Vorerkrankungen spielen bei Corona-Todesfällen nur Nebenrolle

Die meisten Covid-19-Patienten sterben an den Folgen des Virus, nicht an ihren Begleiterkrankungen, wie Zahlen aus der Pathologie belegen. Bei starker Einschränkung der Funktionalität verschlechtert sich die Prognose.

Bestimmte Vorerkrankungen und speziell das Alter erhöhen das Risiko für einen schweren Verlauf der Erkrankung.
© LUCAS BARIOULET

Wien – Als Konsequenz steigender Infektionszahlen mit SARS-CoV-2 und den daraus resultierenden Covid-19-Erkrankungen nimmt auch die Zahl der Todesfälle wieder zu. Die Zahlen aus der Pathologie belegen: Die meisten Opfer versterben an Covid-19, nicht an ihren Begleiterkrankungen. Stark eingeschränkte Funktionalität verschlechtert die Prognose.

Falsch ist offenbar die immer wieder in Öffentlichkeit und Medien auftauchende Meinung, die meisten Corona-Opfer gebe es unter den Menschen, die schon vor ihrer SARS-CoV-2-Infektion schwer krank gewesen seien. Ihre zu erwartende Sterblichkeit sei quasi durch Covid-19 „vorverschoben“ worden.

„Das stimmt nicht. Eine Komorbidität (Begleiterkrankung; Anm.) an sich spielt eine geringere Rolle als Einschränkungen in der Funktionalität bei den Patienten. Das ist aber bei allen schweren Erkrankungen, nicht nur bei Covid-19, so“, sagte Walter Hasibeder, nächster Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) am Mittwoch gegenüber der APA.

Höheres Risiko für schweren Verlauf

Bestimmte Vorerkrankungen und speziell das Alter erhöhten natürlich das Risiko für einen schweren Verlauf der Erkrankung. „Wenn aber Covid-19-Patienten sterben, dann zumeist an Covid-19, nicht an den Vorerkrankungen“, erklärte der Intensivmediziner. Sei aber die Funktionalität, also die Kapazität, das tägliche Leben selbstständig zu meistern, stark eingeschränkt, verschlechtere sich die Prognose der Betroffenen.

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„Eine Vorerkrankung wie eine gut eingestellte arterielle Hypertonie oder ein Diabetes bedeuten nicht an sich schon eine Einschränkung der Leistungsfähigkeit“, sagte Hasibeder, Abteilungschef am Krankenhaus Zams in Tirol. Umgekehrt, wie der Experte sagte: „Der Großteil der Patientinnen und Patienten, die während der ersten Pandemiephase an unserer Intensivstation aufgenommen wurden, litt an typischen Zivilisationskrankheiten. Die meisten waren trotz ihres mittleren Alters von 72 Jahren körperlich und geistig fit.“ Ausgerechnet die beiden jüngsten Patienten im Alter von 30 und 40 Jahren hätten schwerstes Lungenversagen entwickelt und hätten an ein ECMO-Gerät für den künstlichen Lungenersatz angeschlossen werden müssen.

Natürlich gibt es eine Alterskurve in der Covid-19-Mortalität. Das Dashboard der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) weist für die Altersgruppe zwischen 55 und 64 Jahren pro hundert Erkrankte bei Männern eine Sterblichkeit von 0,5 Fällen auf, bei den Frauen sind das noch null Fälle. Zwischen 65 und 74 Jahren sterben dann schon 4,5 Prozent der betroffenen Männer und 1,7 Prozent der weiblichen Patienten. Zwischen 75 und 84 Jahren liegt die Covid-19-Mortalität bei den männlichen Erkrankten bei elf Prozent, bei den Frauen fast bei der Hälfte (6,4 Prozent). Die Altersgruppe 84 plus weist eine Covid-19-Sterblichkeit von 22,2 Prozent unter den Männern und eine von 13,9 Prozent bei den Frauen auf.

Mehr als 85 Prozent starben an Covid-19

In Deutschland werteten Pathologen 154 Obduktionen an 68 Instituten aus: 86 Prozent der untersuchten Covid-19-Opfer waren direkt der Virus-Erkrankung erlegen. Das nationale italienische Statistikinstitut (Istat) kam einer ähnlichen Untersuchung auf 89 Prozent. Nur elf Prozent waren mit einer SARS-CoV-2-Infektion an einem anderen Grundleiden gestorben.

Ein deutsches Register über rund 10.000 Covid-19-Patienten zeigte allerdings, dass ein erheblicher Anteil der im Krankenhaus Behandelten Vorerkrankungen aufwies: Mehr als die Hälfte (56 Prozent) Bluthochdruck, 27 Prozent hatte Herzrhythmusstörungen, 14 Prozent eine chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) und sechs Prozent Adipositas.

„Es kommt jeweils darauf an, welche funktionalen Reserven die Patienten aufweisen“, sagte Hasibeder dazu. Und aus den USA gemeldet werde, dass 20 Prozent der wegen Covid-19 Hospitalisierten oder Verstorbenen junge Menschen seien, wäre das auch kein Widerspruch. „Die waren jung, aber nicht gesund.“ Bei Adipositas-Raten von 40 Prozent sei das allein schon ein hohes Risiko. (APA)


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