"Herausforderung für die Freiheit in Europa": Presse zum Anschlag in Nizza

Nach einem islamistisch motivierten Anschlag in Nizza mit drei Toten warnt die europäische Presse einhellig vor den Gefahren von Terror und Islamismus. Die Hoffnung, dass die Menschheit im Kampf gegen die Corona-Pandemie zusammenrücke sei in Ferne gerückt, schreibt ein Medium.

Frankreich im Alarmmodus: Ein schwer bewaffneter Polizist sichert die Sacre Coeur Basilica in Paris.
© THOMAS COEX

Nizza – Zur Messerattacke mit drei Toten im französischen Nizza schreiben internationale Zeitungen am Freitag:

Frankfurter Allgemeine Zeitung:

"Der Anschlag von Nizza markiert eine neue Phase des islamistischen Terrors in Europa. In Frankreich war eine Terrorwarnung ausgerufen worden, nachdem der Lehrer Samuel Paty enthauptet worden war. Die Stimmung wurde seither aufgeheizt, nicht zuletzt mit Boykottaufrufen gegen Frankreich. In diesem Kontext hat der Täter in einer Kirche drei Menschen ermordet, einen davon enthauptet. Eine derart abscheuliche Gewalt sah man bislang lediglich beim 'Islamischen Staat', der in Syrien und im Irak Menschen enthauptet hat. Dort wird der IS zurückgedrängt – in Europa findet er Nachahmer. In den Fokus rücken Einzeltäter, die im Internet zu ihren Untaten getrieben werden und nur schwierig rechtzeitig zu entdecken sind. ... Die Frage ist, ob vernünftige islamische Religionsgelehrte solche potenziellen Einzeltäter erreichen können ..."

Die Welt (Berlin):

"Eine Ideologie, die Morde als Reaktion auf hypothetische Prophetenbeleidigung für gerechtfertigt hält, muss konsequent bekämpft werden. Sie ist nicht nur die größte Herausforderung für Frankreich, sondern für die Freiheit in ganz Europa. Der Kampf gegen sie muss eine europäische Priorität werden. Es wäre hilfreich, wenn man in Deutschland einsähe, dass der Islamismus die größere Bedrohung unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung darstellt als einige verschärfte Coronamaßnahmen. Das hier ist unser Freiheitskampf."

De Telegraaf (Amsterdam):

"Was genau den Täter dazu getrieben hat, eine ältere Frau zu enthaupten und zwei andere Menschen zu erstechen, ist zwar noch nicht bekannt. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die als terroristischer Anschlag eingestuften Morde etwas mit den verschärften Spannungen wegen der Mohammed-Karikaturen zu tun haben. Die Mordtaten scheinen weit von uns entfernt verübt worden zu sein, doch die Niederlande liegen dichter an der Front, als wir denken. Während der Terrorist in Nizza 'Allahu akbar' rufend mordete, stand am Donnerstag in Amsterdam Jawed S. in seiner Berufungsverhandlung vor dem Richter. Das ist der Mann, der 2017 auf dem Amsterdamer Hauptbahnhof zwei Touristen wegen des Wettstreits mit Mohammed-Karikaturen niedergestochen hatte, den (der rechtspopulistische niederländische Politiker) Geert Wilders organisieren wollte. (...) Weil die Karikaturen nun in Frankreich erneut publiziert wurden, ruft Al-Kaida wieder zu Anschlägen gegen die Redaktion und gegen andere Europäer auf, die den Islam beleidigt haben sollen. Unter ihnen Wilders, der in türkischen Medien öffentlich als Feind dargestellt wird."

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Rzeczpospolita (Warschau):

"In Frankreich sind Anschläge nichts Fremdes: Allein seit dem Anschlag auf die Redaktion von 'Charlie Hebdo' im Jahre 2015 hat die Polizei mindestens 20 ernste Angriffe durch Islamisten registriert. Die Welle der Anschläge, die die Republik in den vergangenen Tagen erlebt, hat jedoch ein besonderes Ausmaß. Man muss hier von einem zivilisatorischen Zusammenstoß zweier Dogmen sprechen, die sich gegenseitig ausschließen. Auf der einen Seite die laizistische Republik, die sich auf die Meinungsfreiheit und die Befreiung des öffentlichen Raums von religiösen Zeichen stützt. Und auf der anderen Seite der Islam, der die Darstellung Gottes und seines Propheten verbietet, umso mehr in der Form einer Karikatur.

Frankreich, das seit zwei Generationen Muslime aufnimmt, war überzeugt, dass das erste dieser Ideale ohne Probleme gewinnt, dass jeder auf französische Art leben will: modern und in Wohlstand. Diese Prognose hat sich jedoch nicht erfüllt. Denn unter den Bedingungen einer wirtschaftlichen Dauerkrise und hoher Arbeitslosigkeit haben nicht alle einen vollwertigen Platz in der französischen Gesellschaft abbekommen. Und die muslimischen Migranten wurden an erster Stelle ausgeschlossen."

Politiken (Kopenhagen):

"Als ob 2020 nicht herausfordernd genug wäre, hat der Terror nun wieder sein hässliches Gesicht in Europa gezeigt. Zum dritten Mal in zwei Monaten ist Frankreich von einem extrem brutalen Angriff getroffen worden. Präsident Emmanuel Macron hat ganz richtig erklärt, dass Terrorangriffe in ihrem Kern ein Kampf gegen westliche Werte sind. Wir alle müssen in diesen Tagen die Franzosen unterstützen. Ihr Kampf ist unser aller Kampf.

Es ist dabei wichtig, nicht in die Falle der Terroristen zu tappen. Natürlich muss der Terror bekämpft und hart bestraft werden. Aber zugleich dürfen wir die Angst nicht unsere Freiheit untergraben lassen. Wir dürfen auch nicht zulassen, dass es den Terroristen gelingt, eine Spaltung zu schaffen, die in der Realität nicht da ist. Der überwiegende Großteil der muslimischen Minderheit in Europa, auch in Frankreich, besteht aus friedlichen, demokratischen und gesetzestreuen Bürgern. Unsere Werte sind ihre Werte. Terror und Angst können kurzfristig gewinnen. Aber langfristig wird die offene Gesellschaft immer die stärkste sein."

24 Tschassa (Sofia):

"Die Schlachterei in Frankreich zeigte, dass die Coronaviruspandemie die bisherigen Krisen nicht abgelöst hat, sondern dazugekommen ist. Die Illusion, dass die Menschheit wegen der unsichtbaren Bedrohung verbundener und vereint sein wird, ist nur eine Illusion. Nichts Altes ist vergessen. Die Menschheit ist dümmer als wir denken. Wäre das ganze Geld, das für Sicherheit, Verteidigung und Waffen ausgegeben wird, für die Schaffung von Impfstoff verwendet worden, dann wäre er längst fertiggestellt. Stattdessen fallen wir zur Tagesordnung des 10. Jahrhunderts zurück. (...) Das, was sie (die islamischen Terroristen) tun, ist unzulässig, und sie müssen hart bestraft werden. Dies ist aber die vierte Krise wegen Karikaturen des Propheten. Ist es nicht Zeit, dass man versteht, dass man damit wohl aufhören sollte? (...) Es ist Zeit, dass die Menschheit ein bisschen gesunden Verstand wiederfindet."

Pravo (Prag):

"Der Alptraum aller Politiker ist es, zwei Krisen parallel bewältigen zu müssen. Eine solche Situation sehen wir nun in Frankreich. Das Land kämpft nicht nur wie viele andere mit der Coronaviruspandemie, sondern auch mit terroristischen Anschlägen radikaler Islamisten. Zuerst war da der Mord an dem Lehrer Samuel Paty, dann der Messerangriff mit drei Toten in Nizza. (...) Kehrt der Terrorismus in die Straßen westeuropäischer Städte zurück, wie das mit großer Intensität in den Jahren 2015 und 2016 der Fall war? Ausschließen lässt sich das nicht. (...) Man muss die Dinge klar beim Namen nennen: Die Ideologie des radikalen Islamismus ist der Nährboden für terroristische Taten wie die in Frankreich. Das muss endlich auch die Migrationspolitik der Europäischen Union berücksichtigen."

La Vanguardia (Barcelona):

"Das Frankreich von (Staatschef Emmanuel) Macron liegt international im Clinch mit der Türkei von (Präsident Recep Tayyip) Erdogan. Noch beunruhigender ist jedoch die innenpolitische Front. Innerhalb der Grenzen des Hexagons, wo der Versuch, die Bevölkerung muslimischer Herkunft zu integrieren und sie für republikanische Werte zu gewinnen, oft scheitert. Man schafft es nicht, Anschläge wie den von gestern zu verhindern. Solche Attacken muss man natürlich verurteilen, man muss die Verantwortlichen bestrafen. Die Lösung des Konflikts ist aber schwierig. Denn es handelt sich nicht nur um eine politische oder religiöse Frage. Es ist auch ein soziales und wirtschaftliches Problem. Viele Muslime, manchmal der dritten oder vierten Generation, leben in Frankreich in überfüllten Vorstädten unter schwierigen Bedingungen. Ihre schlechten Zukunftsaussichten hindern sie daran, diese republikanischen Werte zu schätzen. Das ist ein Nährboden für Radikalisierung. Und das wird so bleiben, solange diese Menschen keine besseren Perspektiven sehen. Das ist nicht nur ein französischer Konflikt, obwohl er in unserem Nachbarland besonders deutlich zu Tage tritt. Es ist ein Kampf der gesamten Europäischen Union, die vereint, solidarisch und ihren Grundprinzipien treu bleibend dagegen vorgehen muss."


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