Welle der Solidarität nach Enthauptung eines Lehrers bei Paris

Der Schreck sitzt tief in Frankreich. Der mörderische Angriff auf einen Lehrer trifft das Land ins Mark. Dieser wollte seinen Schülern Meinungsfreiheit lehren und zahlte dafür mit seinem Leben. Die Anteilnahme an seinem Tod ist riesig.

Zahlreiche Menschen haben sich am Sonntagnachmittag zu einer Solidaritätsdemonstration in Paris versammelt.
© BERTRAND GUAY

Paris – In Frankreich hat die Polizei nach dem tödlichen Angriff auf einen Lehrer durch einen mutmaßlichen Islamisten eine elfte verdächtige Person festgenommen. Ein 18-Jähriger hatte am Freitagabend in Conflans-Sainte-Honorine, einem Vorort von Paris, den Geschichtslehrer Samuel Paty auf offener Straße mit einem Messer enthauptet. Wenig später wurde er von Polizisten erschossen. Paty hatte seinen Schülern im Staatsbürgerunterricht über Meinungsfreiheit Mohammed-Karikaturen gezeigt.

In Frankreich herrscht riesige Anteilnahme nach der mutmaßlich islamistisch motivierten Ermordung eines Lehrers. Einige Muslime werten jede Abbildung ihres Propheten als Gotteslästerung.

Landesweit wurden am Sonntag zahlreiche Solidaritätsdemonstrationen erwartet. In Paris haben sich zahlreiche Menschen versammelt. Um 15.00 Uhr klatschten die Menschen minutenlang auf der Place de la République im Osten der Innenstadt. Viele hielten Schilder, auf denen "Je suis Prof" oder "Je suis enseignant" (deutsch: Ich bin Lehrer) stand, in die Höhe. Der Platz war dicht gefüllt.

Die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo hatte sich Demo-Aufruf der Organisation SOS Racisme und Lehrergewerkschaften angeschlossen. Im ganzen Land wollten Menschen auf die Straße gehen. Dern Platz der Republik im Pariser Osten ist ein symbolischer Ort - bereits nach der Terrorserie im Jänner 2015, zu der auch der Anschlag auf "Charlie Hebdo" zählte, gedachten dort Menschen aus ganz Frankreich der Opfer. Seitdem ist der Platz zu einem zentralen Ort der Anteilnahme nach Terroranschlägen geworden.

Weitere Details zu der neuen, festgenommenen Person wurden am Sonntag zunächst nicht mitgeteilt. Kurz nach dem Verbrechen waren vier enge Verwandte des 18-Jährigen, der tschetschenische Wurzeln hat, festgenommen worden. Weitere fünf Verdächtige, die Stimmung gegen den Lehrer gemacht hatten, wurden etwas später in Gewahrsam genommen, eine zehnte Person am Samstag.

Die brutale Ermordung des Lehrers hatte in ganz Frankreich Entsetzen ausgelöst. Das mutmaßliche Motiv des Täters war nach Angaben der Staatsanwaltschaft, dass der Lehrer im Rahmen seines Unterrichts zur Meinungsfreiheit vor einigen Wochen Karikaturen des Propheten Mohammed gezeigt hatte. Anlass war die Diskussion um die erneute Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen im Satireblatt Charlie Hebdo. Der laut Staatsanwaltschaft 2002 in Moskau geborene Täter mit russisch-tschetschenischen Wurzeln hatte nach der Tat im Netz damit geprahlt. Er wurde kurz nach der Tat von der Polizei erschossen.

Versammlung ausnahmsweise genehmigt

Auch Bildungsminister Jean-Michel Blanquer und andere politische Größen kündigten ihre Teilnahme bei der Solidaritätskundgebung an. Der Platz der Republique im Pariser Osten ist ein symbolischer Ort – bereits nach der Terrorserie im Jänner 2015, zu der auch der Anschlag auf Charlie Hebdo zählte, gedachten dort Menschen aus ganz Frankreich der Opfer. Seitdem ist der Platz nach Terroranschlägen zu einem zentralen Ort der Anteilnahme geworden.

Premierminister Jean Castex (L), die Bürgermeistern von Paris, Anne Hidalgo (M) und Vizebürgermeistern Paris Audrey Pulvar (R) nahmen an der Kundgebung teil.
© BERTRAND GUAY

Die brutale Attacke trifft Frankreich mitten in der zweiten Corona-Welle, von der das Land schwer getroffen ist. In Paris gilt die höchste Corona-Warnstufe, hier sind Versammlungen von mehr als 1000 Menschen eigentlich verboten. Berichten zufolge hat die Pariser Polizeipräfektur die Demonstration genehmigt. Präsident Emmanuel Macron hatte die Tat als islamistisch motivierten Anschlag bezeichnet.

Verteidigungsrat am Sonntagnachmittag

Für Sonntagnachmittag war ein Verteidigungsrat unter Vorsitz von Frankreichs Präsident Macron angesetzt – dabei sollte laut Medien über weitere Maßnahmen im Kampf gegen islamistische Radikalisierung beraten werden. Am Mittwoch will Frankreich mit einer nationalen Gedenkfeier an den brutal getöteten Lehrer erinnern.

Der 47-Jährige war am Freitagnachmittag von seinem Angreifer in der Nähe seiner Schule im Pariser Vorort Conflans-Sainte-Honorine enthauptet worden. Dieser veröffentlichte nach seiner Tat ein Foto des Opfers und richtete eine Nachricht an Präsident Macron, den er als "Anführer der Ungläubigen" bezeichnete. "Ich habe einen Ihrer Höllenhunde hingerichtet, der es wagte, Mohammed herabzusetzen", schrieb er laut Staatsanwalt.

Mehrere Menschen aus dem Umfeld des mutmaßlichen Täters befanden sich am Sonntag in Polizeigewahrsam. Auch der Vater einer Schülerin, der im Netz gegen den Lehrer mobilisiert hatte, nachdem dieser die Mohammed-Karikaturen gezeigt hatte, war in Polizeigewahrsam genommen worden. Er hatte ein Video verbreitet und öffentlich gegen den Lehrer gewettert, wie Staatsanwalt Jean-François Ricard sagte.

Der Vater forderte bei der Direktorin die Entlassung des Pädagogen. Dabei wurde er von einem Mann begleitet, der Medien zufolge ein bekannter Islamist ist. Die Staatsanwaltschaft stellte bisher keine Verbindung zwischen diesem Vater und dem Angreifer her.

Vor einigen Wochen Messerattacke vor Redaktionsgebäude

Bereits am Samstag war es in zahlreichen Städten zu Solidaritätsbekundungen für den getöteten Lehrer gekommen. Die Menschen versammelten sich etwa unter dem Motto "Je suis Prof" oder "Je suis enseignant" (deusch: Ich bin Lehrer) in Anlehnung an "Je suis Charlie". Das Schlagwort prägte die Zeit nach dem verheerenden Mordanschlag auf die Redaktion von "Charlie Hebdo" 2015.

Erst vor wenigen Wochen hatte ein Mann vor dem ehemaligen Redaktionsgebäude zwei Menschen brutal mit dem Messer attackiert. Er gab als Motiv ebenfalls Mohammed-Karikaturen an, die das Magazin veröffentlicht hatte. Der Angreifer hatte es eigentlich auf die Redaktion abgesehen, wusste aber nicht, dass diese mittlerweile an einen geheimen Ort umgezogen ist.

Premierminister Jean Castex sagte der Zeitung Journal du Dimanche, die Regierung arbeite an einer Strategie, um die Lehrer besser zu schützen. "Ich will, dass die Lehrer wissen, dass nach dieser gemeinen Tat das ganze Land hinter ihnen steht." Die Tragödie betreffe jeden in Frankreich, denn mit diesem Lehrer sei die Republik angegriffen worden.

Finanzminister Bruno Le Maire will nun die Finanzflüsse einiger islamistischer Vereine schärfer kontrollieren. "Es gibt ein Problem bei der Finanzierung einer Reihe von islamistischen Vereinen, hier können und müssen wir es besser machen", sagte Le Maire dem Sender France 3 Television. Als Beispiel nannte er Kryptowährungen. (APA/dpa/Reuters)

Insider: Paris nach Tötung von Lehrer vor Ausweisung von 231 Personen

Frankreich bereitet nach dem tödlichen Angriff auf einen Lehrer Insidern zufolge die Ausweisung von 231 mutmaßlichen Extremisten vor. Innenminister Gerald Darmanin habe die örtlichen Behörden darum gebeten, die Ausweisungen anzuordnen, hieß es am Sonntag aus Polizeigewerkschaftskreisen. Von den 231 Personen seien 180 im Gefängnis, 51 sollten in den nächsten Stunden festgenommen werden.

Vom Innenministerium war zunächst keine Bestätigung zu bekommen. Der Radiosender Europe 1 hatte zuvor über die geplanten Ausweisungen berichtet.


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