„Es geht bergauf": Ein Porträt über den Osttiroler Musiker Norman Stolz

Der Osttiroler Singer-Songwriter über seine neue, hoffnungsvolle Single, seinen Umgang mit den Höhen und Tiefen des Lebens und seinen Weg zur Musik.

„Es geht bergab, und i pfeif was drauf, weil auf da andern Seite geht’s wieder bergauf“, heißt es in der neuen Single.
© Daniel Kleinlercher

Von Christina Feiersinger

„Jetzt kommt wieder die Zeit der Regentage mit Pullover und Tee“, sagt der Singer-Songwriter Norman Stolz, während er seinen Blick nach draußen schweifen lässt, wo bereits besagtes graues, kühles Wetter Einzug gehalten hat, die Berge mit Nebel verhüllt, die Fensterscheiben mit Regentropfen übersät. „Für mich ist das die beste Jahreszeit zum Runterkommen, für Inspiration und zum Schreiben“, ergänzt er. Zudem ist der Herbst aber wohl auch besonders passend für ruhige Balladen, für Lieder mit Tiefgang und Herz, für Musik, die berührt und das Gefühl von Geborgenheit vermittelt. Gerade jetzt, gerade in ungewissen Zeiten.

Ein Lied, das in der Schublade reifte

„Es geht bergab, und i pfeif was drauf, weil auf da andern Seite geht’s wieder bergauf“, singt der gebürtige Osttiroler im Refrain seiner im September – erstmals unter seinem eigenen, neu gegründeten Musiklabel „Stolz wie Oskar“ – veröffentlichten Single. „Bergauf“ heißt der frisch erschienene Song bezeichnenderweise – ein Wort, das als Sinnbild für die Richtung stehen könnte, in die es auch für die Zuhörer bald gehen soll. Es ist ein hoffnungsvoller Song, der wie ein Aufruf zu mehr Lebensfreude und Zuversicht klingt, der vielleicht ein bisschen Trost zu spenden vermag, inmitten der Krise. Dabei ist der Interpretationsspielraum ein viel offenerer, dieses „Bergauf“ kann nicht nur in diesen herausfordernden Zeiten als positive Botschaft gewertet werden, sondern für alle schwierigen Lebenslagen stehen. Das Lied liegt nämlich bereits seit zwei Jahren in der Schublade des Musikers und wartete nur darauf, veröffentlicht zu werden. „Ich hatte den Song stets im Hinterkopf und wusste, dass er irgendwann herauskommen würde, nur der Zeitpunkt war noch ungewiss“, erzählt der in Innsbruck und Osttirol lebende Künstler. „Jetzt ist die Zeit reif geworden.“

📽️ Video | „Es geht bergauf"

Musikproduktion in Zeiten von Corona

Mitten im Lockdown im Frühjahr kontaktierte er einige seiner Musiker-Kollegen und schlug ihnen die Zusammenarbeit an diesem Lied vor – freilich auf Distanz. „Im Shutdown hab ich neue ,Hausaufgaben‘ gebraucht, ich hab einige tolle Musiker angerufen und gefragt: ,Hey, was machst du, hast du nix zu tun?‘ Die Antwort kann man sich denken, und so entstand der neue Song, komplett im Home-Recording.“ Im Spätsommer folgte der Dreh des Musikvideos, zu zweit stellten der Künstler und ein Freund, der Filmemacher Daniel Kleinlercher, den Kurzfilm auf die Beine. Jener erzählt eine vollständige Geschichte und liefert ganz nebenbei wunderschöne Bilder aus St. Jakob in Defereggen, dem Heimatort der beiden. Gemeinsam schrieben sie das Skript, Norman schlüpfte dann in die Hauptrolle, in der er einen zurückgezogenen Musiker spielt, der sich nach langer Zeit wieder seiner Berufung zuwendet und so allmählich zurück ins Leben findet.

Das Leben als Zugfahrt

Wie viel steckt von Norman selbst in dieser Figur, die er für das Musikvideo kreiert hat? „Nicht so viel, denn ich hab das Glück, genügend spielen zu dürfen, von der Musik leben zu können, selbst wenn es momentan viele kleine Überwasser-Jobs sind. Das Lied steht für mich vor allem für die Zuversicht, dass nach jedem Tief wieder ein Hoch kommen wird. Wenn es bergab geht, muss man da durch, bevor es leichter und besser wird, bevor es wieder bergauf geht. Man muss Vertrauen haben.“ Sich wie die Figur im Video zwischenzeitlich von der Musik abzuwenden, kommt für Norman selbstverständlich nicht infrage, selbst wenn die Tätigkeit als Künstler nicht immer einfach ist. Deren Höhen und Tiefen vergleicht er mit einer Zugfahrt: „Das eigene Leben siehst du von der Fahrerkabine aus, da kommt dir oft vor, die Fahrt würde sehr langsam und mühevoll sein, es gibt viele Tiefpunkte zu überwinden. Der Zuseher sieht von außen aber nur die Erfolge und glaubt, es würde schnell vorangehen, von einem Höhepunkt zum nächsten.“

„Ich hab das Glück, genügend spielen zu dürfen, von der Musik leben zu können", so Norman Stolz.
© Blitzkneisser

Bekanntheit als Mittel zum Zweck

Längst ist Norman Stolz kein Unbekannter mehr, er spielte bereits große Auftritte wie etwa in Kitzbühel beim Neujahrskonzert 2020 vor 50.000 Menschen oder bei der Starnacht am Wörthersee vor einem Fernsehpublikum von drei Millionen. „Nervös bin ich aber eher bei kleinen Auftritten, wenn ich vor zehn, 15 Personen spiele, weil das viel persönlicher ist als vor tausenden.“ Besonders wichtig ist ihm ohnehin, was einige wenige Menschen sagen: seine Familie und seine Frau – Normans große Liebe, die er vor zwei Jahren geheiratet hat. „Mit meinem Umfeld bin ich so reich beschenkt, der Rückhalt meiner Lieben und ihre Unterstützung in allem, was ich mache, sind das Wertvollste. Das erfüllt mich mit großer Dankbarkeit. Zusätzlich habe ich ein großartiges Team um mich, zwei Produzenten, die seit drei Jahren meine musikalischen Wegbegleiter sind und mir zur Seite stehen.“

Mittlerweile erkennen ihn die Leute auf der Straße, so manch einer rief Norman bereits Textzeilen seiner beliebtesten Songs hinterher. So etwas ist dem bodenständigen Musiker unangenehm. „Da werde ich eher rot im Gesicht“, meint er lachend, wenngleich er sich über die steigende Bekanntheit freut. Sie dient als Mittel zum Zweck gewissermaßen, schließlich ermöglicht sie ihm, seine musikalische Karriere immer weiter zu verfolgen. „Natürlich ist gute Resonanz auf eine Single wie die soeben veröffentlichte so etwas wie Applaus und eine wichtige Bestätigung. Aber wenn ich ein Lied geschrieben hab, höre ich es mir selbst 200 Mal an und frag eine Handvoll bestimmter Leute um Kritik, um Verbesserungsvorschläge – da brauch ich dann kein Schulterklopfen“, sagt Norman. „Am Ende zählt vor allem, das zu machen, wovon man selbst überzeugt ist, wofür man selbst brennt.“

Opas alter Plattenspieler

Nicht immer fiel es Norman leicht, für seine Leidenschaft einzutreten: Weil alle Freunde etwas ganz anderes machten, traute er sich erst als Teenager, den Weg in Richtung Musik einzuschlagen. Dabei hatte ihn die Musik bereits als Kind fasziniert. Zwischen all den schönen Gedanken an eine unbeschwerte Kindheit in der Natur, auf dem Berg, beim Skifahren, beim Spielen am Waldrand sind es vor allem die Erinnerungen an den Plattenspieler seines Opas, die Norman zum Strahlen bringen. Er hörte etwa Bruce Springsteen sowie Simon and Garfunkel und spürte dabei früh eine starke Verbindung zur Musik. „Die Musik hat schon damals etwas sehr Intensives in mir ausgelöst, mich in verschiedenste Gefühlswelten versetzt. Etwas hat schon immer in mir geschlummert, ich konnte diese Musikalität bloß selber nicht ausdrücken, weil ich noch kein Instrument so gut beherrschte.“ Durch seinen Opa fand er schließlich zur Gitarre, jener zeigte ihm die ersten Griffe, Norman fing an zu singen und sobald er das erste Lied spielen konnte, begann er sogleich selbst zu schreiben. Auf Englisch zunächst noch, wie er schmunzelnd erzählt: „Ich kann mich noch genau an diese ersten Lyrics erinnern, es ging darin um das Mädchen, in das man verschossen war, um die erste Verliebtheit – und das alles in einem Englischniveau, das über Wörter wie ,good‘, ,bad‘, ,happy‘ und ,sweet‘ kaum hinausging.“

Der Dialekt als Selbstfindungsinstrument

Was folgte, waren Jahre des Übens und Probierens, ein Selbstfindungsprozess, der sich letztendlich ebenso sprachlich niederschlug – Norman fand nicht nur zu sich selbst, zu seiner Berufung als Musiker, sondern auch zum Singen im Dialekt und so zu seiner authentischsten Ausdrucksweise. „Wenn mir das vor vielen Jahren jemand gesagt hätte, dass ich eines Tages im Osttiroler Dialekt singe, hätte ich den Kopf geschüttelt. Selbst Deutsch war damals nicht so angesagt, nur Schlagersänger und Rapper haben auf Deutsch gesungen. Aber man entwickelt sich und der Markt genauso, man nähert sich schrittweise an sich selbst als Künstler immer weiter an. Es braucht allerdings eine gewisse Reife, um erst einmal dorthin zu gelangen.“ Der Dialekt wiederum war der Türöffner zu seinen aktuellen Erfolgen. Ein weiterer Schlüssel könnten die wiederkehrenden Naturmotive sein, die fraglos von Normans eigener Verbundenheit zur Natur herrühren und die unwillkürlich bunte Bilder vor den Augen der Zuhörer erschaffen. „Mit der Inspiration ist es wie mit einer Wasserquelle, irgendwann fängt sie zu sprudeln an. Die Natur ist überhaupt ein gutes Werkzeug. Ein besonders starkes Motiv waren für mich immer schon die Berge, die Perspektive von oben. Diese hab ich zufällig in den beiden letzten Liedern eingebaut – in ,Bergauf‘ und davor in ,Bissl a Zeit‘, das ich gemeinsam mit Wenzel Beck geschrieben habe. Von oben sieht man, wie klein alles ist, auch die Probleme werden kleiner, dieser Perspektivenwechsel tut gut.“

Normans größter Traum ist es, immer Musik machen zu dürfen, „bis zur Pension und darüber hinaus“, wie er sagt. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, der gewiss über viele Höhen und womöglich auch so manche Tiefen führen wird. Doch Norman Stolz sieht allem voller Zuversicht und Gelassenheit entgegen – im Wissen, stets auf den Rückhalt seiner Familie zählen zu können und darauf, dass es jedes Mal wieder bergauf gehen wird.


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