Schüler-Demo in Innsbruck: „Mit Home-Schooling kann es so nicht weitergehen“

Oberstufenschüler äußerten ihren Unmut bei einer lautstarken Demo. Gewerkschaft und Jugendanwaltschaft schließen sich anhaltenden Elternprotesten an.

Auf den mitgebrachten Plakaten war unter anderem „Wir haben ein Recht auf Bildung", „Das war's mit der Matura" oder "Wollt ihr wirklich ein dummes Volk" zu lesen.
© Thomas Böhm

Innsbruck – „Wir wollen Schule!“, „Wir wollen Lehrer sehen!“: Slogans wie diese würde man von Schülerinnen und Schülern dem Klischee nach nicht unbedingt erwarten. Doch genau das waren die Kernforderungen bei der gestrigen Demo am Innsbrucker Landhausplatz. Der Tenor der rund 100 Teilnehmer (neben Schülern der Oberstufe auch Eltern und Lehrer): Mit dem Home-Schooling – das derzeit über 25.000 Schüler ab der 9. Schulstufe in sechs Tiroler Bezirken betrifft – „kann es so nicht weitergehen“.

📽️ Video | Schüler-Demo in Innsbruck

„Das Distance Learning funktioniert so nicht“, meinten Fara Graf und Theresia Fritz aus der 7. Klasse des Musikgymnasiums (BORG Innsbruck). Laufend gebe es technische Probleme, Lehrer würden sich mit den Lernplattformen oft nicht auskennen. „Morgen hätten wir Matheschularbeit – wir wissen bis jetzt nicht, ob sie überhaupt stattfindet oder zählt.“ Auch sozial und psychologisch sei die Lage sehr belastend.

„Ich sehe mich nicht imstande, die Schule ordentlich abzuschließen“, klagt eine angehende Maturantin am Gymnasium Sillgasse. „Wir haben das Recht, Dinge erklärt zu bekommen“, betont eine andere Schülerin. Politik und Schulbehörden hätten im Sommer „geschlafen“, hört man oft – und der Zwang zu Distance Learning sei „nicht evidenzbasiert“.

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📸 | Die Demo in Bildern:

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Palfrader: Maßnahme werde nach drei Wochen evaluiert

Bildungslandesrätin Beate Palfrader und Bildungsdirektor Paul Gappmaier zeigten Verständnis für den Unmut. Aber die Zahlen würden auch an Schulen steigen (siehe Infokasten) – und es gelte zu verhindern, dass auch Pflichtschulen wieder auf HomeSchooling umgestellt werden. Vorerst gehe es nur um neun Schultage, danach werde evaluiert. „Sollten die Zahlen dann besser sein, ist eine Aufhebung der Verordnung anzudenken“, so Gappmaier. Er gehe aber davon aus, dass es bis 8. November Home-Schooling geben werde. Sein Appell: „Wir tun das nicht für uns, sondern für die Risikogruppen, für die es um alles geht.“

📈 Anzahl positiv getesteter Schüler und Lehrer in Tirol steigt

Das Land Tirol berichtet am Montag in einer Aussendung, dass nicht nur die Anzahl der infizierten Krankenhaus-Patienten steigt, sondern auch die Zahl der Fälle im Bildungsbereich.

▶️ Ende letzter Woche etwa befanden sich aufgrund von einem oder mehrerer positiver Fälle 42 Schulklassen in Quarantäne, heißt es. Aktuell sind es bereits 78 Schulklassen.

▶️ Knapp 2000 Schüler (Ende letzter Woche noch 1324) und 174 Lehrer (Ende letzter Woche 132) sind demnach laut aktuellen Erhebungen der Bildungsdirektion Tirol in Quarantäne.

„Die Anzahl der positiv getesteten Schüler und Lehrer steigt in den letzten Tagen konstant an. Allein über das Wochenende hat es in diesem Bereich eine Zunahme von 60 aktiv positiven Personen gegeben“, informiert Tirols Bildungsdirektor Paul Gappmaier.

🚍 Eltern protestieren gegen überfüllte Busse

Wegen überfüllter Schulbusse haben der Landeselternverband und die Landesschülervertretung einen offenen Brief an die Landesregierung, den Landtag und Verkehrsbetriebe formuliert. Darin werden die Entscheidungsträger aufgefordert, für mehr Busse zu sorgen. Österreichweit startet eine Petition „Ein Sitzplatz pro Kind in Schulbussen“.

Der Elternverband verlangte zudem von LH Platter sowie der Bildungsdirektion Daten und Fakten für die Entscheidung, die Oberstufen ins „Distance Learning“ zu schicken.

Indes reißen die Proteste erboster Elternvereine nicht ab. So prangerte gestern jener des BRG Adolf-Pichler-Platz in Innsbruck die offenkundige Ungleichbehandlung an, wie Obmann Hannes Moser festhält: „Während K1-Schüler mit einem nachweislich negativen Testergebnis trotzdem zehn Tage zuhause verbringen müssen, dürfen Politiker schon wenige Tage nach einem Test wieder in den Einsatz ziehen.“ Dass LH Günther Platter in Tirol die Schulampel in der Sekundarstufe II de facto auf Rot habe stellen lassen, sei „eine nicht nachvollziehbare Ad-hoc-Entscheidung, die an reinen Aktionismus grenzt“. Unterm Strich werde durch solche Maßnahmen eine „lost generation“ produziert.

Kinder- und Jugendanwältin Elisabeth Harasser schloss sich den Bedenken in einem offenen Brief an Platter an. Er müsse seine Maßnahmen „überdenken“, weil man sonst „der nächsten Generation ihre und damit verbunden auch unsere eigene Zukunft verbauen“ werde. Zumal die Zahl der aktiv positiven Fälle an den Schulen das Heim-Lernen nicht rechtfertige.

Mit Kritik an der Bildungsdirektion lässt die Gewerkschaft Öffentlicher Dienst aufhorchen. Karl Digruber moniert etwa, dass es einerseits „keine klare Vorgabe“ gebe, andererseits über die an einzelnen Schulen autonom bereits entwickelten Unterrichts-konzepte „drübergefahren“ werde: „So sollte die Bildungsdirektion nicht mit den Schulen umgehen.“ (md, mami)


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