Schwere Vorwürfe gegen sieben Verdächtige nach Mord an Lehrer bei Paris

Bei den Ermittlungen zu dem tödlichen islamistischen Anschlag auf einen Lehrer bei Paris ist der Vater einer Schülerin in den Fokus geraten – er hatte in Kontakt mit dem Attentäter gestanden. Der Vater sollte ebenso wie sechs weitere Festgenommene am Mittwoch einem Anti-Terror-Richter vorgeführt werden.

Die französische Flagge auf dem Elysee-Palast war am Mittwoch auf Halbmast gezogen, um dem getöteten Lehrer Tribut zu zollen.
© LUDOVIC MARIN

Paris – Nach dem brutalen Mord an einem Lehrer bei Paris erhebt die Staatsanwaltschaft schwere Vorwürfe gegen sieben Verdächtige. Sie wirft ihnen unter anderem Beihilfe zu einem Mord mit Terrorhintergrund vor, sagte Anti-Terror-Staatsanwalt Jean-François Ricard am Mittwoch. Bisher wurden noch keine formalen Ermittlungsverfahren gegen die Verdächtigen eröffnet.

Unter den Verdächtigen ist auch der Vater einer Schülerin, der im Netz gegen den Lehrer Samuel Paty mobilisiert hatte. Es seien mehrere Nachrichten zwischen dem Vater und dem 18-jährigen Angreifer vor der Tat ausgetauscht worden, so Ricard. Es gebe einen direkten Zusammenhang zwischen den Botschaften des Vaters und der Tat.

Der Vater und der 18-Jährige hatten am Tag des Anschlags Botschaften im Onlinedienst WhatsApp ausgetauscht. Eine Woche vor dem Anschlag hatte sich der Vater im Onlinenetzwerk Facebook darüber beschwert, dass Paty seinen Schülern Karikaturen des Propheten Mohammed gezeigt hatte. In einer von einem Video begleiteten Botschaft rief er zu einem Vorgehen gegen den Geschichtslehrer auf.

Vater von Schülerin rief zu Vorgehen gegen Lehrer auf

Später stellte der Vater dann erneut ein Video ins Internet, in dem er gemeinsam mit einem islamistischen Aktivisten auftrat. Auch dieser Aktivist sollte am Mittwoch dem Richter vorgeführt werden, wie die Nachrichtenagentur AFP aus Justizkreisen erfuhr.

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Die Halbschwester des Vaters soll nach Angaben der Staatsanwaltschaft für die Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) nach Syrien gegangen sein. Die Tochter des Mannes besuchte den Angaben zufolge die achte Klasse der Schule in Conflans-Sainte-Honorine, wo der ermordete Lehrer unterrichtet hatte.

Unter den Festgenommenen, die am Mittwoch vor dem Richter erscheinen sollten, waren AFP-Informationen zufolge ferner drei Freunde des Täters sowie zwei Minderjährige im Alter von 14 und 15 Jahren. Einer der Freunde soll den Täter begleitet haben, als dieser eine bei dem Attentat verwendete Waffe, ein 35 Zentimeter langes Messer, kaufte. Die Minderjährigen werden verdächtigt, dem Täter gegen Geld Informationen über Paty geliefert zu haben.

"Die Untersuchung ergab, dass der Täter zwar den Familiennamen des Lehrers, den Namen der Schule und ihren Standort hatte, aber den Lehrer nicht identifizieren konnte", sagte Ricard. Die Minderjährigen hätten den Lehrer Paty dann gegen Geld identifiziert.

Nach der Bluttat waren insgesamt 16 Menschen in Polizeigewahrsam genommen worden. Neun von ihnen, darunter die Familienmitglieder des Täters, kamen am Dienstagabend wieder frei.

Radikalisierung des Täters soll einige Monate zurückgehen

Nach Angaben von Bekannten des Täters ging dessen Radikalisierung "einige Monate (bis) mehr als ein Jahr zurück". Die Familienangehörigen sagten den Ermittlern, der Täter habe eine "Polemik" mit dem Lehrer erwähnt, jedoch nicht die geplante Tat angekündigt.

Der 47-jährige Paty war am Freitag nahe seiner Schule auf offener Straße von dem 18-Jährigen enthauptet worden. Der Angreifer tschetschenischer Herkunft wurde kurz danach von der Polizei erschossen. Die Polizei ging seither in dutzenden Einsätzen gegen Menschen und Vereinigungen vor, die mutmaßlich dem islamistischen Spektrum angehören oder nahe stehen.

Paty hatte das Thema Meinungsfreiheit im Unterricht behandelt und dabei die Mohammed-Karikaturen verwendet. Diese Karikaturen hatte die Satirezeitung "Charlie Hebdo" veröffentlicht, auf die im Jahr 2015 ein Anschlag mit zwölf Toten verübt worden war.

Macron will verstärkt gegen "radikalen Islam" vorgehen

Macron kündigte am Dienstagabend an, verstärkt gegen den "radikalen Islam" vorzugehen. Ein pro-palästinensisches Kollektiv, das nach dem Gründer der radikalen Hamas-Organisation, Scheich Ahmed Yassin, benannt ist, war dem Staatschef zufolge "direkt" an der Ermordung des Lehrers beteiligt. Es soll am Mittwoch per Beschluss des Ministerrats formell aufgelöst werden.

Das Innenministerium verkündete auch die Schließung einer Moschee im Pariser Vorort Pantin. Dem dortigen Imam wirft die Regierung vor, Paty bedroht und die Adresse seiner Schule veröffentlicht zu haben. Die Moschee soll nach Angaben des Innenministeriums sechs Monate lang geschlossen bleiben.

Die nationale Gedenkzeremonie für Paty am Mittwochabend (19.30 Uhr) soll in der altehrwürdigen Pariser Sorbonne-Universität stattfinden. Bereits die offizielle Veranstaltung für die Opfer der islamistischen Anschläge von 2015 war dort abgehalten worden.

Während der Zeremonie soll Paty posthum der höchste französische Verdienstorden, die Ehrenlegion, verliehen werden. 400 Gäste sollen teilnehmen. Bereits in den Vortagen hatten tausende Menschen bei Versammlungen des Lehrers gedacht. (APA/AFP/TT.com)


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