Nur noch fünf Tage bis zum Urnengang: US-Wahl ist längst voll angelaufen

Am 3. November wird planmäßig der neue Präsident der USA gewählt. Die Wahl ist jedoch längst voll angelaufen. Bereits mehr als die Hälfte aller Stimmen der letzten Wahl 2016 wurden bereits abgegeben. Es wird erwartet, dass es heuer zu einer Rekord-Wahlbeteiligung kommt.

Unterstützer von Kandidat Joe Biden und Vize-Kandidatin Kamala Harris bei einer corona-bedingten "Drive-in-Versammlung".
© ARIANA DREHSLER

Washington – Weniger als eine Woche vor der Präsidentenwahl in den USA haben bereits mehr als 71 Millionen Amerikaner ihre Stimme abgegeben. Das entspricht mehr als der Hälfte (51,6 Prozent) aller Stimmen, die bei der Wahl vor vier Jahren insgesamt abgegeben wurden, wie am Mittwoch aus Daten des U.S. Elections Project des Politikwissenschafters Michael McDonald von der Universität Florida hervorging. 2016 nahmen laut Wahlkommission FEC rund 137 Millionen Amerikaner an der Bundeswahl teil.

In den meisten Bundesstaaten und der Hauptstadt Washington können Wähler ihre Stimmen vor dem eigentlichen Wahltag am 3. November abgeben – entweder per Brief oder persönlich. Im umkämpften Texas haben schon rund 87 Prozent der Gesamtzahl an Wählern vor vier Jahren abgestimmt. In den ebenfalls wichtigen US-Staaten Florida und North Carolina war die Beteiligung ebenfalls hoch.

Bei der Wahl tritt der republikanische US-Präsident Donald Trump gegen den demokratischen Herausforderer Joe Biden an. Außerdem werden alle Sitze im Repräsentantenhaus und gut ein Drittel der Sitze im Senat neu vergeben.

📊 Grafik | Verteilung der Wahlleute nach aktuellen Umfragen

Vorzeitige Wahl und Briefwahl durch Pandemie befeuert

Wegen der Coronavirus-Pandemie war erwartet worden, dass bei den diesjährigen Wahlen mehr Amerikaner als sonst von der Möglichkeit Gebrauch machen, ihre Stimme vor dem eigentlichen Wahltag persönlich oder per Briefwahl abzugeben. Nach den Daten des U.S. Elections Project scheinen bisher erheblich mehr registrierte Demokraten als Republikaner gewählt zu haben. Die Registrierung bei einer Partei sagt nicht unbedingt etwas über das Stimmverhalten aus.

Beobachter jedoch vermuten, dass die frühen Wähler zu einem größeren Teil für Biden stimmen. Das Wahlkampfteam des demokratischen Herausforderers hatte Anhänger aktiv zur frühen Stimmabgabe aufgerufen. Trump bringt die Briefwahl immer wieder und ohne fundierte Belege mit Betrug in Verbindung. Die persönliche Stimmabgabe sei sicherer, sagte Trump am Samstag, als er seine Stimme in einem Wahllokal in West Palm Beach im Bundesstaat Florida abgab.

📽️ Video | ORF-Team berichtet über US-Präsidentschaftswahlkampf

Auszählung könnte auf sich warten lassen

Bei einem Wahlkampfauftritt in West Salem (Wisconsin) kritisierte Trump am Dienstag erneut eine möglicherweise mehrere Tage dauernde Auszählung in einigen Bundesstaaten. Bei den vergangenen Präsidentenwahlen stand der Sieger meist noch in der Wahlnacht fest, dieses Mal könnte es wegen der weiter verbreiteten Briefwahl deutlich länger dauern. Mancherorts dürfen noch am Wahltag abgesendete Stimmzettel gezählt werden. Die Verantwortlichen in mehreren Bundesstaaten, darunter in den besonders umkämpften "Swing States" (Wechselwählerstaaten) Pennsylvania, Michigan und Wisconsin, haben gewarnt, die Auszählung könnte bis Freitag 6. November dauern.

In öffentlich bekannten Umfragen schneidet Trump seit Monaten und auch aktuell schlecht gegen Biden ab. Wegen des komplexen Wahlsystems, in dem es vor allem auf die einzelnen Bundesstaaten ankommt, haben landesweite Erhebungen nur begrenzte Aussagekraft. Allerdings deuten auch die Umfragen in voraussichtlich wahlentscheidenden Bundesstaaten auf einen Vorsprung Bidens hin.

📊 Grafik | So sind die Wahlleute derzeit verteilt

Umfrage sieht Biden in "Swing State" Wisconsin 17 Prozent vorne

Eine neue Umfrage der "Washington Post" und des Senders ABC sieht Biden in Wisconsin bei 57 Prozent, Trump bei 40 Prozent. Nach Einschätzung der Meinungsforscher hat Trump dort vor allem wegen des raschen Anstiegs der Corona-Neuinfektionen an Zustimmung eingebüßt. 2016 konnte sich Trump in Wisconsin mit 0,7 Prozentpunkten Vorsprung gegen Hillary Clinton durchsetzen - und gewann so alle dort zu vergebenen Wahlleute.

Der US-Präsident wird nur indirekt vom Volk gewählt. Die Stimmen der Wähler entscheiden über die Zusammensetzung des Wahlkollegiums, das dann den Präsidenten im Dezember stellvertretend für das Wahlvolk wählt. Für einen Sieg braucht ein Kandidat nicht die höchste absolute Stimmenzahl, sondern die Mehrheit der 538 Wahlleute – also mindestens 270.

Trump nur eigenen Umfragen

Der republikanische Amtsinhaber rechnet eigenen Aussagen zufolge weiterhin mit einem Wahlsieg. Die "echten Umfragen zeigen, dass ich gewinne", schrieb Trump auf Twitter. Er bezeichnet die öffentlich bekannten Erhebungen häufig als gefälschte Umfragen, die keinen Wert hätten. Die Parteien erheben auch interne Daten, die nicht zugänglich sind.

Im Hinblick auf seine gut besuchten Wahlkampfauftritte schrieb Trump, dessen Partei traditionell mit der Farbe rot assoziiert wird, am Dienstag bei Twitter: "Die große rote Welle kommt!!!" Der Präsident ist im Moment auf Wahlkampftour mit teilweise mehreren Reden pro Tag vor Tausenden Teilnehmern. Bidens Veranstaltungen sind – mit Rücksicht auf die Corona-Abstandsregeln – deutlich kleiner. (TT.com, APA, dpa)


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