Gut zu wissen: Was es mit dem Nationalfeiertag auf sich hat

Vor 65 Jahren beschloss das Parlament die Neutralität. Aber seit wann gibt es den Nationalfeiertag? Und wie finden heuer die Feierlichkeiten statt? Diese und weitere Fragen und Antworten zum 26. Oktober finden Sie hier.

Der 26. Oktober wurde erst im Jahr 1965 zum Nationalfeiertag erklärt.
© HANS KLAUS TECHT

Von Benedikt Kapferer

Innsbruck – Am 26. Oktober feiert Österreich den Nationalfeiertag. Das lernen schon die Kinder in der Schule, nicht zuletzt dadurch, dass sie frei haben. Dabei gibt es rund um diesen Tag den Mythos des „letzten Soldaten" und einige andere Fragen: Woher kommt der Nationalfeiertag? Was ist der Unterschied zum Staatsfeiertag? Und wie finden die Feierlichkeiten im Corona-Jahr 2020 statt? Weitere Antworten und Hintergründe zum 26. Oktober gibt es hier.

❓ Wofür steht der Nationalfeiertag?

Ein Nationalfeiertag ist ein gesetzlich beschlossener Feiertag mit großer symbolischer Bedeutung für die nationale Identität eines Staates und dessen Bevölkerung.

Für den Nationalfeiertag in Österreich am 26. Oktober ist der Beschluss der Neutralität zentral. Sie steht in enger Verbindung mit den Folgen des Zweiten Weltkrieges, der Besatzungszeit von 1945 bis 1955 und dem Ost-West-Konflikt.

❓ Was steckt hinter dem Datum des 26. Oktober?

Am 15. Mai 1955 wurde nach zehnjähriger Besatzungszeit der Staatsvertrag unterzeichnet. Damit wurde Österreich zu einem souveränen Staat. Dieser musste anschließend von den Besatzungsmächten (USA, Großbritannien, Frankreich und Sowjetunion) ratifiziert werden. Das beinhaltete auch eine Frist zum Abzug sämtlicher Truppen, welche am 25. Oktober endete.

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Am Tag darauf, am 26. Oktober 1955, beschloss der Nationalrat die „immerwährende Neutralität" (siehe Zitat).

Zu Beginn des Ost-West-Konfliktes (Kalter Krieg) wurde die neutrale Positionierung Österreichs daher zu einem wichtigen Merkmal.

Zum Zwecke der dauernden Behauptung seiner Unabhängigkeit nach außen und zum Zwecke der Unverletzlichkeit seines Gebietes erklärt Österreich aus freien Stücken seine immerwährende Neutralität.
Bundesverfassungsgesetz vom 26. Oktober 1955, Artikel 1

❓ Wann wurde der 26. Oktober zum Nationalfeiertag?

Zum Nationalfeiertag wurde der Tag jedoch erst zehn Jahre nach Erlangen der Souveränität. Bis dahin gab es zwischen 1956 und 1965 den „Tag der Fahne". Dazu sollte jährlich etwa in Schulen feierlich die österreichische Flagge gehisst werden.

Bildquelle: https://go.tt.com/35hIwqw

1965 machte der Nationalrat den Tag per Bundesgesetz offiziell zum „Nationalfeiertag" (siehe Bild rechts). Aufgrund der Bedeutung der am 26. Oktober 1955 erklärten „immerwährenden Neutralität" fiel die Wahl auf dieses Datum.

Vorerst war es aber noch kein gesetzlicher Feiertag. Der Tag sollte zwar „festlich begangen" werden. Die Feiertagsruhe führte das Parlament jedoch erst zwei Jahre später ein.

❓ Was hat es mit dem Mythos des „letzten Soldaten" auf sich?

Das Ende der Frist für die Besatzungssoldaten, innerhalb welcher sie Österreich verlassen mussten, fiel auf den 25. Oktober 1955. Entgegen dem verbreiteten Irrglauben, feiert Österreich den Nationalfeiertag aber nicht wegen dem Abzug der Truppen. Der Anlass und die Begründung sind laut Gesetz der Beschluss der Neutralität.

❓ Seit wann gibt es in der Republik Österreich einen Nationalfeiertag?

Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zerfall der Habsburger-Monarchie kam es am 12. November 1918 in Wien zur Ausrufung der Republik. Im Jahr darauf machte der Nationalrat den 12. November sowie den 1. Mai zu allgemeinen Ruhe- und Festtagen (siehe Zeitleiste).

Der 12. November existierte bis 1934. Im Rahmen der Errichtung der sogenannten „Kanzlerdiktatur" ließ ihn Engelbert Dollfuß aufheben. Seine Bundesregierung ersetzte ihn durch den Gedenktag an die Proklamation der ständestaatlichen Verfassung (1. Mai).

❓ Was ist der Unterschied zum „Staatsfeiertag"?

Der Nationalfeiertag vom 26. Oktober ist nicht mit dem Staatsfeiertag vom 1. Mai zu verwechseln. Der „Tag der Arbeit" erhielt 1949 per Gesetzesbeschluss die Bezeichnung „Staatsfeiertag" (siehe auch Gut zu wissen: Was es mit dem 1. Mai auf sich hat).

Zeitleiste Nationalfeiertag

1919: Der 12. November wurde neben dem 1. Mai zum gesetzlichen Ruhe- und Festtag. Er bezieht sich auf die Ausrufung der Republik vom 12. November 1918.

1934: In der „Kanzler-Diktatur" unter Engelbert Dollfuß wird der 12. November als Feiertag abgeschafft.

1938-1945: Im Nationalsozialismus nutzte das Dritte Reich den 1. Mai als „Tag der nationalen Arbeit".

1949: In der Besatzungszeit erklärt die Bundesregierung den 1. Mai zum „Staatsfeiertag".

15. Mai 1955: Österreich und die vier Besatzungsmächte unterzeichnen den Staatsvertrag.

26. Oktober 1955: Der Nationalrat beschließt die „immerwährende Neutralität". Diese wird in der Zweiten Republik zu einem zentralen Bezugspunkt.

26. Oktober 1965: Der Tag wird offiziell zum „Nationalfeiertag" erklärt. Die Feiertagsruhe kommt jedoch erst zwei Jahre später mit der Festlegung als gesetzlicher Feiertag.

❓ Wie wird der 26. Oktober üblicherweise gefeiert?

Ein wesentlicher Aspekt der Feierlichkeiten sind politische Festakte mit Kranzniederlegungen und Ansprachen des Bundespräsidenten und der Bundesregierung.

Das Bundesheer ist mit einer Leistungsschau am Wiener Heldenplatz sowie mit der Angelobung von Rekruten ebenfalls beteiligt.

Einen Nationalfeiertag mit TT-Konzert und tausenden Besucherinnen und Besuchern auf dem Tiroler Landhausplatz wie in den vergangenen Jahren wird es heuer corona-bedingt nicht geben.
© Thomas Böhm

Traditionell gibt es viele weitere Veranstaltungen an diesem schul- und arbeitsfreien Tag. So bieten etwa Bundes- und Landeseinrichtungen wie Museen, das Parlament oder das Tiroler Landhaus einen Tag der offenen Tür. Konzerte am Landhausplatz sowie eine Leistungsschau am Innsbrucker Flughafen gehörten in den vergangenen Jahren auch zum Angebot in Tirol.

Nicht zuletzt ist die TV-Rede des Bundespräsidenten am Abend im ORF ein fixer Bestandteil des Nationalfeiertages. Im Jahr 2016 gab es aufgrund der vom Verfassungsgerichtshof aufgehobenen Präsidentenstichwahl zwischen Alexander van der Bellen (Grüne) und Norbert Hofer (FPÖ) keinen amtierenden Bundespräsidenten. Die erste Nationalratspräsidentin Doris Bures (SPÖ) hielt bei den Feierlichkeiten am Heldenplatz zwar eine Rede, TV-Ansprache im ORF gab es aber keine.

Ein Klassiker in der Geschichte der Bundespräsidenten-Rede zum Nationalfeiertag ist ein „Remix" aus der ORF-Sendung „Willkommen Österreich" (siehe Video unten). Dabei wurden Auszüge der früheren Amtsinhaber Rudolf Kirchschläger, Kurt Waldheim, Thomas Klestil und Heinz Fischer zu einer neuen, satirischen Ansprache zusammengeschnitten.

📽️ Video | Willkommen Österreich: „Remix" der Bundespräsidenten-TV-Ansprachen

❓ Wie finden die Feierlichkeiten im Corona-Jahr 2020 statt?

In der aktuellen Corona-Pandemie kann der Nationalfeiertag nicht wie üblich begangen werden. Die öffentlichen Veranstaltungen verlagern sich aufgrund der Sicherheitsmaßnahmen vielfach in den digitalen Raum. Das Parlament lädt beispielsweise zu einem „Virtuellen Tag der offenen Tür". Mehrere Videos bieten dabei Einblicke hinter die Kulissen des politischen Alltags.

Bundespräsident Alexander van der Bellen gibt per Drohne eine ganz besondere Führung durch die Hofburg. Im knapp drei Minuten langen Video geht der Flug durch seinen Amtssitz, die Präsidentschaftskanzlei, über den Ballhaus- und Heldenplatz bis in versteckte Winkel auf dem Dachboden. Wem es dabei zu schnell geht und schwindlig wird, kann das YouTube-Video über die Einstellungen (Zahnrad) in geringerer Geschwindigkeit abspielen.

📽️ Video | Alexander van der Bellen – Per Drohne durch die Hofburg

Die heurige 25. Ausgabe der Leistungsschau des Bundesheeres und die Angelobung der Rekruten werden ohne größeres Publikum stattfinden. Der ORF sowie Privatsender übertragen das Event im Fernsehen und im Internet und bieten im Laufe des Tages mehrere Sondersendungen. Der Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky führte bei den ORF-Dreharbeiten über die Vielfalt des Bundesheeres Regie.

Lediglich die Kranzniederlegungen und die Rekrutenangelobung werden wie üblich am Heldenplatz über die Bühne gehen, allerdings ohne Publikum und in Minimalbesetzung. Die politischen Feierlichkeiten beginnen mit einer Ministerratssitzung um 9.10 Uhr im Bundeskanzleramt, danach legt um 9.30 Bundespräsident Alexander Van der Bellen einen Kranz am Äußeren Burgtor nieder, um 10 Uhr folgt die Kranzniederlegung durch die Bundesregierung. Um 10.30 Uhr werden am Heldenplatz symbolisch zwölf Rekruten angelobt. Im Rahmen dessen gibt es Ansprachen von Van der Bellen, Verteidigungsministerin Klaudia Tanner und Kanzler Sebastian Kurz (beide ÖVP).

Vor der Angelobung fliegen sieben Bundesheer-Jets, darunter drei Eurofighter über den Heldenplatz. Den Abschluss bildet auch ohne großes Publikum vor Ort wie gewohnt ein Fallschirmabsprung von Jagdkommando-Soldaten. Die Ereignisse werden im Fernsehen live übertragen. Am Abend steht die traditionelle TV-Ansprache des Staatsoberhaupts am Programm.

❓ Warum gibt es Nationalfeiertage?

Ende des 19. Jahrhunderts kamen vermehrt nationale Strömungen auf und allmählich entstanden heutige Nationalstaaten. Staats- und Nationalfeiertage sind häufig Bezugspunkte für wichtige historische Ereignisse, wie etwa die Staatsgründung selbst.

Die Festtage dienen dazu, eine gemeinsame nationale Identität herzustellen und die gesellschaftliche Einheit zu fördern. Verschiedene Rituale und öffentliche Veranstaltungen wie zum Beispiel die Reden von Politikern, die Kranzniederlegung auf Friedhöfen oder Gedenkstätten, die Leistungsschau des Militärs oder das Singen der Bundeshymne verstärken den nationalen Gedanken.

❓ Welche Nationalfeiertage gibt es in anderen Ländern?

Nationalfeiertage spielen in anderen Ländern ebenfalls eine große Rolle im politischen Jahreskalender. Für die USA, welche als die älteste Demokratie der Welt gilt, ist der 4. Juli zentral. Er bezieht sich auf die Erklärung der Unabhängigkeit von Großbritannien am 4. Juli 1776. Dieses Ereignis führte zum Beginn des Unabhängigkeitskrieges und gilt als Geburtsstunde der US-amerikanischen Nation.

Unsere nördlichen Nachbarn feiern seit 3. Oktober 1990 den „Tag der deutschen Einheit". An diesem Datum kam es nach über 40-jähriger Teilung zur Wiedervereinigung zwischen West- (Bundesrepublik Deutschland, BRD) und Ostdeutschland (Deutsche Demokratische Republik, DDR). Vor wenigen Wochen feierte Deutschland den 30. Jahrestag der Wiedervereinigung (die TT berichtete).

Im Staatenbund der EU gibt es wie auch in anderen Ländern eigene (supra-)nationale Feiertage.
© ROLAND SCHLAGER

Auch die Europäische Union (EU) hat als supranationale, also überstaatliche Organisation einen Feiertag: den Europatag am 9. Mai. Er erinnert an die Schuman-Erklärung, eine Rede des französischen Außenministers Robert Schuman vom 9. Mai 1950. Sie beinhaltete mit der Idee der Gründung einer gemeinsamen Organisation für die Kohle- und Stahlproduktion die Vision eines geeinten Europa. Die Entstehung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) knapp ein Jahr später war ein Meilenstein auf dem Weg zur heutigen EU.

Mit der europäischen Integration rückten internationale Verständigungen in den Vordergrund. Nichtsdestotrotz stellt der Nationalfeiertag in Österreich nach wie vor einen zentralen Bezugspunkt für die Identität und die Geschichte des Landes dar.


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