Experte nach Attacken in Frankreich: Könnte zu weiteren Taten kommen

Terrorismusexperte Nicolas Stockhammer von der Uni Wien sieht einen neuen Tätertyp, der sich selbst radikalisiert, aber im Internet weitere Inspirationen holt. Auch die Corona-Krise spiele dem Konflikt in die Hände.

Eine Angehörige der Opfer des Messerangriffs in Nizza.
© VALERY HACHE

Nizza/Wien – Der Terrorismusexperte Nicolas Stockhammer von der Universität Wien schließt nach der heutigen Angriffsserie in Frankreich „absolut nicht aus", dass es zu weiteren Anschlägen kommen könnte. Er identifizierte im Gespräch mit der APA einen neuen Tätertyp: Personen, die sich selbst radikalisieren, aber im Internet inspirieren. In den letzten Monaten sei es dort zu einem drastischen Anstieg der Radikalisierung gekommen. Befeuert werde das durch die Corona-Pandemie.

Die Rolle von Corona sei in diesem Zusammenhang an der Oberfläche nicht so sichtbar. Das Internet sei aber was Radikalisierung betrifft, der „Gewinner der Pandemie". Das habe einen starken Einfluss auf potenzielle Attentäter, die sich dort in ihren Ideen bestärken und Inspirationen holen würden.

Der primäre Grund der derzeitigen Vorfälle sei aber, dass man durch die Wiederveröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in der französischen Satirezeitung Charlie Hebdo in der muslimischen Community ein gewisses Gefühl der „Befremdnis und Abstoßung" generiert habe. „Dies hat sehr stark den extremistischen Rändern in die Hände gespielt und für die jihadistische Community, die gerade in Frankreich ausgeprägt ist, war das die Initialzündung oder der Katalysator für eine weitere Eruption der Gewalt", analysiert Stockhammer.

Streit zwischen Erdogan und Macron befeuert Konflikt

Durch die Auseinandersetzung zwischen dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan habe das Ganze eine geopolitische Dimension bekommen, die wiederum nach Frankreich zurückgespielt worden habe. Eine Erdogan-Karikatur in der Satirezeitung hatte den zuletzt eskalierten Streit zwischen Macron und Erdogan befeuert. Auslöser der jüngsten Spannungen waren Macrons Aussagen zur Verteidigung der Meinungsfreiheit nach einem islamistischen Anschlag auf einen Lehrer bei Paris, der Mohammed-Karikaturen von Charlie Hebdo in seinem Unterricht gezeigt hatte. Erdogan rief daraufhin u.a. zum Boykott französischer Waren auf und kündigte juristische und diplomatische Schritte an.

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Dass scheinbar gerade Frankreich das Problem mit dem Terrorismus und der Radikalisierung nicht in den Griff bekomme, erklärt Stockhammer mit strukturellen Problemen. Durch die starke Segregation gebe es „gewissermaßen Enklaven", wo sich leicht Gruppierungen sammeln und Parallelgesellschaften entstehen konnten. Zudem habe Frankreich immer schon durch seine laizistische Prägung vor allem für radikale Auslegungen der Religion eine Angriffsfläche geboten.

Phänomen des neues Attentäters könnte überschwappen

Stockhammer glaubt, dass das derzeitige Phänomen überschwappen könnte auf Länder wie Deutschland oder Belgien. Man habe es mit einem neuen Typ eines Attentäters zu tun, den er „Einzeltäter plus" nannte. „Das sind Personen, die sich selbst radikalisieren, aber Anleitung und Inspiration holen bei anderen Jihadisten, (...) bei Newsforen oder durch Videos". Der Terrorismus habe sich zuletzt transnationalisiert und virtualisiert. Lose und von Terrornetzwerken entkoppelte Einzeltäter seien zu beobachten.

Der Experte könne sich auch aus dem Spektrum des rechtsextremistischen Terrorismus „die eine oder andere Antwort" auf die aktuelle Kette von Ereignissen vorstellen: „Ich gehe davon aus, dass es auch einen rechtsextremistisch motivierten Anschlag in Kürze geben wird und das wird Öl im Feuer dieser ganzen Dynamik sein", so Stockhammer.

Charlie Hebdo sollte „deeskalativ und moderierend" wirken

Charlie Hebdo sollte seiner Meinung nach derzeit eher „deeskalativ und moderierend" agieren. „Ich persönlich würde jetzt nicht noch einmal eine Mohammed-Karikatur veröffentlichen", so Stockhammer. Seine eigenen Werte sollte das Satiremagazin aber dennoch nicht verkaufen: „Man muss jetzt nicht kniefällig werden, man könnte zum Beispiel die Terroristen aufs Korn nehmen, um sie der Lächerlichkeit preisgeben."

In der südfranzösischen Metropole Nizza kam es am Donnerstag zu einer Messerattacke mit drei Toten. In Montfavet, nahe von Avignon, bedrohte zudem ein Mann Passanten mit einer Pistole. Die Polizei erschoss den Mann. Bei einer Messerattacke auf das französische Konsulat im saudi-arabischen Jeddah wurde außerdem ein Wachmann verletzt. Die französische Regierung rief daraufhin die höchste Terror-Warnstufe aus. (APA)

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