zum Hochwasserbuxen-Defilee!

Hosenbeinforscher weltweit konnten sich diesen Trend bisher noch nicht erklären.
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Sparschweinerei!

Der amouröse Ringelpiez findet heuer erstmals nicht umgeben von Ikea-Teelichtern im flackernden Mondschein statt, sondern tagsüber an einem Abhang vor den Toren der bachelorett'schen Absteige. Hat so zirka ein Charme-Level von „Mach mal hinne, die Mittagspause ist gleich vorbei, karr endlich die Kerle ran, Karl." Ja, wir müssen jetzt alle ganz stark sein – Limousinen-Luis wurde gefeuert, jetzt sitzt Kastenwagen-Karl am Steuer. RTL spart heuer echt überall: am Auto, am Strom, am Niveau, am IQ und am Hosenstoff der Kandidaten – ja sogar am Benzin! Als wären die Anzüge der Herren nicht schon eng genug, werden sie auch noch zu dritt auf die Rückbank gepfercht. Und angeschnallt ist mal wieder niemand.

Dafür sorgt Kandidat Emre gleich fürs erste Schleudertrauma. Er torkelt derart balzschunkelnd auf einem Felsen herum, dass ich den Unterschied zwischen einem bislang noch unbekannten TikTok-Tanz und der Pantomime einer masturbativ entlockten Ejakulation mit freiem Auge nicht erkennen kann. Optisch stolpert er daher wie der uneheliche Sohn von Eko Fresh, Apache 207, Menderes, Steve Aoki und Zlatan Ibrahimovic, nachdem er acht Tage ohne Essen in der Kabine eingesperrt war. Als er dann auch noch zu „rappen“ beginnt, ist alles vorbei. Leute, wir sind verloren.

Sorry, da kommt gerade ein Anruf rein. Moment ... Ah! Grup Tekkan haben angerufen, sie haben das Sonnenlischt gefunden, aber wollen ihr verschollenes Mitglied zurück. Das Sonnenlischt sorgt dann auch dafür, dass Florian beim Erstkontakt mit Melissa einen echten Icebreaker raushaut: „Ich wusste nicht, ob du hier so strahlst oder die Sonne.“ Erster Brechreiz der Staffel: Check. ✅

Kandidat Emre ist ein Totalausfall.
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Das perfekte Schlimmergehtsnimmerdinner

Für den zweiten sorgt just Adriano, als er mit hochgezogenen Augenbrauen und flatternden Lidern seinen „Flirtblick“ präsentiert – und als wäre das nicht schlimm genug, macht er auch noch den Mund auf. „Frischfleisch“, sagt er zu Melissa, als die ihm sagt, dass sie 24 ist. Melissa kichert seine erbsenhirnigen Entgleisungen höflich weg, und Adriano ist sich sicher: „Die wird sich noch verlieben.“ Es geht doch nichts über ein gesundes Selbstbild.

Alex: Halb Haarbusch, halb Bizeps.
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In seiner Fleischwahl noch unentschlossen ist Alex, der die „Bachelorette“ mit einem „Holla die Waldfee“ begrüßt. Der erste Eindruck zählt schließlich. „Ich weiß nicht, ob ich das saftige Schnitzel oder das gute Entrecôte-Steak bin“ – also für mich wirkst du eher wie das zähe panierte Knorpelstück in einer Semmel, das mir der Imbissbudentyp um drei Uhr morgens als Schnitzel verkaufen will. Optisch kommt er trotzdem eher wie ein knackiges Stiernackensteak daher, das so lange in einer schleimigen Soße vor sich hinsiecht, bis es ungenießbar ist. Als Beilage gibt's den Knödel auf seinem Kopf.

Auch sonst erfüllt das Burschenbuffet alle wichtigen dramaturgischen Kriterien: Da gibt es den Augenschmaus, den man beim näheren Hinhören doch lieber nicht vernaschen will, ebenso wie das eigenartig geschnitzte Gemüse und die schmierig gefüllten Eier, die eh nur als Deko dienen. Und für das getränkliche Wohl muss ja auch wer sorgen – wie gut, dass wir Daniel haben. Ok. Genaugenommen haben wir sogar vier Daniels. Aber dieser Daniel ist Weinblogger und hat damit im Leben bisher alles richtig gemacht. Und er hat ein Geschenk für Melissa dabei. „Es ist nicht groß, aber dafür umso mächtiger" – und kurz habe ich Angst, dass er seinen Schniedel aus dem Hosenschlitz zupft; aber es ist zum Glück nur ein unschuldiges Räucherstäbchen. Puh. Schamaniel will mit Melissa „böse Energien vertreiben“ und ich hoffe, dass sie bei Adriano anfangen.

Ein arschbomben Eindruck

Weniger mit vertreiben und mehr mit es (über-)treiben kennt sich Rouven aus. Der flext gleich damit, sich durch seine Weltreise geschnackselt zu haben. „Man muss damit leben, wenn das Stöhnen beginnt, that's life.” Und als wäre das noch nicht unangenehm genug, reckt der fingernägellackierte Weltenbummsler auch gleich noch sein entblößtes Hinterteil in die Kamera. Wow. Diese Staffel ist jetzt schon für'n Arsch. „Ich würde auch meinen Penis zeigen, wenn er größer wär.” Nö, lass stecken, Brudi. Ein wenig Hirn würde schon reichen.

Das der rollige Rouven wirklich alles nimmt, was nicht bei drei auf dem Nagelbaum ist, zeigt sich im Auto: Vor lauter Erquickung über die Erstbegaffung der „heißen Chica“ küsst er den ebenso aufgescheuchten Daniel auf den Mund. Welchen von den vieren, weiß ich nicht. Was ich aber weiß: Damit gab es in der ersten Folge schon eine Schmuserei, die erotischer und echter war als alle Lippenexkurse der letzten „Bachelor“-Staffel zusammen.

Bei Rouven sind Hochwasserhosen nicht das Problem. Er zieht gleich komplett blank.
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Ein Daniel kommt selten allein

Umso erwartbarer, was sonst noch so aus den Autos fällt: Wie immer gibt es einen Typen, den die „Bachelorette“ schon kennt – in diesem Fall ein Freund ihres Ex-Gspusis aus „Köln 239439458“. Wäre weniger schlimm, wenn sich Leander nicht so dumm stellen würde. Ok, gut, wahrscheinlich ist er's auch einfach. Jedenfalls tut er so, als würde er Melissa nicht erkennen. Bei soviel schlechtem Schauspieltalent sitzen die „Köln 239439458“-Produzenten sabbernd vor der Glotze. Nach Schamaniel betritt auch noch Hagridaniel den Teppich, der so groß ist, dass er gerade noch ins Kamerabild passt; den dritten Daniel hab ich schon wieder vergessen, aber den vierten, meine Lieben, den merken wir uns: Der Quoten-Ösi.

Nach Italo-Danilo kommt Alpen-Daniel. Zufall? Ich denke nicht.
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Ländle-Dani staubt direkt die allerallerallererste Rose ab – die ist allerdings nicht liebesfeuerrot, sondern pissgelb. Heißt aber nicht, dass er sich verpissen soll, nope, die Ausnahmeblüte bemächtigt ihn in der nächsten Folge zur ersten Einzelaudienz bei Melissa. Zu der wird es bei Adriano nicht mehr kommen. Ich hab' ja ehrlich gesagt nicht mehr damit gerechnet, dass ausgerechnet bei der „Bachelorette“ das personifizierte Patriarchat gestürzt wird. Wobei ich mir ja überhaupt nicht erklären kann, warum Adriano mit seinen ausgefinkelten Flirttaktiken („die Frauen müssen zu mir kommen“) gescheitert ist.

Ein echter Abgangster

Adriano wollte nichts anbrennen lassen, dann sind im allerdings alle Sicherungen durchgebrannt.
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Zumindest nimmt er's wie ein Erwachsener. Er zeigt Melissa den Vogel und hat so gar keinen Bock drauf, zu ihr vorzukommen, um sich zu verabschieden. Stattdessen zischt er ihr ein herablassendes „Auf keinen Fall. Wo lebt ihr?“ entgegen. Der zieht das mit „die Frau muss zu mir kommen“ echt knallhart durch. Angefressen stampft er die Steintreppe hinauf und reißt sich erstmal den Bauch-weg-Gürtel unterm Hemd vom Leib. Oh. Sorry. War doch nur das bandagierte Mikro.

Weinblogger Daniel würde sagen: unreif im Abgang. Ich sage: Reife Leistung, Mister Räucherstäbchen. Bis nächste Woche!


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