ÖSV startet mit klarem Ziel: "Wir wollen wieder die Nummer eins werden"

Die beiden ÖSV-Rennsportleiter Christian Mitter (Damen) und Andreas Puelacher (Herren) eint die Mission, nach einem durchwachsenen Winter ohne Kristallkugel wieder Glanz zu versprühen.

Christian Mitter steckt sich und seinen Damen ehrgeizige Ziele.
© GEPA pictures/ Jasmin Walter

Damen-Chef Mitter: "Der Druck kommt eh von einem selbst"

Was ist das vorrangige Ziel heuer – den Nationencup zurückzuholen oder eine bessere Positionierung im Gesamtweltcup?

Christian Mitter: Der Gesamtweltup ist heuer eine eigene Geschichte. Für die Speedfahrerinnen wird es wegen der Anzahl der Rennen schwer, aber egal: Der Nationencup ist absolut ein Ziel. Mit den Punkten heuer hätten wir in den letzten 15 Jahren locker gewonnen. Aber die Italienerinnen waren einfach besser. Vielleicht wäre es sich ohne Abbruch noch ausgegangen, aber das ist Schnee von gestern. Wir müssen schauen, dass wir genügend Läuferinnen am Start haben, die punkten. Ein Ziel muss sein, dass immer eine am Podium steht. Dann bist du voll drin im Nationencup. Individuell schauen wir, wie es sich entwickelt.

Liebäugeln Sie auch mit einer Disziplinenkugel?

Mitter: Wir sind in allen Disziplinen gut aufgestellt, allerdings haben wir momentan nicht diese Seriensiegerin. Mit Anna Veith ist uns die letzte abhandengekommen. Wir hoffen aber, dass wir wieder dahin kommen. Für eine Kugel muss man zunächst gewinnen können und dann noch konstant am Podium sein. Es wäre jedenfalls schön, wenn es eine Saison gäbe, in der die Jüngeren und die Etablierten gleichzeitig gut sind. Das wäre richtig cool.

Im Vorjahr waren Franziska Gritsch als Siebente und Ramona Siebenhofer als Zehnte die Besten in Sölden. Wären Sie mit so einem Ergebnis wieder zufrieden?

Mitter: Ja, es ist in Sölden immer etwas speziell. Man muss schauen, wo man nach dem ersten Durchgang liegt und so weiter. Das ist mir jetzt aber eigentlich relativ egal. Ich möchte, dass wir uns wirklich vom Niveau her verbessern, also vom Skifahren her. Dass abgerufen wird, was trainiert wurde. Dann schaut man, wo man steht. Dass man keine Extrasachen macht, sondern das Rennen fährt, sich darauf freut und sich gut etabliert. Dann sieht man, was rauskommt.

Ist der Druck beim Heimrennen so wie heuer ohne Zuschauer geringer?

Mitter: Im Vorjahr liefen die Heimrennen ja ganz gut. In Lienz zum Beispiel oder auch in Flachau waren wir mannschaftlich gut. Es sieht so aus, als ob wir Damen haben, die richtig aufblühen, wenn es daheim um die Wurst geht. Zuschauer oder nicht – ich denke, der Druck kommt eh von einem selbst, von der eigenen Erwartung.

Sie gehen davon aus, dass die Saison zu Ende gefahren wird?

Mitter: Schon. Das Konzept ist gut. Andere Veranstalter haben die gleiche Vorgehensweise. Man hört, Levi habe ein gutes Konzept, Lech/Zürs sowieso. Das, was ganz wichtig sein wird, ist die Disziplin aller. Ich hoffe, dass meine internationalen Kollegen diese auch halten. Weil wenn es irgendwo ausbricht, dann wird es schwierig.

Haben Sie den Ernstfall eines positiven Tests schon einmal durchgespielt?

Mitter: Wir haben kleine Gruppen. Fünf, sechs Athleten, Trainer und Serviceleute – insgesamt zwölf Leute. Die versuchen wir so gut wie möglich getrennt von den anderen zu halten. Also wenn irgendwo was ausbricht, können wir sofort reagieren. Deshalb haben wir auch so oft getestet, um immer zu wissen, wo wir stehen. Wir hatten Hunderte Tests alleine in der Damen-Mannschaft, ich selbst 14 oder 15.

Es könnte die halbe Rennmannschaft ausfallen ...

Mitter: Ja, das könnte sein, aber ich mache mir da jetzt keine Sorgen. Wir haben schon eine gute Routine.

Das Gespräch führte Sabine Hochschwarzer

Andreas Puelacher geht in seine siebte Saison als Herren-Cheftrainer.
© gepa walgram

Puelacher: "Favoriten sind wir keine"

Im Vorjahr war Manuel Feller, der am Sonntag verletzungsbedingt ausfällt, als Zwölfter bester ÖSV-Athlet. Was macht Sie zuversichtlich, dass es diesmal besser wird?

Andreas Puelacher: Vorneweg: Favoriten sind wir keine. So gerne ich jetzt einen Sieg einfordern würde, es wäre einfach unrealistisch. Aber klar ist, dass ich mir schon eine Steigerung erwarte. Zwei Top-Ten-Plätze und weitere zwei, die sich für das 30er-Finale qualifizieren, dann wäre ich zufrieden.

Klingt nach einer neuen Bescheidenheit?

Puelacher: Man muss realistisch bleiben, wir wissen um unsere Probleme im Riesentorlauf. Ich bin überzeugt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Aber zu glauben, dass sich allein durch das Sommertraining vieles ändern lässt, wäre zu kurz gedacht. Wir müssen geduldig bleiben, uns Schritt für Schritt nach vorne arbeiten, auch, um wieder bessere Startnummern zu bekommen. So wie das vergangenen Winter ein Marco Schwarz oder ein Roland Leitinger bereits gezeigt haben. Einiges verspreche ich mir auch vom Mothl Mayer, und der Vince (Kriechmayr, Anm.) versucht sich heuer auch verstärkt im Riesentorlauf.

Im Jahr eins nach Marcel Hirscher reichte es im Vorjahr für Ihre Mannschaft in der Herren-Wertung nur zu Rang vier – mehr als tausend Punkte hinter der Schweiz. Wäre es vermessen bzw. unrealistisch zu behaupten, dass man heuer den Spieß umdrehen will?

Puelacher: Das muss unser Ziel sein. Die Rechnung ist einfach: Wir müssen möglichst viele Siege, Podest- und Spitzenplatzierungen einfahren. Das, was man unter „big points“ versteht. Und bis auf den Riesentorlauf haben wir auch überall die Leute dafür. Im Speedbereich haben wir mit Mayer und Kriechmayr zwei Spitzenkräfte, mit dem Hannes (Reichelt, Anm.) ist eh immer zu rechnen, aber dahinter, von der so genannten zweiten Garde, erwarte ich mir ganz einfach mehr.

Erstmals seit dem Winter 2010/11 blieben Österreichs Herren ohne eine Kristallkugel, vom Gesamtweltcup ganz zu schweigen ...

Puelacher: Erzwingen lässt sich nichts – aber wie gesagt: Bis auf den Riesentorlauf haben wir überall unsere Möglichkeiten. Und auch im Kampf um den Gesamtweltcup sind wir nicht so weit weg. Der Mothl (Mayer) war letztes Jahr bis zu seiner Erkrankung gut dabei. Marco Schwarz ist sicher einer für die Zukunft. Er hat nach dem Kreuzbandriss in seiner Comebacksaison schon wieder aufgezeigt, ist gut drauf und breiter aufgestellt denn je. Und wer hätte zu Beginn des vergangenen Winters gedacht, dass am Ende der Kilde das Rennen macht? Favoriten sind andere, in erster Linie natürlich Pinturault und Kristoffersen. Aber in einem Winter kann vieles geschehen, in diesem Winter ganz besonders.

Wie besorgt machen Sie die jüngsten Covid-19-Entwick­lungen?

Puelacher: Alle hoffen, dass es besser wird, aber das Gegenteil ist der Fall. Keiner weiß, wohin die Reise geht. Zu meinen Kernaufgaben zählt auch die Planung, die gewöhnlich mittel- und langfristig passiert. Derzeit bleibt mir nichts anderes übrig, als von Woche zu Woche zu schauen – und vieles immer wieder neu aufzusetzen. Da wir heuer aus besagten Gründen keine Übersee-Camps abgehalten haben, fehlen uns Speed-Kilometer. Bis zuletzt habe ich mit einem November-Camp in Copper Mountain (USA) geliebäugelt, aber auch das wird sich nicht spielen.

Das Gespräch führte Max Ischia


Kommentieren


Schlagworte